-06- Von Wartenden und Überraschungen

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Lara kam am nächsten Morgen nur kurz mit ins Krankenhaus. Sie sah ihren Vater, unbewegt, fast wie Gestern, nur schlimmer, weil jetzt helllichter Tag war.
Sophie weinte schon wieder. Ihre Mutter stellte Tulpen auf den kleinen Tisch, neben dem Bett, zwischen den ganzen Geräten. Dreißig Stunden, wenn sich nichts veränderte, dann war die Zeit abgelaufen. Dr. Klein meinte, die Hirnaktivität hätte sich über Nacht komplett eingestellt – hieß, er würde nie mehr aufwachen, es sei denn es geschah ein Wunder und dieses Wunder hatte nur noch bis morgenfrüh Zeit.

Lara konnte es einfach nicht ertragen, ihn so zu sehen. Die hellen, grünen Augen geschlossen, vermutlich für immer. Sein Leben, auf diesen gezackten Wellen. Das war nicht ihr Vater. Nicht der Mann, der so viel lachte und sich kümmerte. Der den ganzen Tag auf den Beinen war und nie müde zu sein schien. Es sah aus, als müsste er jetzt alles nachholen. Die Erschöpfung des Lebens, die er nie gespürt, die nie Hand über ihn gelegt hatte - nun holte sich dieser Dämon alles zurück.

Sie rief Kyle an, damit er sie mit seinem alten Golf am Krankenhaus abholen konnte. Ihre Mutter konnte sowie so nur ein Kind trösten und Sophie brauchte sie jetzt mehr als Lara. Mein Gott, dieses kleine Mädchen in der violetten Strumpfhose und dem hellblauen Wollkleid, bisher nichts als Träume im Kopf – vom Leben eines Rockstars – und jetzt, jetzt sah sie den Tod vor sich. Lara wollte nicht, dass Sophie den Tod sah. Am liebsten hätte sie sie mitgenommen, aber sie würde ihrem Vater nicht von der Seite weichen. Eigentlich sollte Lara auch bei ihm bleiben und mit ihm reden. Vielleicht hörte er sie ja. Vielleicht schwebte sein Geist irgendwie über ihm und er sah sie alle. Aber Lara hatte keine fröhlichen Gedanken für ihn, keine positiven Erinnerung mit dem sie seinen Geist tränken könnte. Dafür saß die Angst viel zu fest. Die Angst, die gezackte Linie könnte stehen bleiben. Die Angst vor der Leere, wenn ihr Vater nicht mehr morgens mit dem Frühstück auf sie wartete und sie »little Fighter« nannte. Gott, sie konnte, sie wollte sich das nicht vorstellen. Aber sie tat es trotzdem. Der Tod saß hier im Krankenzimmer und wartete geduldig. Lara wollte ihm nicht dabei zusehen.

Sie wartete stattdessen zehn Minuten unten auf dem Parkplatz, dann kam Kyle mit seinem blauen Golf angekurvt und sie stieg zu ihm ein.
»Alles klar?« Sie schüttelte den Kopf. »Fahr einfach.« Kyle wendete den Wagen und fuhr auf die Straße Richtung Innenstadt.
»Wohin möchtest du?«
»An den See.«
»Alles klar.« Er sah sie kurz von der Seite an und richtete dann seinen Blick wieder nach vorne. »Willst du Kaugummi?«
»Nein.« Lara zog die Zigarettenschachtel aus ihrer Jacke und zündete sich eine an.
»Verdammt, Lara. Das tut mir so leid. So eine Scheiße.« In seinen braunen Augen blitzte so etwas wie Wut auf. Wut auf das Leben. Kyle hatte auch schon Leute verloren. Seinen Onkel, den hatte er geliebt, mehr noch als seinen Vater und Mausi, sein Hund. Okay, Mausi zählte vielleicht nicht ganz.

Aber Kyle hatte diesen Labrador geliebt. Immer wenn er sich mit seiner Mum gefetzt hatte, waren sie zusammen mit dem Hund an den See gegangen. Sie hatten sich Stunden damit beschäftigen können, Treibholz in das Wasser zu werfen und Mausi dabei zuzusehen, wie er sich im Wasser tummelte und das Holz wieder an Land schleifte. Manchmal waren Kinder gekommen und hatten gefragt, ob sie mit Mausi spielen durften. Das war nie ein Problem gewesen. Dieser Hund war zahm wie ein kastrierter Kater gewesen. Das waren schöne Zeiten gewesen. Sie saßen später oft bis in die Nacht im Café mit ihrem Vater und Susi, haben Karten gespielt und Monopoly, verdammt, es war nicht fair!

Etwas Heißes lief Laras Wange hinab, sie wischte es eilig weg. Der Bodensee glitzerte in der Morgensonne, die über den schwach leuchtenden Häusern Friedrichshafens emporstieg. Kyle hatte irgendwo an einer Straßenseite geparkt und jetzt liefen sie gemeinsam über den Steinstrand auf den schwarzen Steg zu. Lara schob die Hände in ihre Jeanstaschen und kickte Steine vor sich her. Ihre Gedanken schweiften immer wieder zu ihrem Vater.
»Sag irgendwas Kyle.« Kyle zog die Schultern bis zum Hals hoch. »Ich muss in einen Babykurs, um Windeln wechseln zu lernen und so was, weil in dem Kindergarten, indem ich ab Montag arbeite auch zweijährige sind.«
»Ist ja eklig.« Lara zündete sich noch eine Zigarette an, zog einmal daran, stieß den Rauch wieder aus ihrer Lunge und zertrat die Zigarette auf den Steinen. Irgendwie wurde ihr heute schlecht von dem Zeug.
»Ich hätte sie fertiggeraucht«, beschwerte sich Kyle.
»Sorry.« Lara blieb stehen und schaute zu einem Pärchen, mit einem kleinen Mädchen in der Mitte, die über den Steg liefen. Sie spürte einen kurzen Stich im Herzen und drehte sich um.

Hier fand sie keine Ablenkung. Und das war es, was sie benötigte. Sie brauchte nicht die Stille des Sees, die sie zum Nachdenken brachte. Sie brauchte etwas, das jeden Gedanken an sich selbst oder das Leben, das echte Leben abtötete.
»Kyle, kannst du mich zur Schule fahren?« Er zog die Brauen hoch, fischte sich einen Kaugummi aus seinem Parka und stopfte ihn sich in den Mund.
»Schule, bist du sicher?«, fragte er kauend.
»Ja, brauche Ablenkung.«
»Okay.« Er legte einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. »Soll ich mich da mit reinsetzten? Wird bestimmt lustig.«
»Nein, danke.« Lara lehnte sich ein wenig gegen ihn. Sie wusste, er wollte nur für sie da sein. »Ich glaube da hätten die Lehrer was gegen.«
»Okay.« Er ließ ihre Taille los und lief mit ihr zurück zum Golf. »Wenn irgendwas ist, ruf einfach an. Ich hol dich ab, fahre dich überall hin«, sagte er, während sie in Richtung Gebhard-Gemeinschaftsschule fuhren.
»Das mache ich. Danke Kyle.« Lara lehnte sich in dem alten Sitz zurück und starrte aus dem Fenster. Die Häuser zogen an ihr vorbei, ohne wirkliche Formen anzunehmen. Es waren einfach nur graue, gelbe, oder rote Gebilde, die irgendeine Funktion hatten. In ihren Kopf wandelten sie sich in jene Apparaturen, die ihren Vater am Leben hielten und die Straße vor ihnen verwandelte sich in pulsierende, grüne Linien, die alle unweigerlich in den Schlund des Todes führten.
Lara schloss die Augen.

Sie platzte inmitten der dritten Stunde herein. Frau Weiß schaute sie überrascht aus ihren hellen Augen an.
»Lara, was machst du denn hier? Im Kursbuch steht, du wärst krank.« Lara zog die Schultern hoch.
»Mir geht's wieder gut.« Ein allgemeines »Ihhh!« ging durch den Kurs.
»Bleib mit deinen Viren gefälligst Zuhause«, rief Carlo und Alien verzog angewidert das überschminkte Gesicht. Sie sah aus wie ein aufgequollenes Brötchen mit bunten Schimmelflecken. Lara hätte normalerweise bei dem Gedanken gegrinst, aber nicht heute.

Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz, auch im Geschichtsraum, ganz hinten – Einzeltisch. Einzeltische verfolgen sie irgendwie. Sie sah auf, um zu sehen, was an der Tafel stand. Aus dem Augenwinkel sah sie etwas Dunkles.
Dunkelbraune, nackenlange Haare. Sie schaute zur Fensterseite. Er blickte zu ihr herüber. Seine blauen, wunderschönen Augen musterten sie.
Cas lächelte, als sie ihn ansah und hob leicht die Hand. Seine vollen Lippen formten ein »hi.«


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