Ilan hatte eine Entscheidung gefällt.
Er hatte in der Nacht in der sie im alten Gasthaus, das über dem unendlich tiefen Abgrund lag übernachtet hatten, noch lange nachgedacht und schliesslich einen Entschluss gefasst. Dieser hatte sich in der Zeit, in der sie nun schon durch den Dulrof Wald wandelten mit jedem Tag gefestigt.
Der Dulrof Wald auf der dunklen Seite unterschied sich drastisch vom Dolruf Wald auf der hellen Seite. Die Bäume des Dolruf Waldes liessen viel Licht durch ihre Äste hindurch fliessen und bildeten gleichzeitig ein schützendes Dach, vor Wind und Wetter. Der immergrüne Wald bot den prächtigsten Pflanzen und Tieren ein Zuhause, die es zu bestaunen halt. Es war ein freundlicher, sicherer Ort.
Die gigantischen Bäume des Durlrof Waldes jedoch liessen keinen Lichtstrahl durch ihre verwinkelten Äste dringen. Es war dementsprechend dunkel und feucht. Der Waldboden war voller Gestrüpp und grausiger Krabbeltiere. Überall lauerten scheinbar harmlos aussehende Pflanzen auf ihr nächstes Opfer.
Einmal wäre Toby beinahe in das Loch eines stämmigen Wurzelfüsslers gefallen und Danny entkam knapp dem Angriff, der messerscharfen Blätter des Säbelzahnbusches.
Die giftigen Tiere machten ihnen ebenfalls zu schaffen. Anfangs hatte sie ein Hirnknacker Specht verfolgt und später hatte sich eine Warzenkröte an Toby's Rucksack geheftet.
Ilan war von dem ansonsten sturen und unsicheren Jungen überaus überrascht. Er wirkte neuerdings sehr ausgeglichen und vernünftig.
Obwohl die Umstände prekär waren, hatte sich Toby noch kein einziges Mal beschwert seit sie auf der anderen Seite waren. Wenn etwas unvorhergesehenes passierte, verzog er zwar kurz das Gesicht, trug es anschliessend aber mit Fassung. Ausserdem war er zuvorkommend und hörte aufmerksam zu, wenn Ilan etwas über den Wald und seine Bewohner erzählte.
Danny indessen schien schien hin und hergerissen. Manchmal konnte er es gar nicht erwarten nach Haneyra zu kommen und preschte erwartungsvoll vor und im nächsten Moment, schien er dagegen eher abgeneigt und trödelte herum.
Das war einer der Gründe weshalb, Ilan sein Vorhaben definitiv in die Tat umsetzten würde.
Danny hatte ihn verunsichert als er ihm erzählt hatte, dass er sich davor fürchtete nach Haneyra zu gelangen.
Was wenn er damit wieder eine Voraussage gemacht hatte?
Der Weg auf die dunkle Seite war nicht ungefährlich gewesen, doch ab jetzt würde es noch viel riskanter werden. Die Mauern waren bereits am bröckeln und wenn sie fielen, wären sie alle in Todesgefahr.
War es das Wert?
Ilan war die Autoritätsperson und trug die gesamte Verantwortung. Er würde es sich nie verzeihen, wenn seinen Jungs etwas passierte. Alles was er wollte, war sie in Sicherheit zu wissen. Obwohl er jetzt seit neustem Zaubern konnten, war er immer noch ungeübt und es war fraglich, ob er damit wirklich etwas ausrichten konnte. Seine Zauberkraft hatte bis jetzt nur dazu gedient ihnen etwas zu essen zu beschaffen und Schutzwälle vor wilden Tieren und Pflanzen zu erschaffen. Schon allein diese Unterfangen kosteten ihn all seine Kraft. Ausserdem hatte er Toby immer noch nicht über alles aufgeklärt. Ilan fiel es selbst noch schwer das Ganze zu begreifen. Nach all den Jahren schien es so unwirklich.
Er hatte sich an das erinnert, was ihm Gabriel gesagt hatte. Das man manche Dinge besser auf sich beruhen lassen sollte.
Vielleicht hatte er sogar Recht?
Ilan hatte bisher immer nur an das Ziel gedacht, doch inzwischen schien ihm der Weg den er mit Danny und Toby gegangen war, als viel bedeutender. Sie alle hatten auf ihrer Reise einiges gelernt. Was machte es also noch für Sinn, nach Haneyra zu gehen?
Trotz all dieser Erkenntnisse, war es Ilan nahezu unmöglich seine Liebe aufzugeben. Nicht ohne vorher alles menschenmögliche unternommen zu haben, um sie zu finden.
Sein Herz hüpfte jedes Mal, wenn er an sie dachte. Er spürte, dass er ihr mit jedem Schritt näher kam, denn er wurde zunehmend nervöser und zerstreuter. Er hatte beständig ihr Bild vor seinem inneren Auge und träumte von längst vergangenen Zeiten.
Deshalb hatte er sich dazu entschlossen allein nach Haneyra zu gehen.
Er würde dort nach Elea suchen und hoffte inständig auf irgend einen Anhaltspunkt zu stossen. Es war seine einzige Chance. Sollte er nichts finden, würde er Elea endgültig aufgeben müssen.
Danach hatte er vor mit Danny und Toby zurück auf die andere Seite gehen. Er hatte genug Geld um in einen abgelegenen Hof im Schattental zu investieren, wo sie in Frieden leben konnten.
Er vermutete, dass es nicht schwer werden würde seine Jungs davon zu überzeugen.
Toby würde hellauf begeistert sein und auch Danny wäre wahrscheinlich erleichtert.
Hauptsache sie blieben zusammen.
Es war ein lauer Abend. Sie waren inzwischen nur noch wenige Stunden von Haneyra entfernt.
Ilan hatte gerade die Schutzwälle um ihr Lager gezogen und begab sich nun zurück an ihr Lagerfeuer.
Toby kam ihm entgegen.
„Wo warst du?", fragte er misstrauisch.
Ilan war klar, dass Toby bemerkt haben musste, dass er etwas verheimlichte. Doch momentan war nicht der richtige Zeitpunkt um ihm davon zu erzählen. Er würde es ihm erklären, wenn er wieder zurückgekehrt war.
„Ich war nur kurz pissen. Schläft Danny schon?",
fragte Ilan vorsichtshalber. Das was er mit Toby Besprechen wollte, war nicht für die Ohren des feinfühligen Jungen bestimmt.
„Ja, tief und fest", antwortete Toby schulterzuckend. Danny besass momentan eine regelrechte Affinität zum Schlafen.
„Gut, ich muss nämlich mit dir reden", Ilan legte Toby den Arm über die Schultern und lotste ihn zielstrebig zu den Campingstühlen, die sie um das wärmende Lagerfeuer drapiert hatten.
„Mit mir?", Toby stutze.
„Ja, mit dir", Ilan liess sich seufzend in einen der Stühle fallen und wies auch Toby an sich zu setzten. Dieser folgte seiner Aufforderung zweifelnd.
„Um was geht's?", der fünfzehnjährige lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
„Es geht um Danny."
Toby horchte auf und sah ihn skeptisch an. Ilan hatte jetzt seine vollkommen Aufmerksamkeit.
„Danny hat mir erzählt, dass er ständig von drei Personen träumt. Wir beide gehören dazu. Allerdings bist du der einzige davon, der von ihm je gesteuert wurde. Es ist eine bedenkliche und gewaltige Eigenschaft, die er da an den Tag legt. Ehrlich gesagt ist mir ziemlich schleierhaft, wie er das schafft. Ich habe nie von etwas Ähnlichem gehört. Deshalb dachte ich, du könntest mir ein wenig davon erzählen. Wie es sich anfühlt, beispielsweise", gespannt sah er Toby an. War dieser bereit, mit ihm darüber zu reden, oder würde er abblocken?
Doch Toby zog bloss unbeeindruckt, die Augenbrauen hoch und schnaubte:" Wie es sich anfühlt?", er überlegte kurz:" Na ja, es ist nicht unangenehm. Es ist vielmehr so, als ob mich jemand an die Hand nehmen würde um mich sanft zu leiten. Es war immer ein Gefühl von totaler Sicherheit."
Ilan sah voller Bewunderung auf den ehemals uneinsichtigen und festgefahrene Jungen, der jetzt so vernünftig und gelassen wirkte.
„Ich finde es beeindruckend, dass du Danny verziehen hast. Das ist nicht selbstverständlich."
Toby schlug verlegen den Blick nieder und winkte dann grinsend ab:" Tja, Danny hatte leider Recht. Ich hab freiwillig auf ihn gehört. Er hat mich nie zu etwas gezwungen. Allerdings kann er auch wirklich sehr überzeugend sein."
„Das ist wahr", stimmte Ilan ihm lächelnd zu.
Sein Blick glitt hinüber zu Danny, er sich unter seiner Decke zusammengerollt hatte. Er machte sich beim schlafen immer ganz klein und verschwand unter die Decke.
„Ich würde zu gern wissen woher wusste, dass die Mauer uns durchlassen würde", meinte er versunken.
Toby sah ihn perplex an:" Danny hat dir das erzählt? Aber ich dachte...", er brach verwirrt ab.
„Nein, ich hatte keinerlei Kenntnis davon und ich war mir nicht mal sicher, ob es stimmt. Danny hat eines Abends in einem Traum davon geredet, noch bevor wir aus Larea weg sind. Er hat sozusagen prophezeit, dass die Mauern fallen würden."
„Aber wieso sollte er darüber Bescheid wissen? Die Mauern können doch nicht einfach so auseinander brechen? Das ist unmöglich!", ungläubig starrte ihn Toby an.
„Es sollte nicht geschehen, aber Danny hat Kräfte deren Ausmass wir nur erahnen können..."
„Willst du damit sagen, er sei derjenige der die Mauern zum Einsturz bringen wird?", Toby richtete sich abrupt auf.
„Es muss so sein. Er war es der uns durch die Mauer geschleust hat. Die Meerjungfrau haben mir berichtet, dass jemand kommen würde der die Mauern zerstören wird. Ich wollte nur nicht wahrhaben, dass es Danny ist, obwohl es ziemlich offensichtlich ist."
„Aber das würde bedeuten, dass die Mischblüter den Vollblütern hilflos ausgeliefert sind. Warum sollte Danny so etwas wollen?"
„Ich glaube nicht, dass er diese Kraft unter Kontrolle hat. Es ist wie mit seinen Träumen, sie sind einfach da. Solch enorme Gewalten sind für einen neunjährigen beinahe unmöglich zu händeln."
Toby schluckte, als die Erkenntnis ihn mit voller Wucht traf:" Was ist, wenn er das was er mit mir macht auch mit andern Menschen tun kann? Wenn er in ihre Gedanken eindringt und Besitz von ihnen ergreift. Dann könnte er alle kontrollieren."
„Das wird früher oder später wahrscheinlich geschehen. Aber es ist bei weitem nicht das einzige.", meinte Ilan nüchtern.
Toby fasste sich aufgewühlt an die Stirn:" Was denn noch?"
„Ist es nicht komisch, dass die Sonne plötzlich jeden Tag scheint, wo sie doch früher immer von dicken Wolken verdeckt war. Seit wir aus Larea weg sind ist das Wetter nun schon heiss und trocken. Alles verbrennt, um uns herum."
„Und du meinst das Danny dafür verantwortlich ist?"
„Ich bin mit ziemlich sicher. Danny hat Larea nach Jahren wieder zum leuchten gebracht."
„Aber das würde bedeuten, dass er absolut alles und jeden beherrschen kann", stellte Toby erschüttert fest.
Ilan nickte ernst.
Toby lehnte sich ermattet vor und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Danny wird lernen müssen seine Fähigkeiten zu kontrollieren. Aber das wird er nicht alleine schaffen. Deshalb bin ich froh, dass du da bist. Danny braucht uns, Toby. Er braucht dich.", bedeutsam sah er den Jugendlichen an.
Toby nickte nachdenklich:" Ich werde auf ihn aufpassen, Ilan. Ich lass ihn nicht fallen", entschlossen erwiderte er seinen Blick.
Ilan lächelte stolz:" Das weiss ich, Toby."
Eine Weile sassen sie schweigend beieinander, froh über die Anwesenheit des jeweils anderen.
Kurz darauf erhob sich Toby und ging schlafen. Er hatte viel zu verarbeiten.
Ilan sah ihm nach. Nun konnte er beruhigt gehen. Er wusste, dass Toby auf Danny aufpassen würde. Der Junge genoss sein vollstes Vertrauen.
In dieser Nacht verliess er seine beiden Jungs und machte sich auf nach Haneyra.
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Bloody Legend - Coldblood
FantasyDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
