Die Dunkelheit verschlang den jungen Mann, als er entspannt die Straße entlangschlenderte und das sachte Mondlicht genoss genoss. Das seichte Licht spiegelte sich auf der mit Regen benetzten Straße wider und brachte die strahlenden Sterne zur Geltung. Linus fühlte sich endlich erlöst. Es fühlte sich richtig an. Sein Herz schlug in einem gleichmäßigen Tempo. Abermals dachte er an seine Heimat zurück und stellte zufrieden fest, dass er nichts vergessen hatte. Sein Rucksack war leicht, ihn füllte nichts außer zwei Gegenstände. Der Weg war körperlich anstrengend und doch erklomm der junge Mann den Berg mit Leichtigkeit. Motivation, welche ihn schon zu lange nicht mehr ergriffen hatte, trieb ihn an. Erst als er oben ankam spürte er die Müdigkeit in seinen Knochen wieder. Doch es war keine Müdigkeit, welche von zu wenig Schlaf hervorgerufen wurde. Es war die Müdigkeit vom Leben. Er dachte an Leo, an das, was er damals gefragt hatte, als sie noch gar nicht so lange Freunde gewesen waren.
„Ist alles okay bei dir?" Besorgt musterte Leo seinen Freund von der Seite und wurde langsamer. Sie hatten die Schule soeben betreten und es war früh am Morgen, weshalb Linus sich kaum Gedanken darüber machte, dass seine Ausrede nicht ziehen würde.
„Ja, alles gut", log er. „Ich bin nur müde."
Und dann war da dieser Moment. Dieser ganz besondere Moment, kombiniert mit diesem ganz besonderen Blick, den sein bester Freund ihm noch tausende Male geben würde. Mit dieser ehrlichen Ausstrahlung, die Linus umhaute, als Leo unter seinem Atem flüsterte:
„Müde von was?"
Linus wollte weinen. „Müde vom Leben", wollte er schreien, er wollte sich in die Arme seines Freundes werfen und ihm sein Herz ausschütten. Doch alles, was er über seine Lippen brachte, war eine lasche Ausrede.
„Konnte nicht schlafen." Ein letzter besorgter Blick lag auf Linus. Und dann sie setzten ihren gewöhnlichen Weg durch die Schulflure fort.
Sofort prasselten die nächsten Erinnerungen auf Linus ein. Er erinnerte sich an all die Tage und Nächte, die er mit seinen Freunden verbracht hatte. An all die Gespräche und Witze. Er führte sich vor Augen, wie seine Schwester ihn immer und immer wieder in Schutz genommen hatte – egal, ob es von einem kaputten Glas oder etwas Größerem handelte. Er erinnerte sich an seine Mutter und seinen Vater. Wie sehr hatte er sich immer gewünscht, eine Gute-Nacht-Geschichte von ihnen vorgelesen zu bekommen? Wie oft hatte er sich gewünscht, einen Familienausflug zu machen, welcher nicht im Streit endete? Wie oft hatte er sich vorgenommen, in Zukunft der beste Vater auf Erden zu sein? Und wie oft hatte er sich leidend vorgestellt, wie er niemals einen Mann heiraten und Kinder adoptieren durfte? Wie oft hatte er darunter gelitten, sich gedacht, dass er niemals glücklich sein würde? Er wollte nicht einmal für immer glücklich sein, verdammt! Er hatte doch nur einmal für ein paar Wochen unbeschwert sein wollen. Er ließ seinen kompletten Leidensweg, welcher sich sein Leben nannte, vor seinem inneren Auge durchlaufen. Er erinnerte sich an keinen Tag, an dem er sich nicht leer und unnütz gefühlt hatte. An denen er nicht von Schuldgefühlen, nicht der perfekte Sohn zu sein und die Familie zerstört zu haben, litt. Doch dann kam der Tag, an dem er durch Zufall auf den schüchternen Jungen mit den leuchtend grünen Augen aufmerksam geworden war. Mittwoch. Es war ein Mittwoch gewesen. Der neunzehnte April, um genau zu sein. Der schlaksige Junge kam in das Klassenzimmer geschlichen. Sofort hatte Linus etwas Besonderes in ihm gesehen. Linus glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick und doch war es damals vergleichbar gewesen. Er hatte gesehen, dass dieser Junge perfekt war. Und Ruben hatte sich als genau das erwiesen; perfekt unperfekt. Zu Beginn ihrer Freundschaft hatte Linus gedacht, dass Ruben ihn lediglich von seinen depressiven Gedanken ablenkte, doch später stellte er fest, dass Linus jeden Tag ein kleines bisschen mehr er selbst wurde. Es waren die schönsten vier Monate in Linus' Leben gewesen. Monate, die ihm keiner mehr wegnehmen konnte – außer er selbst. Alles hatte ein Ende, das wusste Linus. Für alles und jeden gab es einen Zeitpunkt, an dem sie einsehen mussten, dass es keinen Sinn mehr hatte. Der Tod seines Großvaters war für Linus kein Grund, nun den Schlussstrich zu ziehen. Es war lediglich ein Zeichen. Ein Zeichen, dass seine Glückssträhne nun endgültig vorbei war, dass er wieder in der bitteren Realität angekommen war – dass er nun wieder in ihr leben musste. Die Tagträume und zeitlosen Tage und Nächte mit Ruben waren vorbei. Es schmerzte. Es schmerzte so unerträglich sehr, doch Linus hatte es bereits vor Monaten akzeptiert. Schon vor langer Zeit hatte er gewusst, dass das alles so enden würde, wie es nun endete. Doch dann war dieser schlaksike Junge in sein Leben getappst und hatte diesen Moment herausgezögert. Herausgezögert, aber nicht verhindert. Denn dazu war selbst der schönste Mensch der Welt nicht fähig. Ruben hatte keinen Fehler gemacht, im Gegenteil: Linus war seinem Freund unendlich dankbar für die vielen Stunden, die sie zusammen verbracht hatten. Für die vielen Dinge, die sie zusammen erlebt hatten und am aller wichtigsten: Für die Dinge, die sie sich gegenseitig fühlten ließen.
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UPSIDE DOWN :(:
Teen FictionWird überarbeitet ~ And suddenly life flips you upside down, and you find out that this is the right way ~ Linus ist dabei, die zwölfte Klasse zum zweiten Mal zu versauen und somit sein Abitur zu verspielen. Dass seine besten Freunde den Abschluss...
