18:44
Es vergingen Wochen, in denen Jamal und ich auf Distanz blieben. Die Leere, die zwischen uns entstanden war, fühlte sich schwer und kalt an, aber es gab Momente, in denen ich die Abwesenheit seiner Nähe als eine Art Erleichterung empfand. Unsere Auseinandersetzungen hatten uns beide tief verletzt, und die Wunden brauchten Zeit zum Heilen.
In diesen Wochen kehrte ich zur Uni zurück und versuchte, mein Leben in gewohnten Bahnen weiterzuführen. Meine Freundinnen, Layan und Amara, halfen mir, mich abzulenken. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, lachten und teilten unsere Sorgen, was mir half, die schweren Gedanken an Jamal und unsere zerbrochene Beziehung zu verdrängen. Aber selbst in den glücklichsten Momenten gab es immer einen Schatten in meinem Herzen, der mich an die schmerzhaften Worte erinnerte, die er mir gesagt hatte.
Als ich gerade von einem weiteren Treffen mit meinen Freundinnen nach Hause kam, erwartete mich meine Mutter bereits aufgeregt an der Tür.
"Jiyan, wir haben morgen eine Familienfeier. Ich möchte, dass du Jamal einlädst. Es wäre schön, ihn dabei zu haben."
Ich nickte und versuchte, die Nervosität zu unterdrücken, die bei dem Gedanken aufkam, Jamal anzurufen.
"Natürlich, ich werde ihn einladen."
In meinem Zimmer angekommen, nahm ich mein Handy und wählte Jamals Nummer. Es klingelte ein paar Mal, bevor er endlich abhob.
"Hey," sagte ich vorsichtig.
"Wie geht's dir?"
"Hey, mein Herz" antwortete er, und seine Stimme klang erschöpft.
"Es geht. Was gibt's?"
"Meine Mutter wollte, dass ich dich einlade. Wir haben morgen eine Familienfeier. Es wäre schön, wenn du kommen könntest."
Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment lang Stille. „
"Ich weiß nicht, Jiyan..."
"Bitte" unterbrach ich ihn sanft.
"Es würde mir wirklich viel bedeuten. Und meiner Familie auch. Außerdem haben wir uns lange nicht mehr gesehen"
Er seufzte schwer.
"Okay. Ich werde kommen."
"Danke," sagte ich erleichtert.
"Es wird dir gefallen, das verspreche ich."
"Wie fühlst du dich?" fragte er leise.
"Ganz gut. Mir geht es viel besser und du?" Fragte ich zurück.
"Erschöpft," gestand er.
"Es war eine harte Zeit. Ich vermisse dich, Jiyan, aber ich weiß, dass du diesen Abstand brauchst" fuhr er fort.
"Für mich war es auch hart" gab ich zu.
"Aber ich denke, es war gut, dass wir ein wenig Abstand hatten. Es hat mir geholfen, klarer zu denken."
"Ja, vielleicht hast du recht," sagte er zögernd.
"Es tut mir leid"
"Jamal, wir haben beide Fehler gemacht," sagte ich und versuchte, die Bitterkeit in meiner Stimme zu unterdrücken.
"Aber ich glaube, wir können das schaffen. Wir brauchen nur Zeit und Geduld."
"Ich hoffe es," sagte er leise.
"Ich will dich nicht verlieren."
"Das wirst du nicht," versprach ich.
"Wir schaffen das, okay?"
"Okay," sagte er, und ich konnte das Lächeln in seiner Stimme hören.
"Es bedeutet mir so viel, dass du endlich meine Eltern kennengelernt hast" sagte ich leicht lachend und legte mich ins Bett.
"Mir auch. Ich hab's zu erst fast gar nicht geglaubt" lachte er.
"Danke, Jiyan"
"Bedank dich nicht, Jamal. Ich will, dass du weißt, dass ich zu dir stehe, egal was du tust. Ich liebe dich, wirklich" erwiderte ich.
"Ich liebe dich auch" hauchte er am anderen Ende der Leitung.
Nachdem wir das Gespräch beendet hatten, legte ich das Telefon beiseite und atmete tief durch. Es war ein Schritt in die richtige Richtung, dachte ich. Es würde Zeit brauchen, die Wunden zu heilen, aber ich hatte die Hoffnung, dass wir es schaffen würden.
[...]
Am nächsten Tag bereitete ich mich auf die Familienfeier vor und spürte ein leichtes Kribbeln der Vorfreude. Es war eine Gelegenheit, Jamal wieder in mein Leben zu integrieren und zu zeigen, dass wir trotz allem zusammengehören. Als ich ihn an der Tür begrüßte, fühlte ich eine Mischung aus Nervosität und Hoffnung.
"Willkommen!" sagte ich aufgeregt und lächelte ihn überglücklich an. Er lachte, als er mich so sah.
"Es ist schön, dass du hier bist."
Er lächelte zurück, und für einen Moment fühlte es sich an, als wäre alles wieder normal. Er umarmte mich und küsste meine Stirn.
"Danke, dass du mich eingeladen hast. Ich hab dich vermisst" hauchte er gegen meine Lippen und küsste mich dann auf die Wange.
Ich nahm seine Hand lächelnd und führte ihn zu meiner Familie, die ihn anlächelten, als sie ihn bemerkten. Ich stellte ihnen Jamal vor und er machte sofort einen guten Eindruck. Mein Vater rief ihn zu sich und er setzte sich neben mein Vater und ich konnte die beiden nur stolz beobachten.
[...]
Jamal verstand sich mit allen gut. Ich ging gerade an ihm vorbei, als er plötzlich meine Hand packte.
"Jiyan, kannst du mein Handy aufladen? Der Akku ist fast leer," bat er und reichte mir das Gerät. Ich nickte und nahm es entgegen.
"Natürlich, ich kümmere mich darum."
Gerade als ich das Handy in die Küche bringen wollte, rief meine Mutter mich.
"Jiyan, könntest du mir hier helfen?"
"Ja" antwortete ich und steckte Jamals Handy in meine Tasche.
Zunächst widmete ich mich den Anweisungen meiner Mutter und half ihr in der Küche.
Während ich arbeitete, klingelte plötzlich Jamals Handy in meiner Tasche. Ich holte es heraus und sah Sinas Namen auf dem Display. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in mir aus, aber ich versuchte, es zu ignorieren. Als ich weitermachen wollte, wurde Jamal von Nachrichten geradezu bombardiert. Ich wusste seinen Code und entsperrte das Handy, um nachzusehen, was so dringend war.
Die Nachricht, die mir ins Auge sprang, ließ mich stocken: "Hast du es mit Jiyan geklärt? Weiß sie schon, was zwischen uns passiert ist?"
Ich verstand es nicht. Meine Neugierde überwältigte mich, und ich antwortete, als wäre ich Jamal: „Was meinst du?"
Die Antwort kam prompt und war wie ein Schlag ins Gesicht: „Hast du das schon vergessen, als ich dich schön verwöhnt habe?"
Mein Herz setzte einen Schlag aus, und ich fühlte, wie sich meine Kehle zuschnürte. Die Realität traf mich wie ein Vorschlaghammer: Jamal hatte mich betrogen.
Ich starrte fassungslos auf den Bildschirm, während meine Gedanken rasend versuchten, das Unbegreifliche zu verarbeiten. Die Tränen stiegen mir in die Augen, und ich spürte, wie meine Beine unter mir nachgaben. Das Waschbecken lief weiter, und meine Mutter bemerkte meine Benommenheit.
"Jiyan, ist alles in Ordnung?" fragte sie besorgt.
"Ja, Dayê" sagte ich schnell und wischte mir die Tränen aus den Augen.
"Ich muss nur kurz in mein Zimmer."
Ich drehte mich um und verließ die Küche, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Als ich in mein Zimmer kam, schloss ich die Tür ab und ließ endlich die Tränen frei fließen. Ich wollte schreien, all den Schmerz und die Wut herauslassen, aber ich konnte es nicht. Ich fühlte mich betrogen, hintergangen und zutiefst verletzt.
Die Fragen prasselten unaufhörlich auf mich ein: Wie konnte er das tun? Fühlt er sich nicht schlecht? Ist er so herzlos? Liebt er mich überhaupt? Die Verzweiflung war überwältigend, und ich sank auf mein Bett, das Gesicht in den Händen vergraben.
Ich wollte ihn aus meinem Leben werfen, ihn von der Feier schmeißen, ihn nie wieder sehen. Doch gleichzeitig war da diese tiefe, verzweifelte Liebe, die mich daran hinderte. Mein Herz schmerzte so sehr, dass ich kaum atmen konnte. Wie sollte ich ihm jemals wieder vertrauen können?
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in meiner Welt
FanfictionJiyan und Jamal leben in zwei völlig unterschiedlichen Welten. Sie stammt aus einem guten Elternhaus und träumt von einer strahlenden Zukunft. Er hingegen kämpft ums Überleben auf den Straßen, verstrickt in Drogenhandel, um seine Familie über Wasser...
