Freitag, 02. August
Bevor die Gedanken Linus erdrückt hatten, hatte er wirklich gedacht, er wäre die Stimmen in seinem Kopf losgeworden. Trotzdem waren seine Gedanken immer wieder zurückgekommen. Trotzdem hatte er sich meist schlapp und bedrückt gefühlt. Diese Gefühle würden niemals weggehen, das wusste er. Das Gefühl der Leere, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Er verzweifelte mehr und mehr. An seinen Gedanken, an seinen Gefühlen, an seinem Leben.
In diesem Moment war er glücklich. Die Zeit, die er heute mit seinem Freund verbracht hatte, war wunderschön gewesen. Es hatte ihm Kraft gegeben. Trotz allem war er froh nun wieder nach Hause zu kommen und ein wenig Zeit alleine zu verbringen. Schließlich hatte sein Alltag komplett anders ausgesehen, bevor er Ruben kennengelernt hatte; er hatte jeden Tag im Bett verbracht, gekifft und geschlafen. Das war alles gewesen. Er schloss die Haustür auf und lief sofort in die Küche. Es war später Nachmittag und die Jungs waren gerade von einem langen Spatziergang mit Jack zurückgekehrt. Ruben hatte er noch mit nach Hause begleitet, bevor er sich auf den Rückweg gemacht hatte. Jetzt wollte er nur noch etwas essen, denn dazu waren sie nicht mehr gekommen.
„Hey, na? Und, wie wars?", fragte Hannah, als ihr Bruder die Küche mit einem breiten Lächeln betrat. Sie umarmten sich und auch von Melissa bekam er eine feste Umarmung. Er erzählte seiner Schwester und Mutter alles, was sie heute erlebt hatten und ließ nur wenige Details aus. Er aß Müsli, weil er zu faul war, sich etwas Ordentliches zu machen. Plötzlich wurde Melissas Gesichtsausdruck ernst. Sie sah bedrückt aus.
„Linus, ich muss dir noch etwas sagen", sagte sie leise. Sie senkte den Blick. „Dein Opa Johann ist letzte Woche gestorben." Sofort verschwand das Lächeln von Linus' Lippen.
„Oh", machte er und versuchte die Bilder in seinem Kopf zu verdrängen. Seine Trauer hielt sich in Grenzen.
„Der war doch sowieso total homophob", kommentierte Hannah kalt. Linus schluckte und senkte ebenfalls den Blick. Seine Schwester legte ihre Hand auf Linus'.
„Hey, du bist gut so, wie du bist. Kapiert?" Linus nickte, konnte sich jedoch nicht zu einem Lächeln durchringen.
„Ich gehe ins Bett, ich bin sau müde", log Linus und stand auf. Ihm war der Appettit vergangen, weshalb er es stehen ließ. Noch während er die Treppe hochlief kamen ihm die Tränen. Er ließ sie rollen, denn es war befreiend. Es war selten, dass Linus weinte, denn es ging in letzter Zeit einfach nicht mehr. In seinem Zimmer angekommen, sank er an der Tür hinab und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Erst nach zehn Minuten stand er auf, drehte den Schlüssel im Schloss um und lief zu seiner Kiste. Er holte sich mit zittrigen Fingern einen Joint hinaus und schniefte. Er hatte seit Wochen nicht mehr gekifft, nicht einmal gedacht hatte er daran. Nur Zigaretten hatte er einige geraucht. Hastig zündete er sich den Joint an und zog daran. Er merkte erst jetzt, wie sehr er den Geschmack und die Wirkung davon vermisst hatte. Wie sehr er es gebraucht hatte. Er öffnete sein Fenster nicht, denn er wollte den Geruch des Marihuanas nicht entfliehen lassen. Er entdeckte das Bild von sich und seiner Schwester im Regal. Es war jenes, welches entstanden war, als Hannah ihm eine Regenbogenflagge auf die Wange gemalt hatte. Er hatte es vor einiger Zeit erst wieder aufgestellt. Du bist gut so, wie du bist. Du bist gut so, wie du bist. Du bist gut so, wie du bist...
Wie ein Mantra versuchte er sich dies einzureden, doch schlussendlich waren die Bilder und Erinnerungen zu stark. Er bekam Gänsehaut. Mit zittrigen Fingern riss er das Bild vom Regal und warf es auf den Boden. Er griff durch die Scherben, zog das Papier hinaus und zerris es. Dann ließ der Achtzehnjährige es auf den Boden fallen. Langsam lief er wieder zum Tisch und griff nach dem Feuerzeug. Er hob die Fetzen auf. Und zündete sie an. Linus legte die brennenden Überreste in den Aschenbecher und sah den Flammen bei der Arbeit zu. Die Asche starrte er für einige Minuten an, bevor er sich schniefend in sein Bett legte, als er seinen Joint fertiggeraucht hatte. Er wischte sich über Augen und Nase, doch besser wurde es nicht. Er versuchte zu schlafen, doch es klappte nicht. Also nahm er einige Schlaftabletten. Langsam spürte er, wie seine Lider schwer wurden und er ließ es geschehen. Nach kurzer Zeit verfiel er in einen unruhigen Schlaf. Früher war Schlaf eine Erholung gewesen- Nein, eine Pause. Denn er war jedes Mal genau so verzweifelt und fertig aufgewacht, wie er zuvor ins Bett gegangen war. Doch nun konnte nicht einmal der Schlaf ihn retten. Die Bilder verfolgten ihn in seine Traumwelt.
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UPSIDE DOWN :(:
Teen FictionWird überarbeitet ~ And suddenly life flips you upside down, and you find out that this is the right way ~ Linus ist dabei, die zwölfte Klasse zum zweiten Mal zu versauen und somit sein Abitur zu verspielen. Dass seine besten Freunde den Abschluss...
