Donnerstag, 17. Juni
Linus kam kaum aus dem Bett. Trotz vier Schlaftabletten hatte er nicht einschlafen können und war die ganze Nacht lang wachgelegen. Die Augenringe waren presenter als je zuvor. Das Haus verließ er nur, wenn er in die Schule musste und Chanelle sagte er schon seit einiger Zeit, dass er keine Zeit hatte. Nur selten machte er etwas mit ihr. Der einzige Lichtblick war das kommende Wochenende, denn Timo und Leo würden vorbeikommen und sie würden auf ein Festival gehen. Natürlich hatte er bemerkt, wie Ruben ihn angesehen hatte. Er hatte mit ihm sprechen wollen, das hatte er wirklich. Doch er hatte sich nicht dazu aufraffen können. Genauer gesagt hatte er sich zu nichts aufraffen können. Die verkackten Prüfungen zogen ihn herunter und er verstand nicht, warum er jetzt noch zum Unterricht kommen musste. Aber er konnte auch nicht Zuhause bleiben, denn dann würde seine Familie Fragen stellen. Doch es ging ihm besser – eigentlich nicht – deshalb oder besser gesagt, trotzdem, hatte er sich vorgenommen wieder mehr nach draußen zu gehen. Er hatte täglich geduscht und versucht nicht zwischen „zu wenig" und „zu viel zu essen" stecken zu bleiben. Er war jeden Tag eine Stunde nach draußen gegangen und hatte sich immer wieder dabei erwischt zum Friedhof zu gehen. Und zu Rubens Haus, in der Hoffnung ihn „zufällig" zu treffen. Doch Ruben hatte ihn bereits abgeschrieben. Mit diesem Mädchen ersetzt. Er brauchte Linus nicht mehr. Wahrscheinlich sind die schon längst zusammen, dachte er frustriert. Ist wahrscheinlich besser für uns beide. Ich hätte ihn sowieso nur runtergezogen.
Linus fragte sich für einen Moment, warum Rubens Name an dem Montag vor einigen Wochen so oft gefallen war. Er bereute es inzwischen, dass er die restliche Woche blaugemacht hatte, denn so hätte er es vielleicht herausgefunden. Als Linus Ruben sah wollte er schreien. Der Grünäugige umarmte drei Mädchen, dabei auch das von seinem Profilbild. Linus erwischte sich dabei, wie er Ruben einige Zeit anstarrte. Als eines der Mädchen es bemerkte drehte er sich weg und lief auf den Kaffeeautomaten zu, neben welchem die kleine Gruppe stand. Seit wann stehen die denn da? Ich habe Ruben schon ewig nicht mehr in der Schule gesehen... Höchstens mal im Gang.
Die Wahrheit war, dass Linus in den letzten Wochen in seinen Gedanken gefangen gewesen war. Er hatte nichts um sich herum aktiv wahrgenommen und hatte sich komplett abgekapselt. Er hatte kaum gesprochen. Er wollte wieder mehr sprechen, das hatte er sich vorgenommen. Er hatte es sich als Ziel gesetzt. Auch, dass er wieder mit Ruben sprach, denn es tat ihm leid, dass er ihm in WhatsApp nicht geantwortet hatte. Vor allem, weil er wusste, dass etwas in der Schule passiert war. Doch Linus wusste auch, dass er seine Ziele nie erreichte. Er stand also vor dem Kaffeeautomaten und seufzte. Er steckte sein Geld wieder in seine Tasche, denn mit einem Mal war ihm schlecht. Er wusste, er würde den Tag nicht ohne Kaffee überstehen, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste er auch, dass der Kaffee ihm nicht wirklich half. Er redete es sich nur ein. Er redete sich selbst und allen anderen schon viel zu lange ein, dass er nur müde sei. Die Tür nach draußen war direkt hinter Ruben und seinen Freunden. Er hörte sie reden und lachen. Linus zog sich die Kapuze des schwarzen Hoodies über den Kopf und lief nach draußen, stellte sich in den Regen und zündete sich eine Zigarette an. Ruben schaute ihm hinterher und blieb reglos stehen. Linus hatte die Kapuze so weit ins Gesicht gezogen, dass die Stirn kaum sichtbar war. Er machte einen ungepflegten Eindruck und hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine sonst so schönen Lippen waren spröde und sein dunkelblondes Haar matt. Rebecka merkte Rubens Blick und zog ihn beiseite. Ruben wollte Linus hinterher, ihn an den Schultern packen und anschreien. Er wollte ihn fragen, was mit ihm los sei, wollte es ihm entgegenschreien. Ruben wollte wissen, wieso er plötzlich ignoriert wurde, ob er irgendetwas falsch gemacht hatte. Er wollte Linus fragen, ob alles okay war, denn in letzter Zeit sah er definitiv nicht aus, als ob er okay wäre. Aber wann tat er das auch jemals? Ruben konnte die Tage an einem Finger abzählen. Ruben wollte Linus einfach in den Arm nehmen und für ihn da sein.
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UPSIDE DOWN :(:
JugendliteraturWird überarbeitet ~ And suddenly life flips you upside down, and you find out that this is the right way ~ Linus ist dabei, die zwölfte Klasse zum zweiten Mal zu versauen und somit sein Abitur zu verspielen. Dass seine besten Freunde den Abschluss...
