Abschied

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Triggerwarnung für dieses Kapitel: Trauer, psychischer Schmerz, Schuldgefühle, Tod (Suizid)

Ich weiß, diese Triggerwarnung klingt wieder sehr hart und das Kapitel ist auch sehr emotional, also passt beim Lesen bitte auf. Aber ich verrate auch schon mal, dass es nächste Woche noch zwei Kapitel geben wird...

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Jisungs Pov:

„Du hast es selbst gesagt, es ist so vorherbestimmt, Yeosang. Immerhin gibt es einen Sarkophag für mich. Was ist da naheliegender als die Tatsache, dass ich ebenso sterben muss, um die Kriterien des Rätsels zu erfüllen?"


Yeosangs Hand umschloss meine noch fester und ich blinzelte mehrmals, weil es beinahe wehtat. Ich verstand, dass mich mein langjähriger und allerbester Freund nicht gehen lassen wollte, aber er wusste selbst, dass es so kommen musste. Er hatte es mir selbst bestätigt.

„Lass uns den Sarkophag öffnen, Yeosang. Dann werden wir wissen, ob du recht hattest", bat ich ihn und entzog ihm vorsichtig meine leicht schmerzenden Finger und erhob mich. Zärtlich glitten meine Finger über den steinernen Deckel mit der recht präzisen Darstellung von Minhos Gesichtszügen und seiner Statur. Ich betrachtete alles eingehend und dennoch konnte dieses Abbild meinem wunderschönen Gemahl nicht gerecht werden. Ich berührte seine aufgemalte Wange, strich behutsam bis zum Kinn.

„Gibst du mir eine der Brechstangen?" Ich deutete auf den Deckel und streckte dann eine Hand nach dem Werkzeug aus, das Yeosang mitgebracht hatte, um ebendiese Arbeit zu vereinfachen. Gemeinsam lösten wir den zerbröselnden Leim aus der Verschlussfuge zwischen Deckel und Sarg und dann stemmte ich mein gesamtes Körpergewicht gegen die kleine Brechstange, während Yeosang dasselbe weiter unten tat.

Endlich hörte ich das vertraute Schaben von Stein auf Stein und der Spalt vergrößerte sich allmählich. Ich wandte rasch den Blick ab und half mit laut klopfendem Herzen, den Deckel so weit zurückzuschieben, bis man hoffentlich gut ins Innere des Sarkophags hineinsehen konnte. Zwar wollte ich unbedingt wissen, ob wir recht behalten würden, aber ein Rest Sorge blieb, dass wir uns geirrt haben könnten.

Mir war zwar klar, dass es ein grausamer und niederschmetternder Anblick sein würde, meinen Minho in weiße Leinentücher eingewickelt und einbalsamiert vorzufinden, doch das musste ich riskieren. Erst wenn ich die Wahrheit kannte, würde ich meinen inneren Frieden finden und mich meinem Schicksal hingeben können. Und selbst wenn ich hier seine sterblichen Überreste fand, alles war besser als die nagende Ungewissheit.

Mental wappnete ich mich also für den möglichen Anblick und dennoch fand ich nicht den Mut, hinabzusehen.

„Jisung?", fragte Yeosang einfühlsam, doch ich brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen, starrte sicherlich noch ein oder zwei Minuten stumm auf den Deckel, bevor ich den Blick senkte und dann zittrig ausatmete.

Meine Augen füllten sich in Sekundenschnelle mit Tränen und ich sank erneut zu Boden. Meine Tränen rannen über mein Gesicht und tropften dann auf den glatten weißen Marmor – in die gähnende Leere des Sarkophags.

„Er- er ist nicht hier", schluchzte ich, irgendwie erleichtert und traurig zugleich, packte die Umrandung des Grabes, um mich aufrechtzuhalten, und blickte unter Tränen hinauf zu Yeosang. „Du hattest recht."

Mit kummervollem Blick hockte sich mein Freund neben mich und zog dann etwas aus seiner Hosentasche, das ich ihm noch im Krankenhaus zur Aufbewahrung anvertraut hatte. „Mittlerweile wünschte ich, es wäre anders", flüsterte Yeosang. „Aber ich halte mein Versprechen. Ich stehe immer zu dir und deinen Entscheidungen, denn ich weiß, dass du sie treffen musst."

God-king of Egypt | MinsungWo Geschichten leben. Entdecke jetzt