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Samstag, 19. Juni

Die Musik dröhnte durch die Boxen, als Linus mit seinen Freunden das Gelände betrat. Endlich konnte er wieder etwas mit seinen besten Freunden unternehmen. Die Jungs schlenderten entspannt zum Getränkestand und kauften sich Alkohol. Timo wippte schon jetzt zur Musik mit, während die anderen noch nicht in der Stimmung waren. Sie hatten bereits auf dem Weg hierher vorgeglüht, damit sie hier nicht so viel teuren Alkohol kaufen mussten.

Auch Ruben war hier, auf dem Farbfestival, wo im stündlichen Countdown mit Farbpulver um sich geschmissen wurde. Er war alleine hier, doch das sollte ihn nicht daran hindern Spaß zu haben. Er lief auf einen der mehreren Getränkestände und stellte sich an. Nach kurzer Zeit kam er dran, doch als er sich Alkohol bestellte blickte ihn der Verkäufer skeptisch an.

„Du bist noch keine achtzehn." Er tippte sich auf auf seine Hand. „Sonst hättest du einen Stempel bekommen."

Du hast doch auch keinen Stempel, obwohl du ein alter Sack bist, meinte Rubens innere Stimme, doch er dachte nicht einmal daran es laut auszusprechen.

Stattdessen nickte er, drehte sich um und verdrehte die Augen im Weggehen. Leise fluchte er. Egal. Er würde auch ohne Alkohol Spaß haben, hatte ja bisher auch geklappt. Noch fünfzehn Minuten bis zum ersten Countdown. Rubens Mutter hatte ihm so viele Farbbeutel gekauft, dass er gar nicht wusste, wie er sie alle verbrauchen sollte. Vielleicht würde er ja neue Freunde finden, indem er welche verschenkte. Er wusste, dass dies nicht geschehen würde. Und selbst wenn, dann würden sie bestimmt nach ein paar Wochen den Kontakt abbrechen, dachte er frustriert. Er versuchte den Gedanken an Linus zu verdrängen. Er musste sich weder neue Freunde suchen, noch war es ihm möglich Linus zu vergessen, denn er wurde an der Schulter angetippt. Er drehte sich um und stutzte. Linus hielt ihm mit einem nervösen Lächeln einen Shot hin.

„Hey. Ich habe gesehen, dass der dir keinen Alkohol verkauft hat", sagte er und nickte in Richtung des Verkäufers. „Bist du alleine hier?" Charmant lächelte Linus, doch er sah noch immer nervös aus. Ruben fragte sich, wo der entspannte, selbstbewusste Junge aus dem Sportunterricht geblieben war. Vielleicht war ja wirklich etwas passiert? Oder vielleicht hatte Linus auch vor jemandem Angst und versuchte so viele Leute um sich herum zu haben wie möglich. Nachdem Linus den Shot noch ein Stückchen auf Ruben zubewegte, wurde der Grünäugige aus seiner Starre gerissen. Er nahm ihn an und bemerkte jetzt erst, dass Linus auch einen Shot für sich selbst in der Hand hatte.

„Danke", murmelte Ruben überfordert. Sie stießen an und tranken. Ruben versuchte sein Gesicht nicht allzu sehr zu verziehen, was nicht so recht klappen wollte. Linus lachte leicht. Der Ältere nahm Ruben das kleine Glas ab und Ruben griff nach seiner Tasche.

„Wie viel hat der gekostet?"

„Ist doch egal." Linus blickte kurz nach hinten. Ruben folgte seinem Blick und sah Leo und Timo, welche sich unterhielten. Timo schielte immer wieder zu den Beiden und nickte Ruben mit einem strahlenden Lächeln zu, als er Rubens Blick bemerkte. Der Siebzehnjährige erwiderte das Lächeln schüchtern.

„Willst du ... mit zu uns? Wir haben noch mehr Alkohol."

Linus lief bereits in Zeilupe los, für den Fall, dass Ruben ablehnen würde, doch der lief glücklich neben Linus her zurück zu dessen Freunden.

„Ich habe genug Geld dabei."

Linus winkte ab.

„Du musst mir kein Geld geben."

„Darf ich dann wenigstens mit Farbbeuteln bezahlen?"

Linus' Blick fiel auf Rubens Tasche. Die Jungs hatten total versäumt im Vorfeld welche zu kaufen und nun war die Schlange so lang, dass keiner von ihnen Lust hatte sich anzustellen.

„Wie viele hast du denn?", fragte Linus neugierig.

Ruben grinste nun verschmitzt und zog den Reißverschluss seines Rucksacks auf. Er musterte Linus, welcher überrascht die Augen aufriss.

„Meine Mum hat dezent übertrieben", gluckste der Grünäugige.

Leo und Timo begrüßten Ruben mit einer brüderlichen Umarmung und es war, als würden sie sich schon ewig kennen. Sie unterhielten sich. Ruben wusste nicht, ob die zwei wussten, dass Linus sich in den letzten Wochen zurückgezogen hatte, weshalb er auch nichts dergleichen erwähnte. Kurze Zeit später begaben sie sich näher zur Bühne, nachdem sie noch etwas Alkohol getrunken hatte. Noch fünf Minuten bis zum Countdown. Die Jungs drängten sich zwischen den Menschen hindurch ins innere der Menschenmasse und begangen zu tanzen. Linus' Kopf war voller Gedanken, voller Wörter und Sätze, die er Ruben sagen wollte. Er legte sich Worte zurecht, Entschuldigungen, Erklärungen. Ausreden. Alles Ausreden, dachte Linus verzweifelt. Ruben dachte über nichts davon nach. Er hatte Spaß, wollte jetzt nicht über so etwas nachdenken. Für ihn zählte nur, dass Linus hier und jetzt da war und sie gemeinsam Spaß hatten. Linus konnte seinen Blick kaum von Ruben abwenden, während sie sich zur Musik bewegten.

Und dann begann der Countdown. Einige der Besucher waren bereits voller Farbe, die meisten warfen schon jetzt Farbe in die Luft. Der Countdown begann und Rubens Herz schlug immer schneller. Er konnte nicht mehr aufhören zu grinsen. Die vier jungen Erwachsenen grinsten sich an und schoben sich gleichzeitig die Sonnenbrille auf die Nase, um kein Pulver in die Augen zu bekommen. Es war wie in einem Film. Die Jungs warteten, bis der Countdown runtergezählt war. Und dann warfen sie das Pulver in die Luft. Grünes, Blaues, Pinkes. Es war eine kunterbunte Mischung und ein einzigartiges Erlebnis.

„Ich bin echt froh, dass du da bist", sagte Linus, während er neben Ruben im Schatten saß und Timo und Leo bei ihrer Farbschlacht zuschaute.

„Ich auch. Ich hätte sowieso nicht gewusst was ich mit den ganzen Farbbeuteln angestellt hätte."

Linus drehte seinen Kopf und schaute nun Ruben an, welcher ebenfalls die anderen zwei Jungen beobachtete.

„Ich meine nicht nur deshalb." Er machte eine kurze Pause und sammelte seinen Mut zusammen. „Hör mal, Ruben... Ich wollte mich bei dir entschuldigen, weil ich in den letzten Wochen keine Zeit für dich hatte."

Ruben erwiderte Linus' Blick nun, starrte ihm fast emotionslos in die Augen.

„Du hattest nicht ‚keine Zeit'. Du bist mir aus dem Weg gegangen und ich würde ehrlichgesagt gerne wissen warum."

Linus starrte auf das vertrocknete, braune Gras vor sich. Er blieb stumm.

„Ich bin nicht sauer, okay? Ich verstehe es nur nicht." Ruben griff in seine Tasche und stand auf. Linus starrte noch immer auf das Gras vor sich.

„Kommst du?"

Linus hob den Kopf, blinzelte gegen die Sonne an und sah Ruben, zwei Farbbeutel in einer Hand, ein Lächeln auf den Lippen. Von der Stimmung von eben war nichts zu sehen. Entweder war er wirklich nicht sauer oder er war ein verdammt guter Schauspieler. Ruben streckte Linus die Hände hin, welche der Ältere ergriff und sich hochziehen ließ.

„Jetzt sind sie gerade abgelenkt. Ich schleiche mich an Timo an und du übernimmst Leo, alles klar?"

Linus nickte, als Ruben einen Farbbeutel übergab und seinen eigenen aufriss. Es war so einfach. Linus war erleichtert. Er hatte seinen Kumpel zurück und es war nicht komisch. Sie hatten sich kurz ausgesprochen. Und plötzlich war alles wieder wie früher.

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1142 Wörter

UPSIDE DOWN :(:Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt