3. Kapitel

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Toby wachte mitten in der Nacht auf. Zuerst Verstand er nicht was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Doch dann spürte er etwas ungewöhnliches bei seinen Füßen.
Es war der Junge mit den blauen Augen, der sich am Fußende zusammengerollt hatte und friedlich schlief. Er musste sich irgendwann zu ihm ins Zimmer geschlichen haben. Zuerst war es Toby unangenehm eine fremde Person in seinem Bett zu haben, doch der Kleine sah so friedlich aus, so unschuldig. Sein Brustkorb hob und senkte sich mit jedem Atemzug. Ein schlechtes Gewissen beschlich Toby. Er hatte sich nach der Auseinandersetzung mit seiner Mutter überhaupt nicht mehr um den Jungen gekümmert. Dabei hätte der das doch verdient. Er fühlte sich irgendwie verantwortlich für ihn. Also stand er leise auf und deckte ihn vorsichtig mit einer Decke zu. Dann legte er sich so hin das Danny genug Platz hatte.

Als er am nächsten Morgen aufwachte lag er nicht mehr in seinem Bett, sondern daneben auf dem Teppich. Er richtete sich verschlafen aus seiner unbequemen Position auf.
Danny befand sich nicht mehr im Zimmer. Jedoch war seine Decke zerwühlt. Hoffentlich, hatte er wenigstens gut geschlafen. Toby stand auf und ging als erstes in das gegenüberliegende Bad.
Er besass den zweiten Stock, bestehend aus Bad und seinem Zimmer, allein für sich. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und merkte wie seine Lebensgeister erwachten. Im Spiegel sah er dass seine Haare wie jeden morgen in alle Richtungen abstanden. Sie waren von einem ganz normalen Braun. Auch seine Augen waren nicht besonders, ein dunkles, stumpfes Blaugrau. Seine Körperstatur war schmächtig, groß und schlaksig, wie immer.
Er trat aus dem Bad und lief die Treppe runter. Jeder Schritt durch ihr lichtdurchflutetes Haus war ihm vertraut, schließlich hatte er hier sein gesamtes Leben verbracht. Das Haus war zwar nur klein, doch die gemütliche Einrichtung liess jeden Raum grösser wirken. Durch die Schiebetür, die zur Terrasse führte und die bei schönem Wetter immer offen stand, wehte frische Luft.
Der untere Stock lag verlassen da, weder seine Mutter noch Danny waren aufzufinden. Unruhe breitete sich in Toby aus. Hatte seine Mutter Danny etwa doch rausgeschmissen, oder war der Junge weggelaufen? Er ermahnte sich selbst, mit den Hirngespinsten aufzuhören. Vor dem Bücherregal im Wohnzimmer, lagen einige Bücher geöffnet herum. Auf den Bildern waren Bäume, Kräuter und andere Pflanzen abgebildet, daneben beschrieben ihre Wirkung. Von Heilmethonden verstand seine Mutter etwas, denn Natur vertraute sie. Es kam ihm komisch vor, dass sie ihre kostbaren Bücher plötzlich so ungeschützt herumliegen ließ. Aber vielleicht war ja gar nicht sie diejenige gewesen, die sie sich angesehen hatte? Er räumte sie zurück ins Regal. Als sein Blick kurz zur Terrasse glitt, bemerkte er draußen eine Person.

Er trat durch die Schiebetür ins Freie. Ihr kleines Häuschen lag einsam oberhalb einer Klippe, ihre Terrasse ragte darüber hinaus. Mitten in der Terrasse war ein Loch eingelassen für einen großen alten Baum der von unten herauf wuchs, auf ihm konnte Toby ewig sitzen und lesen. Das Land unter ihnen schien sich bis weit über den Horizont zu erstrecken. Die Sonne war gerade aufgegangen. Bestrebt mühte sie sich ihre Strahlen durch die alltäglich vorherrschende Wolkendecke zu schicken. Den blauen Himmel dahinter hatte Toby noch nie ganzheitlich bewundern können. Trotzdem war es eine atemberaubende Aussicht.
Der Junge stand an der Brüstung und blickte in die Ferne. Seine blonden Haare wurden vom Wind zerzaust. Toby fiel auf dass er nicht mehr den Pyjama von gestern Nacht, sondern eine alte Jeans und ein T-Shirt von ihm trug, welche ihm beide viel zu groß waren.
"Hallo", vorsichtig trat er an ihn heran.
"Guten Morgen", der Junge drehte sich nicht um sondern starrte fasziniert weiter geradeaus. Als Toby auch an die Brüstung trat, sah er den träumerischen Ausdruck im Gesicht des Jungen.
"Was ist das?", fragte dieser unvermittelt.
"Was meinst du?" Toby stutzte.
"Das alles." Danny schien seinen Blick gar nicht mehr loslösen zu wollen.
Toby zögerte:"Gefällt es dir?"
"Ja."Seine eisigen blauen Augen strahlten.
"Es ist wirklich fantastisch", seuftze Toby. Er konnte Dannys Begeisterung gut nachempfinden. Er zeigte auf einen Punkt unter ihnen;" Siehst du, da unten, gar nicht so weit entfernt, das ist Larea, die liebliche Stadt. Früher wurde sie auch die strahlende Stadt genannt, aber sie hat schon vor langer Zeit ihren Glanz verloren", rezitierte er die Worte seiner Mutter.
Die Stadt lag nicht weit von der Klippe entfernt. Sie war so fein und zierlich, dass man meinen könnte jeder Sturm würde sie sofort wegfegen. Ihre kreisrunde Form wurde eingerahmt von einer beträchtlichen Mauer. Um sie herum lagen saftige Weiden und reiche Felder. Früher, so sagte man, hatte Larea tagsüber regelrecht geleuchtet, doch nun sah sie glanzlos und trüb aus, unter der dicken grauen Wolkendecke. Trotzdem, war sie in Tobys Augen wunderschön.
"Warum früher? Was ist passiert?" Danny löste seinen Blick.
"Es gab einen Krieg, mehr weiss ich auch nicht."
Danny schien enttäuscht. Toby hätte ihm gern noch mehr erzählt aber auch sein Wissen war leider bald einmal ausgeschöpft.
"Was weißt du noch." Wissbegierig schaute Danny ihn an.
"Nicht besonders viel", er seufzte frustriert. Seine Mutter wusste viel mehr über solche Dinge, doch sie weigerte sich strikt ihm irgendetwas davon zu erzählen.
Doch davon ließ sich Danny nicht beirren:"Was ist zum Beispiel dort hinten?"
Toby folgte seinem Fingerzeig nach Norden. Dort erstreckte sich eine mächtige Bergkette von West nach Ost. Vor ihr lag einsam eine große, grasbewachsene Ebene.
"Das ist das Brendetten Gebirge und davor liegt die Weite Ebene."
In Geografie kannte Toby sich aus. Er hatte oft die vielen Landkarten studiert, die bei Ihnen im Überfluss herumlagen. Sein Vater hatte sie alle gezeichnet. Laut seiner Mutter, war dies seine Arbeit gewesen bevor er starb.
Und auch wenn Tobys Informationen nur mickrig waren, fragte Danny ihn immer weiter. Toby fing an Gefallen daran zu finden ihm alles zu erzählen. Er mochte es wenn Dannys Augen aufleuchteten.
Als er ihm gerade beteuerte, dass er nicht wüsste was hinter dem riesigen Wald käme, der in weiter Ferne vor ihnen lag, räusperte sich jemand hinter ihnen.
"Entschuldigt Jungs, wenn ich euch störe. Ich wollte mit dir sprechen, Danny."
Toby zuckte zusammen. Seine Mutter führte Danny ins Haus der breitwillig mitging. Toby ignorierte sie. Er hatte ihren Streit gestern noch nicht vergessen.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt