Ruben umrundete den Mund der geöffneten Wodka Flasche und dachte bei jedem Schluck an Linus. Seine Augen waren rot und geschwollen vom vielen Weinen. Er wollte noch mehr Tränen vergießen und alles herauslassen, doch es ging nicht mehr. Er hatte keine Tränen mehr übrig. Schwerfällig ließ er sich auf den Rücken fallen und streckte Beine und Arme für einen Moment aus. Dann kugelte er sich zusammen, legte sich auf die Seite und drückte den alten Teddybären fest an sich. Er drückte seine Nase gegen das Kissen und sog den Geruch seines Freundes ein, welcher noch immer an dem Kissen hing. Der Grünäugige kuschelte sich in seine Decke. Plötzlich flossen die Tränen wieder. Der schlaksige Junge ließ seine Hand lustlos auf das Handy fallen, welches am Bettrand lag und zog es zu sich. Er tat, was er die letzten Tage schon eintausend Mal getan hatte: Er öffnete den Chat mit Linus und las die Nachricht, welche dieser ihm Donnerstagnacht geschrieben hatte, ein weiteres Mal durch. Er konnte die Nachricht kaum lesen, denn das Wasser in seinen Augen ließ seine Sicht verschwimmen, doch das war kein Problem. Er kannte sowieso jedes einzelne Wort auswendig.
BITTE VERSPRICH MIR, DASS DU, EGAL WAS DU IN DEN NÄCHSTEN TAGEN HÖRST, NICHT ZU UNSEREM PLATZ GEHST. ICH WILL NICHT, DASS DU SIEHST, WAS ICH ANGESTELLT HABE.
Das war die letzte Nachricht, die er von dem Braunhaarigen bekommen hatte. Ein für allemal. Abermals fragte Ruben sich, warum er das nicht hatte kommen sehen. Ruben kramte in seiner Hosentasche nach dem Zettel, welcher in dem Geschenk gewesen war und starrte ihn an. Rubens Blick glitt zurück auf die krakelige Schrift des zerknitterten Papiers in seiner Hand. Es war eine einfache, hingeschmierte To-Do-Liste.
[ x ] An den Strand gehen
[ x ] Sex haben
[ x ] Eine Freundin, nein, einen Freund haben :)
[ x ] Bungee Jumping
[ x ] Aus einem Flugzeug springen
[ x ] Von einer Brücke in einen Fluss springen und schwimmen
[ x ] Ein Herz und Initialen in einen Baum ritzen
[ ] Einen tollen Familienabend haben, bei dem niemand über Dad redet
[ x ] Kanu fahren
[ x ] In eine Hüpfburg gehen
[ ] Mein Buch veröffentlichen
[ ] Das Baumhaus abbauen
[ ] Meine Familie stolz machen
[ ] Ruben stolz machen
Danke Ruben. Danke für alles :(:
Ruben griff nach einem der vielen Stifte, welche wirr verteilt auf dem Schreibtisch herumlagen. Er entschied sich für den Stift, mit dem Linus immer in Rubens Block herumgekritzelt hatte. Der schüchterne Junge bildete sich sogar ein, dass der Stift noch warm von Linus' Hand war. Doch das war alles nicht echt. Ruben lächelte traurig. Und harkte den letzten Punkt ab.
Dann räumte er die Stifte sauber in das Mäppchen, welches umgekippt auf der Holzplatte lag. Jedes Teil schaute dabei in dieselbe Richtung, weil Ruben bewusst war, dass es Linus immer störte, wenn es nicht so war.
Zitternd lief der Grünäugige zur Tür und verließ leise sein Haus. Während er zielstrebig durch die Straßen lief, packte ihn die Nervosität mehr und mehr. Er schleppte sich den steilen Berg hinauf. Noch immer war es windig, kalt und wolkenverhangen. Als er fast da war, blieb er stehen, denn er konnte die Bank bereits sehen. Er wollte kehrtmachen, er wollte schreien und um sich schlagen. Er wollte sich einfach auf dem Boden zusammenkauern und aufhören zu fühlen. Doch er überwindete sich und ging weiter. Seine Schritte wurden immer schleppender, der Gang immer langsamer. Doch irgendwann kam er doch oben an. Er stand hinter der Bank und stellte sich vor, wie Linus sich nur einige Wochen vorher hier gesessen hatte. Sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen und er versuchte das Zittern seiner Hände zu verhindern, indem er sie zu Fäusten ballte. Es brachte alles nichts.
Er griff nach einem Stein und warf ihn mit voller Wucht die Klippe hinunter. Immer mehr Steine hob er auf. Er schrie um sich, irgendwelche Dinge, die ihn an Linus erinnerten oder die er mit seinem Freund erlebt hatte, denn für Ruben fühlte es sich so an, als sei Linus tatsächlich gestorben. Er würde ihn nie wiedersehen. Irgendwann brüllte Ruben nur noch den Namen seines ersten Freundes, wurde dabei immer leiser und sackte schlussendlich in sich zusammen. Neben der Bank, - etwa da, wo Linus noch einige Tage zuvor körperlich lebendig, doch innerlich schon lange tot, - gesessen hatte. Nun weinte Ruben bitterlich – erneut. Er wusste nicht, wie lange er dort saß. Allerdings konnte der Junge sich auch nicht dazu aufraffen, aufzustehen und nach Hause zu gehen.
Was dann geschah, versuchte Ruben sich einzureden, war ein Zeichen. Die unzähligen Wolken rissen auf und die Sonne strahlte Ruben direkt ins Gesicht. Eine angenehme Wärme umhüllte ihn. Und er fühlte sich sofort nicht mehr so allein. Alles wird gut, dachte Ruben. Hauptsache, mein Wunsch geht in Erfüllung.
"Ich wünsche mir, dass Linus glücklich wird", wiederholte Ruben seinen Wunsch leise.
Während der Grünäugige den Berg langsam hinunter lief, dachte er an einen Satz aus Linus' Abschiedsbrief:
Ich weiß, dass ich noch will, aber ich kann nicht mehr.
Ruben vermisste die Hände, die die krakeligen Worte auf das Papier gebracht hatten. Er vermisste die Stimme dieses Jungen, welche in seinem Kopf widerhallte, während er an den Brief dachte. Er wusste genau, dass er nicht nach Hause wollte und trotzdem schlich er sich in sein eigenes Haus, wo er sich gründlich die Hände wusch, welche voller Matsch waren. Rubens Blick fiel auf seinen Unterarm, während er seine Hände abtrocknete. Dort waren unzählige neue Schnitte zu sehen. Auf dem Boden im Badezimmer waren noch immer Bluttropfen und die dreckige Klinge lag auf dem Badewannenrand. Ruben hatte sich nichts antun wollen, das war nie sein Plan. Er wollte Linus stolz machen, auch, wenn dieser nie wieder Teil von Rubens Leben sein würde. Der Grünäugige wollte die Bitte seines besten Freundes erfüllen. Ich bitte dich von ganzem Herzen, bitte versuche glücklich zu werden. Schmeiß' dein Leben nicht weg wie ein elendiger Feigling, nur weil ich es getan habe.
Ruben wusch sein Gesicht mit eiskaltem Wasser ab und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Es klappte nicht. Was wäre, wenn ich nicht gekommen wäre? Was wäre, wenn wir nie Freunde geworden wären? Hätte er es dann überhaupt versucht? Dann machte er sich erneut auf den Weg. Wohin er wollte, wusste er nicht. Hauptsache weg von hier, schoss ihm durch den Kopf. Seine Beine trugen ihn wie von selbst zu Linus' Haus. Als er eine junge Frau im Garten weinen hörte, lief er leise auf sie zu. Er sah Hannah im Garten auf dem Boden sitzen. Sie saß im Schneidersitz da, in ihrem Schoß ein alter, ranziger Fußball, auf welchem Linus einst unterschrieben hatte.
„Hannah", flüsterte Ruben unter seinem Atem und hielt für einen Moment die Luft an. Er blieb stehen, als das Mädchen aufschaute und auf die Beine kam. Sie bewegten sich aufeinander zu und fielen sich wortlos in die Arme. Minutenlang standen sie so da. Als die zwei sich lösten, schaute Hannah im Garten umher. Alles war voll von irgendwelchen alten Spielsachen, welche sie aus dem Baumhaus katapultiert hatte. Wortlos begann Ruben, alles aufzusammeln und auf einen Haufen zu schlichten. Anschließend half er der jungen Frau dabei, das restliche Zeug herunter zu werfen, während Hannah ihm alte Geschichten erzählte. Wie sie das Baumhaus gebaut hatten, was sie dort alles gespielt hatten und vieles, vieles mehr. Als sie fertig waren sackte Hannah vor dem Haufen zusammen. Alles brach aus ihr heraus: Sie beichtete, was ihre letzten Worte zu Linus gewesen waren, bevor er seinen Plan durchführte. Ruben stand nur da, legte seine Hand auf die Schulter des Mädchens und flüsterte ihr zu, dass es okay sei. Irgendwann, als es bereits zu dämmern begann, zog Ruben das Feuerzeug aus seiner Hosentasche, welches er schon die ganze Zeit in seinen Fingern drehte. Er fixierte Hannah vorsichtig, bevor sein Blick kurz zu dem Müllhaufen fiel.
„Darf ich?", fragte er leise. Er konnte den Schmerz in Hannahs Augen sehen, als sie kaum merklich nickte. Kurze Zeit später spiegelte sich das rot des Feuers in ihren Augen wider. Die zwei schauten dabei zu, wie Linus' und auch Hannahs Vergangenheit in Flammen aufging. Dann zog Ruben auch die Zigarettenschachtel von Linus heraus, die dieser irgendwann einmal bei dem Grünäugigen hatte liegen lassen. Als er den Filter zwischen seine Lippen nahm, schmeckte er Linus' Lippen. Sein Herz wurde unglaublich schwer. Er hustete bei den ersten Zügen, doch das würde bald aufhören. Hauptsache, er konnte seinem besten Freund noch irgendwie nahe sein. Sein Kopf war leer, als er das Feuer anstarrte.
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:(:
1436 Wörter
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UPSIDE DOWN :(:
Novela JuvenilWird überarbeitet ~ And suddenly life flips you upside down, and you find out that this is the right way ~ Linus ist dabei, die zwölfte Klasse zum zweiten Mal zu versauen und somit sein Abitur zu verspielen. Dass seine besten Freunde den Abschluss...
