19:49
In den Wochen, die vergingen, war Jiyan weiterhin mein Fels in der Brandung. Sie war immer für mich da, besonders als ich versuchte, die Beziehung zu meinem Vater zu reparieren. Doch unsere Treffen eskalierten oft, was meine mentale Gesundheit stark belastete. Es führte sogar dazu, dass ich häufiger krank wurde und manchmal nicht aus dem Bett kam. Eines Tages, als es mir nicht so gut ging, zwang ich mich dennoch ins Studio. Die Musik war mein Ventil, mein Ausweg aus dem Chaos in meinem Kopf.
"Keiner weiß, was in mei'm Kopf abgeht
Alle seh'n nur den Erfolg und nicht die Trän'n
In mei'm Leben schon viel zu viel passiert
Abends unterwegs mit leerem Portemonnaie
Trotz all dem Geld und all dem Ruhm
Merk' ich trotzdem, dass irgendetwas fehlt
Komm' jetzt voran, schau' nicht zurück
Sag': „Mir geht es gut", wenn mich jemand frägt
Ich köpf' 'ne Flasche, total auf Kafa
Das, was morgen kommt, ist egal
Fick' den Richter, dreh' noch 'ne Knolle
Sag' ihm: „Ich hatte keine Wahl" ..."
Ich nahm den Song auf und ließ meinen Schmerz in die Musik einfließen. Es half mir, meine Gefühle zu kanalisieren und loszulassen.
"Reich oder Bau, keine Sonne, alles grau. Augen sind rot und schon wieder bin ich down. Ein Trapphone, ein Löwe, ein Traum," sang ich und versuchte, mich dem Beat anzupassen. Nebenbei rauchte ich einen Joint und genoss das Gras in meiner Lunge.
"Ich hab' viel geseh'n, nein, ich fühle nix
Schau' mich um, seh' nur blaues Licht
Sehr viel zerbricht, doch mein Glaube nicht
Will frei sein für ein'n Augenblick ..."
Shoki war im Studio und half mir, den Song aufzunehmen. Ich bemerkte nicht, dass Jiyan ebenfalls anwesend war und uns zuhörte. Erst als ich das Aufnahmestudio verließ und Shoki mich lobte, sah ich sie. Sie stand da, ein Lächeln auf den Lippen, und sang leise den Hook, den sie geschrieben hatte:
"Ich hab' viel geseh'n, Menschen die kommen und wieder gehen."
Ich musste lachen, als sie auf mich zukam.
"Hey, du hast es geschafft", sagte sie, und ich konnte den Stolz in ihren Augen sehen.
"Danke, Jiyan. Dein Hook hat den Song wirklich besonders gemacht."
Sie lächelte und nahm meine Hand.
"Ich weiß, was in deinem Kopf abgeht", sagte sie und deutete auf den Songtext.
"Du hast das echt gut rübergebracht."
Ich lachte und schaute verlegen auf den Boden.
"Es war hart, aber es hat geholfen."
Sie streichelte meine Wange und zwang mich, sie anzuschauen.
"Ich habe eine Idee", sagte sie plötzlich.
"Was hältst du davon, wenn wir eine Woche wegfliegen? Nur du und ich."
Ich war verwirrt und fragte mich, ob ihre Eltern das zulassen würden. Doch bevor ich etwas sagen konnte, zog sie zwei Flugtickets für Madrid aus ihrer Tasche und zeigte sie mir aufgeregt.
"Überraschung!" rief sie und ihr Gesicht strahlte vor Freude.
Ich musste lachen und nahm die Tickets.
"Das ist verrückt. Meinst du das ernst?"
"Ja, unnormal ernst. Wir müssen endlich mal die Außenwelt ignorieren und Zeit für uns beide haben."
Ich konnte es kaum fassen. Die Idee, einfach abzuhauen und all den Stress hinter uns zu lassen, war unglaublich verlockend.
"Wann fliegen wir?" fragte ich, immer noch ein wenig ungläubig.
"Übermorgen", antwortete sie, ihre Augen leuchteten vor Aufregung.
"Ich hoffe du hast nichts vor" sagte sie grinsend.
"Ich würde alles stehen und liegen lassen für dich" lächelte ich.
Ich zog sie in eine feste Umarmung und konnte nicht aufhören zu lächeln.
"Du bist verrückt, aber ich liebe es. Danke, Jiyan."
"Wir beide brauchen das. Es wird gut für uns sein", sagte sie leise und legte ihren Kopf auf meine Schulter.
"Ja, das wird es", stimmte ich zu und drückte sie noch fester an mich.
Die Aussicht auf eine Woche in Madrid, weit weg von all den Problemen, gab mir endlich wieder Hoffnung.
Die Jungs betraten das Studio mit lautem Gelächter und sofort bemerkten sie Jiyan, die neben mir stand. Sie waren überrascht, aber offensichtlich erfreut, sie zu sehen. Safraoui war besonders aufgeregt und verkündete stolz, dass er seinen Part fertig hatte. Ohne weitere Verzögerung ging er ins Aufnahmestudio und begann aufzunehmen. Die Jungs versammelten sich um Shoki und hörten aufmerksam zu, wie Safraoui seinen Vers performte. Jubel brach aus, als er fertig war und aus dem Studio kam.
"Verdammt, Saf, das war krass!" rief Mali und klopfte ihm auf die Schulter.
"Danke, danke, Leute!" Safraoui strahlte vor Freude.
Alim wandte sich an Jiyan und mich.
"Und? Habt ihr's endlich geklärt?"
Ich lächelte und zog Jiyan näher zu mir.
"Ja."
Moussa, der bisher ruhig war, fragte plötzlich: "Und was ist mit deinem Vater jetzt, Jamal?"
Ich seufzte genervt. Die Diskussion um meinen Vater war das Letzte, worüber ich jetzt sprechen wollte. Aber bevor ich etwas sagen konnte, unterbrach Jiyan.
"Nach der Rückkehr aus Madrid wird er es mit seinem Vater klären", sagte sie ruhig, aber bestimmt.
Ich sah sie warnend an. Es war nicht ihre Entscheidung, sich in meine Familienangelegenheiten einzumischen. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, fuhr sie fort.
"Es ist wichtig, Jamal. Du musst das klären, es wird dir helfen, Frieden zu finden. Es macht dich doch nur fertig", erklärte sie beharrlich.
Mali, der Jiyan schon seit langem nicht leiden konnte, begann, sie zu provozieren.
"Was mischst du dich ein, Jiyan? Das ist doch Jamals Sache."
Ich konnte spüren, wie die Spannung im Raum stieg. Jiyan war bereits gereizt, und ich wusste, dass es besser war, die Situation zu deeskalieren, bevor es zu weit ging.
"Mali, lass es einfach", sagte ich ruhig, aber bestimmt.
"Ach komm schon, Jamal. Du weißt doch, dass sie immer ihre Nase in alles steckt", neckte Mali weiter.
Jiyan ballt e die Fäuste und ich verdrehte meine Augen, wegen Mali.
"Was-"
"Jiyan" unterbrach ich sie und sie hörte sofort auf zu sprechen.
"Mali, lass es" wiederholte ich.
Er lachte herausfordernd.
"Was? Kann sie sich nicht selbst verteidigen?"
"Mali, halt einfach die Klappe", sagte sie scharf.
"Oh Mademoiselle hat doch ein Mund" lachte er, was Jiyan nur noch wütender machte.
"Was ist dein Problem? Bist du eifersüchtig? Jedes Mal, wenn ich mit Jamal im Studio bin, verhältst du dich wie hurensohn" sagte Jiyan plötzlich und Mali schaute sie schockiert, aber dann aggressiv an.
Seit wann sagt sie sowas? Boah, er hatte sie echt wütend gemacht. Er wollte plötzlich auf sie zu gehen und packen, aber ich stellte mich vor sie und schaute ihn verstört und wütend zugleich an. Wollte er sie gerade ernsthaft hauen?
"Beruhig dich" sagte ich zu ihm.
"Sag deiner bitch, dass sie nicht so mit mir reden soll" sagte Mali aggressiv und schaute mir hasserfüllt in die Augen.
Er wollte mich testen. Ich wusste das. Ich würde ihm am liebsten eine reinhauen, aber ich wollte es nicht riskieren. Nicht jetzt. Ich hatte genug andere Probleme.
"Beruhig dich, hab ich gesagt" wiederholte ich erneut, diesmal etwas aggressiver.
Er wandte sich ab und ging zu den anderen Jungs, die um Shoki herum standen. Ich drehte mich zu Jiyan um und sie schaute zu den Jungs und dann zu mir. Ich schaute sie wütend, aber fragend zugleich an. Sie wollte reden, aber ich packte sie am Arm und zog sie hinter mich her in die Küche, damit wir alleine waren.
DU LIEST GERADE
in meiner Welt
FanfictionJiyan und Jamal leben in zwei völlig unterschiedlichen Welten. Sie stammt aus einem guten Elternhaus und träumt von einer strahlenden Zukunft. Er hingegen kämpft ums Überleben auf den Straßen, verstrickt in Drogenhandel, um seine Familie über Wasser...
