-08- Von Cheeseburgern und Geistern

310 38 9
                                        

Cas fuhr fast direkt vor den Haupteingang, ließ sie raus und fuhr dann wieder weg. Vielleicht zurück in die Schule. Lara wusste nicht, wohin er wollte. Sie hatte auch nicht danach gefragt. Dabei gab es einige Dinge, die sie ihn gerne fragen wollte. Aber nicht jetzt, nicht hier. Gerade musste sie an ihren Vater, ihre Mutter und Schwester denken und an sich selbst. Sie hatte es nicht eilig, in den zweiten Stock zu kommen. Ihr Vater würde nicht einfach aufstehen und davonrennen. Sie würde sich freuen, wenn er es täte. Auch wenn er nie wiederkommen würde und in einem fremden Land leben müsste, um zu überleben, das wäre ihr egal. Hauptsache er lebte. Sein Gehirn lebte. Sie sah durch das Sichtfenster. Ihre Mutter saß auf einem Drehhocker, streichelte über Thomas Hände und sagte etwas, was Lara von draußen nicht hören konnte. Sie öffnete die Tür.
»Wie geht es ihm?« Ihre Mutter schaute zu ihr auf und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
»Lara, Liebling. Unverändert. Komm her.« Sie winkte ihre Tochter zu sich. Lara stellte sich neben sie, berührte die warme Puppenhand ihres Vaters und stierte in die Luft über ihn.
»Dad«, murmelte sie. »Ich hoffe du kannst mich sehen, oder hören. Ich bin hier. Ich bin jetzt hier.« Maike legte ihre Hand auf Laras. Jetzt lagen da drei Hände übereinander. Zwei blasse und eine etwas Dunklere in der Mitte, die irgendwie zusammen gehörten, die einander festhalten wollten. Am liebsten für immer. Aber für immer ging nicht. Also dann lieber später als früher. Aber wie es aussah, würden sie früher getrennt werden. Hoffnung, dachte Lara.
»Ich möchte beten«, sagte sie. Ihre Mutter schob die Finger zwischen ihre.
»Lass uns gemeinsam beten.«

Maike schloss die Augen und Lara machte es ihr gleich.

Lieber Gott, dachte sie. Wer auch immer du bist, welchen Namen dir die Menschen auch immer geben mögen, ob du nun greifbar bist, oder einfach alles, die Luft, die wir atmen und die Luft, die wir nach dem Tod nicht mehr atmen. Ich hoffe, du bist auch nach dem Leben. Was soll ich sagen. Ich wünsche mir, dass mein Vater leben darf. Vielleicht ist es egoistisch, weil viele Menschen sterben, also warum sollte er leben? Bringt es etwas, wenn ich ganz viele Gründe finde, warum mein Vater leben sollte, warum er ein guter Mensch ist? Viele gute Menschen sind schon gestorben. Gibt es Wunder? Was muss man tun, damit einem ein Wunder widerfährt? Lieber Gott, wenn mein Dad mich nicht mehr spüren kann, hältst du dann seine Hand für mich? Lieber Gott, wenn es einen Weg gibt, dass mein Dad weiterleben kann, kannst du es dann geschehen lassen. Oder lass die Medizin für dich wirken, die Menschen, die Ärzte. Diese Dr. Klein, lass sie ihn heilen. Heilende Hände.

Lara öffnete die Augen. »Mum«, flüsterte sie. »Kennst du nicht irgendeinen Heiler?« Maike schaute auf und sah Lara einen langen Moment an.
»Ach, Liebling. Dein Vater ist weit weg. Wenn er den Weg nicht zu uns zurückfindet, kann ihn keiner mehr heilen. Dann ist es Zeit für ihn zu gehen.«
»Aber wir könnten es versuchen, oder?« Ihre Mutter schniefte. Tränen traten in ihre Augen, verwandelte sie in dunkle Seen.
»Susi kam heute Morgen mit einem Freund von Hime vorbei, kurz nach dem du gegangen bist. Ein Heiler. Das waren seine Worte, nicht meine.« Lara zog ihre Hand weg.
»Ein Freund von Hime, wer? Kann er es nicht nochmal versuchen? War der überhaupt seriös?« Verdammte Scheiße, konnte Handauflegen überhaupt seriös sein? »Was ist mit chinesischer Medizin? Mit Kerzen, Kräutern, irgendwelche Priester?«
»Lara!«, rief ihre Mutter aus. »Das Hirn deines Vaters ist Brei! Verstehst du? Er kommt nicht mehr zurück. Sein Körper ist kaputt, er kann dort nicht wohnen bleiben.« Das saß. Lara kamen die Tränen.
»Aber die Ärzte geben ihm noch Zeit bis morgenfrüh. Es gibt immer noch Hoffnung.« Ihre Mutter schüttelte den Kopf.
»Ich fürchte nicht, Liebling. Und wenn er aufwacht, er würde dann nicht mehr der selbe sein. Sich nicht bewegen können, nicht mal selbst essen.«
»Na und? Aber er würde leben! Er würde atmen, alleine! Ohne die Maschine.«
»Unwahrscheinlich.« Maike legte den Kopf auf die Brust ihres Mannes, als wollte sie seinem Herzschlag lauschen.
»Unwahrscheinlich«, wiederholte Lara. Der Raum drehte sich und sie hielt sich an der Bettkante fest.

In diesem Moment verfluchte sie Cas. Er hatte sie dazu gebracht, zu hoffen. Sie drückte ihre Fingernägel in die Matratze und zählte langsam von hundert rückwärts. Als sie fertig war, fühlte sie sich etwas ruhiger und fragte: »Wo ist Sophie?«
»In der Cafeteria. Ich hab ihr etwas Geld gegeben.« Lara nickte.
»Ich schaue mal nach ihr.«
»Das ist eine gute Idee. Sophie braucht jetzt ihre große Schwester.«

Sophie saß allein und verheult in einer Ecke der Cafeteria auf einen der ausladenden Plastikstühle. Ein halbaufgegessener Donut und eine Schokomilch standen vor ihr.
»Hey, Süße.« Lara setzte sich ihr gegenüber, und nahm ihre Hände in ihre eigenen. »Alles okay?« Sophie schüttelte den Kopf.
»Willst du meinen Donut aufessen, krieg den nicht runter.«
»Ja ... « Lara aß ihn. Nicht, weil sie sich hungrig fühlte, sondern weil sie nicht gefrühstückt hatte und ihre Kräfte vermutlich noch brauchen würde.
»Willst du vielleicht einen Schokoriegel, oder etwas in der Art? Nur um ein bisschen was im Magen zu haben?« Sophie schüttelte den Kopf. »Ich kann Kyle anrufen. Der kann Cheeseburger besorgen. Nicht die von McDonalds, sondern echte, vom Metzger, neben unserer Bushaltestelle. Sophie schaute auf. Ihre grünen Augen waren geschwollen und darunter lagen dunkelrote Ringe.
»Fleisch, spinnst du? Mum würde uns umbringen!«
»Das ist ein Biometzger. Kyle und ich haben extra nachgefragt. Glückliche Tiere. Das Rindfleisch von alten Kühen, die ihr Leben schon hinter sich hatten.« Das mit dem Biometzger stimmte, ob die Rinder, die dafür sterben mussten, tatsächlich alt waren, wusste sie nicht.
»Hm«, machte Sophie.
»Komm schon. Ich weiß, es schmeckt dir. Weißt du noch, nach deinem ersten Tag auf dem Gymnasium, als alle Hamburger essen gegangen sind, in diesem Restaurant?«
»Papa hat mir auch einen bestellt und es Mama nie erzählt.«
»Und es hat geschmeckt, oder?« Sie nickte.
»Siehst du. Und du musst was essen, sonst wirst du krank. Das ist eine Notfallausnahme.« Sophie lachte. Es hörte sich nicht sonderlich fröhlich an, eher gepresst und als würde es aus ihrer Kehle kommen, nicht aus ihrem Bauch. Aber immerhin erhellten sich ihre Gesichtszüge ein wenig.
»Okay. Ruf Kyle an.«

Das machte Lara dann auch. Eine halbe Stunde später standen sie draußen vor dem Krankenhaus und aßen Cheeseburger mit Pommes, die Kyle in einem Dönerladen um die Ecke gekauft hatte. Er blieb noch eine Weile, bis zum Nachmittag und half Lara, Sophie abzulenken. Doch dann musste er weg, seinen Bruder von der Grundschule abholen. Lara nahm ihre Schwester wieder mit ins Krankenzimmer. Eine Krankenpflegerin besorgte ihnen noch zwei Stühle und so saßen sie da und lasen ihrem Vater abwechselnd vor. Sophie aus ihrem Lieblingsbuch, über ein Mädchen, das eine Tür in die Feenwelt entdeckt und diese retten muss. Ihre Mutter kaufte eine Tageszeitung unten am Kiosk und las ihm daraus vor. Thomas hatte immer Zeitung gelesen. Meistens abends, wenn das Café leer war. Er fand es wichtig, zu wissen, was in der Welt um ihn herum geschah. Lara erzählte ihm von Mathe und Bio, ihrem Lieblingsfach, neben Deutsch, wie sie es öfters tat, wenn sie mit ihrem Dad längere Autofahrten unternahm, oder mit ihm, in einem einfachen Kanu, über den Bodensee paddelte. Sie erzählte es nicht seinem Körper, sondern dem Geist, seiner Seele, die vielleicht über ihm schwebte.

Dann kam der Abend. Schlich sich ein, heimlich, zögernd. Lara bemerkte es an den langen Schatten und den goldenen Licht, das durch die halbgeschlossenen Jalousien des Fensters fiel. Wo der Abend kam, war die Nacht nicht fern und auf die Nacht folgte ein neuer Morgen.


ScherbenbildWo Geschichten leben. Entdecke jetzt