53. Kapitel

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Toby war aus dem schuldlosen Schlaf in der harten Realität gelandet, noch bevor sich die Sonne erhoben hatte. Schlagartig war die Erkenntnis über ihn hereingebrochen. In der kühlen Einsamkeit seines Zimmers hatte sich eine schreckliche Gewissheit Bahn gebrochen.
Er hatte geträumt eine innere Stimme hätte ihn dazu verführt sich zu verwandeln und weit davon zu fliegen. Eine Stimme von der er immer gemeint hatte, dass sie ihm selbst gehöre und gegen die er sich nicht zu wehren wusste.
Doch dem war nicht so. Es war nicht sein eigenes Verschulden, dass er seine Gestaltwechsel nicht kontrollieren konnte.
Toby hatte abrupt die Decke zur Seite geschlagen und sich eiligst angezogen.
In ihm herrschte eine merkwürdige Leere, als er aus dem Haus in die rosa-goldene Morgenröte trat.
Seichte Nebelfetzen zogen sich über die Wiese. Als er über den Abgrund hinaus blickte, lag unter ihm eine reine, weisse Wolkendecke. Nur vereinzelte Hügelspitzen ragten durch den dicken Nebel.
Seit längerem rannte er nun völlig verzweifelt über das Feld vor dem Gasthaus. Er wusste nicht genau, was ihn dazu antrieb, doch er hatte das mächtige Bedürfnis sich zu verwandeln. Er wollte sich endlich selbst beweisen, dass er es konnte. Er wollte zeigen, dass er noch völlig über sich selbst verfügte. Er war nicht verrückt.
Seine langen Beine machten sich selbständig während er sich mit aller Kraft konzentrierte, absprang und jedes Mal unsanft auf dem Boden aufprallte.
Stöhnend wand er sich im taufrischen Gras. Seine Hände krallten sich in die feuchte Erde. In seinem Herzen wütete ein Tsunami der Gefühle. Er dachte an all die Menschen die er liebte und die er mit seinem Versagen immer wieder bestätigte. In ihren Augen musste er komplett unfähig sein.
Tränen traten in seine Augen. Doch er gab der Erschöpfung nicht die Chance ihn zu übermannen. Stattdessen liess er seiner Wut freien Lauf und seine Tränen versiegten. Ein ungeheurer Hass den er auf sich selbst hatte, veranlasste ihn dazu sich erneut zu erheben.
Er hatte sich sein Leben lang von allen zum Narren halten lassen, doch damit war jetzt Schluss. Es gab nur einen der über ihn bestimmte und das war er selbst. Mit erhobenem Kopf und zu Schlitzen verengten Augen, schritt er beinahe andächtig auf die Klippe zu. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Entweder er würde fliegen oder fallen, es gab nichts dazwischen.
Er breitete entschlossen die Arme aus und tat den Schritt ins nichts.

Doch das was ihn empfing war nicht nichts. Im
Gegenteil, eine Wärme breitete sich in ihn im aus, die ihm wohlige Geborgenheit vermittelte und ihn vollständig ausfüllte. Als würden sich schützende Hände um ihn legen, die ihn auffingen. Die weisse Decke breitete sich, wie ein Bettlaken über ihm aus.
Jemand anderes drängte sich auf einmal in seine Gedanken und übernahm die Kontrolle. Dieser Jemand drängte ihn mit einer ungeheuren Kraft und gleichzeitiger Sanftheit beiseite.
Toby stutze. Es war nicht unangenehm. Beinahe liess er den Eindringling gewähren. Erst als dieser ihn schon fast ganz verdrängt hatte, besann er sich. Mit all seiner Kraft begann er sich gegen ihn zu wehren, um wieder Herr seines eigenen Körpers zu werden.
Langsam und angestrengt erstritt er sich seinen Platz zurück. Der Eindringling liess ihn gewähren. Er schien darauf gewartet zu haben , dass Toby sich wehrte.
Sie waren sich nun ebenbürtig. Seite an Seite schwebten sie, mit der ungeheuren Energie zweier fest verbundener Seelen.
Toby konnte nun alles wahr nehmen, was er bis anhin in seinem tranceartigen Zustand verpasst hatte. Zum ersten Mal öffnete er als Falke die Augen und sah, von hoch oben auf das unter ihm liegende Land hinab. Ihm wurde sogleich klar, dass es nichts gab was ihn dafür entschädigen würde, dass ihm dies so lange vorenthalten geblieben war.
Unter ihm die vielen von Asche gefärbten Hügel, die so dicht an dicht zusammenstanden, dass man beinahe vom einen zum anderen hüpfen konnte, jetzt aber unter der Wolkenschicht versteckt waren.
Doch weiter hinten löste sich der Nebel langsam auf.
Aus der Richtung aus der sie gekommen waren, sah er die einsam daliegende Wüste und das Meer.
Sowie den Fluss welcher das Meer nährte und der zu dem farbenfrohen Paradies führte, das die Meerjungfrauen ihr Zuhause nannten.
Er konnte die endlos wirkenden Felder und Wiesen von Larea erahnen, auf denen die pralle Vielfalt an Obst, Gemüse und Getreide von der heftig scheinenden Sonne verbrannt worden war.
Die Ganze Landschaft schien gelitten zu haben. Das Gras war braun, die Blätter vertrocknet.
Dahinter, kaum sichtbar am Horizont, lag die Klippe abgeschieden und endlos. Was danach kam war nicht aus zu machen, doch er erinnerte sich an Dannys Zuhause, das Schattental von welchem er in einer dunklen Gewitternacht heimgekehrt war, einen kleinen unschuldig wirkenden Jungen im Schlepptau.
Aufgebracht schlug er mit seinen Schwingen. Sie waren schon so lange nicht mehr benutzt worden, dass sie sich steif und kraftlos anfühlten. Er taumelte und hielt sich nur mit Mühe in diesen ungewohnten Höhen. Da griff die Seele des Eindringlings ein und verhalf ihm zu einer sicheren Lage. Er war mit den verschiedenen Luftströmen vertraut und bewegte sich wie ein Tänzer im Wind.
Toby gefiel das nicht. Er wollte keinem Fremden Zugang zu seiner Seele gewähren. Er erinnerte sich an die Übung die er mit Alan gemacht hatte.
Ein letztes Mal sammelte er seine ganze Energie und kratzte jedes Gefühl, jede noch so kleine Emotion zusammen. Mit ihnen ging er gegen den Eindringling vor. Er warf sie ihm mit voller Wucht entgegen.
Der Eindringling schwankte und das Band, welches sie zusammenhielt zerriss.
Toby fiel mit ihm, entkräftet von dem inneren Kampf.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt