Christine fröstelte. Kühle Abendluft wehte durch das offene Fenster. Fernes Donnern kündigte ein Gewitter an. Sie blickte auf und schnitt sich im gleichen Moment mit dem Messer, mit dem sie Stücke von einem alten, bereits harten Brot abgeschnitten hatte, in den Finger.
Es war ein tiefer Schnitt der sogleich fest zu bluten anfing. Schnell griff sie nach einem alten Putzlappen, der noch einigermassen sauber war und wickelte ihn behelfsmässig um ihren Finger.
Ein leichtes Schwindelgefühl überkam sie und sie eilte aus der Küche ins Esszimmer, das gleichzeitig als Wohnzimmer herhielt. Sie stellte sich vor das offene Fenster und sog tief die frische Luft ein.
Vom Fenster her hätte sie theoretisch auf einen der dicken Äste der grossen, alten Eiche, die etwas rechts neben dem Fenster stand, klettern können.
Ben hatte das schon einmal gemacht. Er war in der Nacht rausgeklettert und abgehauen. Ben redete oft davon, einfach abzuhauen und alles hinter sich zu lassen.
Damals hatte sie wirklich geglaubt er hätte es geschafft. Doch dann war die Nachricht eines Bauern aus dem Nachbardorf gekommen, er hätte einen grossen schwarzhaarigen, braungebrannten Burschen aufgelesen.
Ihr Besitzer war hingefahren um Ben zu holen. Christine hatte ihn noch nie so wütend gesehen. An jenem Abend hatte er Ben geschlagen und zwar so, dass sogar Ben mit seinem starken Willen und ungebrochenen Stolz, zusammengebrochen war. Danach hatte er tagelang kein Wort mehr geredet. Nur Danny war noch an ihn herangekommen.
Christine richtete ihren Blick in die Ferne. Der Himmel war, wie so oft von mächtigen, dunkeln Wolken besetzt. Doch weit entfernt am Horizont befand sich noch ein kleiner Streifen der sich den grauen Riesen widersetzte. Das Rot und Orange der untergehenden Sonne drang durch den Spalt und schien den gesamten Himmel auszufüllen. Es erweckte in ihr ein ungewohntes Gefühl der Sehnsucht.
Bis jetzt hatte sie sich noch nie ernsthafte Gedanken darüber gemacht von hier fortzugehen. So etwas würde sie nie wagen.
Sie wandte ihren Blick nicht ab, bis die Sonnenstrahlen schwächer wurden und der mickrige Streifen von den anderen Wolken eingenommen wurde. Das Licht verschwand hinter den riesigen Hügeln, die das Tal in dem sie lebten von allen Seiten umschlossen. Mit ihm verschwand das befreite Gefühl und machte einer erdrückenden Leere platzt. Ihr wurde eiskalt.
Der Donner kam näher.
Wenn bloß ihre Besitzer sie nicht so sahen, wie sie faulenzte und nichts tat. Obwohl die beiden für ein paar Tage verreist waren, lag im Raum immer noch diese kalte Atmosphäre. Wie ein Schatten umschloss sie das ganze Haus.
Jetzt wo die Sonne untergegangen war, kroch die Dunkelheit ins Zimmer. Christine begann zu zittern. Schnell schloss sie das Fenster. Sie wollte sich nicht an die Schläge und Beleidigungen erinnern, die sie beinahe täglich ertrug. Vor allem aber wollte sie nicht daran denken wie ihr Besitzer sie manchmal ansah, sie begrapschte.
Einmal hatte Ben sie verteidigt und sich dazwischen gestellt. Christine wusste, dass er das nicht tat weil er sie besonders mochte, er fühlte sich als der älteste bloss verantwortlich für sie. Normalerweise war er immer kühl und abweisend zu ihr. Sie waren einfach zu unterschiedlich. Sie selbst war unterwürfig, ängstlich und lehnte sich nie gegen das auf was man ihr sagte, er war das pure Gegenteil. Oft wünschte sie sich mehr von seiner Stärke.
Danny war der einzige der von alldem verschont wurde. Er musste sich weder um den Haushalt kümmern, noch die Stallarbeit erledigen. Ihm war es sogar untersagt aus dem Haus zu gehen und sich jeglicher Gefahr auszusetzen. Seit sie hier waren hatte er nie auch nur einen Fuss nach draussen gesetzt.
Langsam wurde Christine nervös, Ben hätte schon längstens zurück sein sollen. Es konnte ja nicht allzu lang dauern die Tiere zu versorgen.
Es hatte begonnen stark zu regnen und Donnergrollen, folgte auf das aufleuchten von Blitzen. Sie begann den kleinen wackeligen Tisch in der Küche zu decken, der für sie und ihre zwei Kameraden gedacht war. Es war ihnen nicht erlaubt mit ihren Besitzern an einem Tisch zu sitzen.
Das essen viel wie immer spärlich aus, bloss Brot und Käse. Die Bauern im Tal waren arm und mussten hart schuften für das was sie besassen.
Als sie die Küche aufgeräumt hatte, gab es nichts mehr zu tun und sie ging nervös im Esszimmer auf und ab. Sie kaute an ihren Nägeln und als sie Blut schmeckte, erinnerte sie sich wieder an ihren verletzten Finger. Ihr wurde schlecht.
Sie fröstelte. Angst breitete sich in ihr aus.
Es war nie schön ganz allein in dem großen alten Gebäude zu sein, doch heute war es beinahe nicht auszuhalten. Etwas war nicht in Ordnung.
Die beiden Jungen waren die einzigen Menschen, bei denen sie sich halbwegs sicher fühlte. Doch sie waren nicht da.
Christine zuckte zusammen als ein Ast der Eiche gegen das Fenster peitschte. Ein ungeahntes Gefühl erfasste sie. Tollkühn holte sie sich eine Wolldecke aus dem Schrank und kuschelte sich in den grossen Sessel. Er war ausser dem grossen Holztisch mit bloss zwei Stühlen und dem alten, mottenzerfressenen Teppich das einzige Möbelstück im Esszimmer.
Sie wusste, dass sie das eigentlich nicht durfte aber die Angst vor den Konsequenzen war kleiner, als ihr Bedürfnis nach Geborgenheit. Der Sessel war zum Fenster gerichtet und Christine starrte gebannt auf den Regen der dagegen prasselte. Jeder Blitz erhellte das dunkle Zimmer für einen Moment und der Donner liess das Haus erzittern.
Sie schlang die Decke fester um sich. Trotz des wütenden Sturms und ihrer Angst, wurde Christine schliesslich vom befreienden Schlaf heimgesucht.
Etwas rüttelte unsanft an ihrer Schulter. Erschrocken schlug sie mit ihrer Hand in Richtung des Angreifers, doch er wehrte sie ab.
"Ich bin's doch nur. Kein Grund gleich nach mir zu schlagen."
Vor ihr stand Ben. Er war vom Regen komplett durchnässt, seine Kleider klebten ihm auf der Haut und seine schwarzen Haare hingen im tropfend ins Gesicht.
"Seit wann traust du dich denn, im Sessel vom alten Sack zu schlafen?", er grinste.
Christine wurde blass. Was hatte sie sich bloss dabei gedacht. Sie erhob sich so schnell als wäre der Sessel verseucht:" Das war dumm von mir.Ich..."
"Warum denn. Was der alte nicht weiss, macht ihn nicht heiss", Ben liess sich demonstrativ in den Sessel fallen.
"Bitte Ben, hör auf damit. Wenn unser Herr Vater davon erfährt...", Christine versuchte ihm die Decke wegzuziehen.
"Nenn ihn nicht so. Du weisst er ist nicht unser Vater. Nicht mal annähernd", Hass sprach aus seiner Stimme als er das sagte.
Christine wusste, dass er nicht ihr richtiger Vater war. Sie hatte keinen Vater. Doch manchmal dachte sie, es würde es besser machen ihn so zu nennen. Ihr war vom ersten Tag an befohlen worden, ihre Besitzer so zu nennen. Seit sie im Alter von zwei Jahren hierher gekommen war. Ihre Besitzer kümmerten sie sich um sie und gaben ihr zu essen. Manchmal stellte sie sich vor, dass ihnen vielleicht wirklich etwas an ihr lag.
"Wo ist Danny?", wechselte Ben das Thema und stand auf.
"Ich weiß nicht. Ich dachte du hättest ihn mitgenommen", sie blickte Ben unsicher an.
Ben sah bedauernd aus:" Nein hab ich nicht. Er sollte hier bei dir bleiben."
Christine wurde bleich:"Aber hier ist er nicht. Wo könnte er denn sein?".
Falls Danny etwas passiert sein sollte oder er plötzlich verschwunden wäre, würden ihre Besitzer furchtbar wütend werden. Für sie war Danny beinahe so etwas, wie ein wertvoller Schatz.
Ben fing plötzlich an zu lachen:"Ganz ruhig Chris. Ich weiß schon wo er ist", er streifte sich die vor nässe triefende Jacke ab und warf sie ihr zu;" Ich hol ihn schnell damit wir essen können", meinte er bloß und ging zu der Leiter die einen Stock weiter hinaufführte.
Christine schaute ihm nach wie er Sprosse für Sprosse hinaufstieg. Ben liebte Danny wie einen kleinen Bruder. Auf ihn ließ er nichts kommen. Die beiden hatten ein geheimes Versteck von dem sie ihr nie erzählt hatten, wo es war.
Christine selbst fand den kleinen Jungen mit den eisblauen Augen äusserst sonderbar. Manchmal machte er ihr geradezu Angst. Dann wenn er er im Schlaf merkwürdiges Zeug redete und seine Stimme sich immer mehr von seiner eigenen abzuheben begann.
Da hörte sie hinter sich ein Splittern. Als sie sich umdrehen wollte, sah sie aus den Augenwinkeln nur noch einen Schatten der auf sie zukam und sie packte.
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Bloody Legend - Coldblood
FantasyDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
