Tief atmete Linus ein und aus, bevor er sich vor den Fernseher stellte und ihn ausschaltete. Noch bevor seine Familienmitglieder sich beschweren konnten, begann er zu sprechen.
„Ich habe mein Abi nicht", hauchte er tonlos. Er blickte nicht beschämt zu Boden. Das hatte er schon oft genug getan.
„Dein ernst, Linus? Kannst du überhaupt irgendetwas? Du weißt aber schon, dass du dann auch nicht studieren kannst, oder?"
Melissa tätschelte Hannahs Schulter, um sie zum Schweigen zu bringen. Die Mutter richtete sich auf und blickte ihrem Sohn in die Augen, welcher überraschenderweise aufrecht und selbstbewusst dastand.
„Hast du dich schon um einen Job gekümmert?", fragte sie mit gerunzelter Stirn. Stumm schüttelte Linus den Kopf.
„Weißt du denn überhaupt, was du machen willst?", fragte die ältere Frau weiter.
„Natürlich nicht. Sieht er so aus?", fauchte seine Schwester zynisch.
„Hannah!"
„Ist schon okay, Mum. Ich habs verbockt, aber ich regel das. Es ist alles gut", sagte Linus und begann ehrlich zu lächeln. Noch neun Stunden, dachte er und spürte die positive Aufregung in seinem Körper. Sie floss regelrecht durch seine Venen, welche er sich am liebsten sofort aufschlitzen würde.
„Bis später", sagte er dann und begab sich mit seiner Tasche zur Tür.
„Wir wollten doch das Baumhaus ausräumen!", rief Hannah erbost und sprang auf. Linus warf einen Blick aus dem Fenster.
„Na dann mal viel Spaß bei dem Regen", kommentierte er und hörte die Beschwerden seiner Schwester auch noch, als er an der Tür angekommen war.
„Morgen machen wir das endlich! Und wehe du lässt mich wieder alleine!"
Auf dem Absatz machte Linus kehrt und lief zurück ins Wohnzimmer. Er wusste nicht, wie lange er brauchen würde und ob er noch einmal zurückkommen würde. Er ging im Kopf noch ein letztes Mal seine Checkliste durch. Mein Zimmer ist aufgeräumt und alle Zettel verteilt. Perfekt. Ich kann endlich abhauen. Linus nahm erst seine Mutter, dann seine genervte Schwester fest in den Arm.
"Ich liebe euch. Danke für alles", sagte er. Mehr brauchte es nicht. Seine Mutter fragte, ob er okay war, was Linus bejahte. Zum ersten Mal seit langem fühlte es sich an, als müsste er nicht lügen. Und das tat er auch nicht. Denn es war nicht nötig, er war okay.
Mit leisem Klicken fiel die Tür sanft ins Schloss. Sofort zog er sich seine Kapuze über den Kopf und zündete sich eine Zigarette an, nachdem er Musik angeschalten hatte.
In The End von XXXTENTATION drang kaum vernehmbar aus den Lautsprechern seines Handys. Als seine Zigarette bis zum Filter aufgeraucht war, ließ er sie auf den Boden fallen und obwohl sie in einer Pfütze landete, trat er sie aus. Dann rannte er los. Durch den strömenden Regen, direkt um die Ecke, weshalb er ausrutschte. Seine Knie knallten gegen die Kante des Bürgersteigs. Mit den Händen bewahrte er seinem Gesicht den Kontakt mit dem dreckigen Beton. Dass seine Hände aufgeschürft und dreckig waren kümmerte ihn ebenso wenig wie seine schmerzenden Knie. Linus rappelte sich auf und sprintete weiter. In seinem Kopf sah er grüne Augen und verwuschelten Haare. Für einen Moment bildete er sich sogar ein, den Geruch des Jüngeren in der Nase zu haben. Er rannte noch schneller. Kurze Zeit später drückte er seinen Körper gegen die Tür und klingelte, denn das Vordach war nicht groß. Als er ein schüchternes, überraschtes Lächeln auf den Lippen seines Gegenüber sah, erfüllte ihn ein Glücksgefühl, gefolgt von einem Gefühl der Reue, gefolgt von einem ist-mir-scheiß-egal-wie-falsch-das-ist-Gefühl.
„Willst du mich umarmen?", fragte Linus mit einem charmanten Grinsen. Keine Sekunde später vermischte sich Rubens Eigengeruch mit dem des Regens, als sie sich in die Arme schlossen.
DU LIEST GERADE
UPSIDE DOWN :(:
Teen FictionWird überarbeitet ~ And suddenly life flips you upside down, and you find out that this is the right way ~ Linus ist dabei, die zwölfte Klasse zum zweiten Mal zu versauen und somit sein Abitur zu verspielen. Dass seine besten Freunde den Abschluss...
