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Mittwoch, 26. April

Müde schleppte sich Linus ins Bad, brachte jedoch nicht die Motivation auf, duschen zu gehen. Er hatte sowieso nicht mehr genügend Zeit, weswegen er sich nur schnell seine Zähne putzte und sein Gesicht mit kaltem Wasser abwusch. Etwas wacher kehrte er in sein Zimmer zurück, behielt die Boxershort, in der er geschlafen hatte, an und suchte sich wahllos irgendwelche Klamotten von dem Stuhl, auf welchem alle Klamotten lagen, die zu „sauber" für die Waschmaschine, aber zu „dreckig" für den Schrank waren. Schlussendlich stand er wieder im Badezimmer vor dem Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel. Die Schnüre, welche aus den Löchern der Kapuze seines zerknitterten schwarzen Hoodies ragten, waren dermaßen ungleichmäßig verteilt, dass es Linus störte. Er richtete sie wieder, sodass auf der linken und rechten Seite jeweils gleich viel Seil herunter baumelte. Dann hielt er seine Handflächen für einen Moment unter das laufende Wasser und wuschelte sich durch die Haare, bis diese wirr abstanden. Er fingerte noch solange in seinen Haaren herum, bis er mit seiner Frisur zufrieden war. Seine Tasche griff er einfach ohne zu kontrollieren, ob er alle Bücher, die er für den heutigen Unterricht benötigte, eingepackt hatte. In der Küche angekommen unterbrach Linus' Mutter ihre gehetzte Arbeit und empfing ihren Sohn mit einem schwachen Lächeln, bevor sie wieder ihrer Hektik verfiel. Der Tisch war gedeckt mit Brötchen und jeglichem Aufstrich, doch Linus griff nach nichts. Er hatte keinen Hunger. Außerdem war er schlichtweg zu faul, sich etwas zurecht zu machen.

„Wo ist Hannah?", fragte er schließlich. Hannah war heute eigentlich seine Mitfahrgelegenheit zur Schule. Melissa seufzte, lehnte sich an die Theke und fuhr sich angestrengt durch die Haare.

„Sie musste doch schon früher los. Ich soll dir eine Entschuldigung ausrichten, dass sie dich nicht geweckt hat." Linus winkte ab und lächelte seine Mutter aufmunternd an.

„Seh' ich etwa gehetzt aus? Und außerdem..." Er gähnte lange und streckte sich ausgiebig. „...ist es auch nicht schlimm, wenn ich ein bisschen zu spät komme."

„Ach ja!", fiel es Melissa wieder ein. Sie kramte in ihrer Tasche und streckte ihrem Sohn schließlich die Hand entgegen. Er nahm das klimpernde Kleingeld zögerlich entgegen, welches sie ihm gab.

„Ich denke nicht, dass du dir etwas machen willst, richtig? Ich würde dir etwas machen, aber ich war gestern so müde und habe deshalb den Abwasch nicht mehr gemacht..." Linus' Blick fiel hinter seine Mutter, wo ein Schaumberg aus der Spüle ragte. Daneben einiges an dreckigem Geschirr. Der Dunkelhaarige drückte sich hastig vom Tisch ab, an welchen er sich gelehnt hatte, und klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.

„Verdammt! Ich habe dir versprochen, das für dich zu übernehmen! Wieso hast du mich nicht geweckt?", entfuhr es dem jungen Mann.

„Ich wollte dich schlafen lassen." Linus verdrehte die Augen, lächelte aber trotzdem. Liebevoll drückte er seine Mutter zur Seite und nahm ihr den Lappen ab. Das Kleingeld legte er auf die Arbeitsplatte. Dann krempelte er seine Ärmel hoch und begann, den Abwasch zu machen.

„Los, setz' dich hin und frühstücke erst einmal", forderte er sanft. „Ich mache das schon fertig. So, wie ichs dir versprochen habe."

„Aber-"

„Ich habe jetzt sowieso nur Mathe und da kann ich eh nicht mitrechnen, weil ich meinen Taschenrechner noch nicht wieder habe."

„Der Junge hat ihn dir immer noch nicht wieder gebracht? Aber wir haben doch schon Mittwoch! Vielleicht solltest du ihn dir mal vorknüpfen?", meinte Melissa nachdenklich, während sie nach einem Brötchen griff. Linus blickte seine Mutter stirnrunzelnd über die Schulter hinweg an.

„Du meinst, ich soll ihm Angst einjagen? Nein, er wird ihn mir schon wiederbringen. Und wenn nicht, dann frage ich ihn eben morgen in Sport." Plötzlich merkte Linus eine Gestalt neben sich. Melissa legte ihre Arme um ihren Sohn und legte ihr Kinn auf seiner Schulter ab.

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