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Samstag, 10. August

Ruben bog in Linus' Einfahrt, denn dieser hatte ihn diese Woche mal wieder alleine gelassen. Er hatte ihm zwar dieses Mal jeden Tag geschrieben – eine einzige Nachricht, – aber trotzdem machte Ruben sich Sorgen. Er hatte seinem Freund nicht bescheid gesagt, dass er vorbei kam. Als der Grünäugige an der Tür der Familie Schütz ankam, klingelte er zögerlich. Hannah öffnete dem jungen Mann die Tür.

„Hey Ruben", lächelte sie überrascht. „Ich dachte, du hast diese Woche keine Zeit?"

Verwirrt blickte Ruben der jungen Frau in die Augen.

„Ich hatte die ganze Woche Zeit, aber Linus wollte mich anscheinend nicht sehen", murmelte Ruben mit gesenktem Kopf.

„Oh", stieß Hannah leise aus, plötzlich sah auch sie furchtbar bedrückt aus. „Komm doch erstmal rein, ich rede kurz mit ihm. Es ist ... kompliziert."

Stumm nickte Ruben und zog im Gang seine Schuhe aus. Er schloss die Tür hinter sich und wartete dann an der Treppe, während Hannah mit ihrem Bruder sprach. Als keiner der Beiden nach fünf Minuten herunter kam, entschloss Ruben sich dazu, nach oben zu gehen.

„Ich verstehe, dass das alles schwer für dich ist, aber es wird dir sicher nicht helfen, wenn du dich in deinem Zimmer verschanzt! Und Ruben-"

„Hör auf über ihn zu reden! Sei still und geh einf-"

Linus brach sofort ab, als Ruben an der angelehnten Tür klopfte und langsam eintrat. Sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen, als er seinen Freund erblickte. Man konnte deutlich sehen, dass es ihm hundeelend ging. Er hatte einen Dreitagebart, trug zerknitterte Klamotten und verwuschelte Haare.

„Hey Babe", nuschelte Ruben besorgt und ging auf seinen Freund zu. Hannah stand nur stumm vor dem Bett, während Linus, welcher im Bett saß, sich ebenfalls nicht rührte.

„Was ist denn los?", fragte der Grünäugige leise und blickte zwischen den Geschwistern hin und her. Er näherte sich seinem Freund und umarmte ihn. Als er ihn küssen wollte, drehte Linus seinen Kopf leicht weg.

„Bekomme ich keinen Kuss zur Begrüßung?", fragte Ruben nervös.

Schnell drückte Linus seine Lippen auf Rubens, entfernte sich jedoch einen Moment später schon wieder.

„Ich lasse euch alleine."

Linus war es sichtlich unangenehm mit Ruben alleine zu sein und während der Ältere versuchte diese Tatsache zu verstecken, verbrachte Ruben seine Zeit damit, sich einzureden, dass es nichts mit ihm zutun hatte.

„Was ist denn passiert, Linus? Ich mache mir Sorgen um dich", murmelte der Grünäugige.

„Kann ich erst mal duschen gehen, bevor wir reden? Alleine", bat Linus leise.

„Natürlich. Glaubst du etwa, ich denke an Sex, wenn es dir so scheiße geht?", fragte Ruben fast schon ein wenig verletzt. Er bekam keine Antwort. Ruben räumte Linus' Zimmer ein wenig auf, während dieser duschte und sich rasierte. Ruben saß auf dem Bett, als sein Freund voll angezogen hereinkam. Linus setzte sich auf die andere Seite.

„Mein Opa ist gestorben, das ist alles. Das hat ... Erninnerungen hochgeholt, aber es geht mir gut", versicherte der Braunhaarige mit einem erzwungenen Lächeln.

„Das sehe ich", meinte Ruben und rutschte übers Bett näher zu seinem Freund. Sie legten sich hin, eine seltsame Stille legte sich um sie. Ruben rutschte näher an seinem Freund, welcher sich von ihm wegdrehte. Der Grünäugige rutschte nach und wollte seinen Arm um die Taille seines Freundes legen, als dieser weiter zur Kante des Bettes rutschte.

„Alles okay?", fragte Ruben vorsichtig und entfernte sich wieder etwas.

„Ja", murmelte Linus leise in sein Kissen.

„Man, Linus, das geht jetzt schon zwei Wochen so! Wie sollen wir eine Beziehung führen, wenn du mich nicht an deinem Leben teilhaben lässt?", fragte Ruben frustriert.

„Wir müssen doch nicht jede Sekunde zusammenhängen", meinte Linus und drehte sich auf den Rücken.

„Du hast mich jetzt zwei Wochen lang abgewimmelt! Du hast mich ein Mal an dich ran gelassen und das nur als du betrunken warst!", beschwerte der Jüngere sich.

„Ich brauche eben manchmal etwas Freiraum. Ich wollte einfach nur ein bisschen entspannen", erklärte der Ältere genervt.

„Ach so, du kannst also nicht entspannen, wenn ich da bin?!" Aufgebracht richtete Ruben sich auf, während Linus stumm an die Decke starrte.

„Soll ich gehen?", fragte Ruben resigniert.

„Es regnet in Strömen, Ruben", murmelte Linus leise. Sein Herz schmerzte, als er den Namen seines Freundes aussprach.

„Na und?" Der Jüngere verschränkte provokant die Arme.

„Ich lasse dich sicher nicht während dem Gewitter alleine nach Hause laufen", beschloss Linus. Als Ruben antwortete zitterte seine Stimme.

„Kannst du mich dann jetzt wieder wie deinen Freund behandeln? Bitte? Du musst mich nicht küssen, du musst mich nicht einmal umarmen, aber bitte sei wieder normal zu mir", flehte Ruben verzweifelt, bevor er in Tränen ausbrach. Linus reagierte nicht, denn er wusste nicht wie. Da klopfte es an der Tür und Hannah kam herein.

„Wollen wir Monopoly spielen?" Sie schloss die Tür, während sie die Jungs anstarrte. „Ihr zwei solltet euch mal etwas entspannen", meinte sie dann und lief zu der Kiste auf Linus' Schreibtisch. Sie holte einen Joint heraus und übergab ihn ihrem kleinen Bruder. Dann lief sie aus dem Raum, nur um wenig später mit dem Spiel wieder zu kommen. Ruben und Linus setzten sich auf den Boden und Linus zündete den Joint an. Wortlos gaben sie ihn hin und her, denn Hannah lehnte strickt ab. Sie sperrten das Zimmer zu und spielten für einige Stunden. Solange Hannah im Raum war, war alles in Ordnung, doch waren die Jungs alleine herrschte eine seltsame Stille. Als sie sich schlussendlich dazu entschieden, das Spiel zu beenden, da es schon später Nachmittag war, beschloss Ruben von sich aus, nach Hause zu gehen. Hannah war schon zurück in ihrem Zimmer, also waren die zwei Jungs abermals alleine.

„Ich gehe dann mal nach Hause, mein Mutter holt mich gleich. Melde dich, ja?"

Stumm nickte Linus und trat auf seinen Freund zu. Er wollte ihn küssen, da er sich dazu gezwungen fühlte. Ruben war derjenige, der seinen Kopf dieses Mal wegdrehte und Linus stattdessen umarmte. Jedoch hielt er seinen Freund deutlich länger bei sich, als Linus es einige Stunden zuvor getan hatte. Als Ruben die Tür hinter sich geschlossen hatte und sich auf den Weg nach draußen machen wollte, öffnete Hannah plötzlich ihre Zimmertür und zog ihn hinein.

„Hat er irgendwas erzählt?", fragte sie vorsichtig.

Seufzend schüttelte Ruben den Kopf.

„Nur, dass euer Opa gestorben ist."

Tief atmete die junge Dame ein und aus, schloss die Augen für einen Moment und fixierte Ruben dann umso fester damit.

„Er kann nichts dafür, okay? Ich ... Ich kann es dir nicht erzählen, das muss er selbst machen, aber ... es ist nicht seine Schuld. Verseh das bitte", erklärte Hannah bedrückt. Perplex nickte Ruben, bevor er sich verabschiedete und das Haus verließ, denn seine Mutter hatte bereits vor einigen Minuten geklingelt. Nachdenklich setzte er sich ins Auto und erzählte seiner Mutter eine Lügengeschichte, damit sie Ruhe gab. Es regnete noch immer wie aus Eimern, weshalb Ruben seinen Abend damit verbrachte, Gitarre zu spielen, Musik zu hören und nachzudenken.

:(:

1121 Wörter

UPSIDE DOWN :(:Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt