Montag, 20. Mai
Ruben fühlte sich angestarrt, als er die Schule betrat. Also senkte er den Kopf und lief schneller. Er vermisste die Ferien bereits. Das Kichern, das hinter ihm zu hören war, versuchte er zu ignorieren, denn es galt nicht ihm. Er versuchte die Blicke zu ignorieren, doch er konnte es nicht mehr, denn es waren so viele. Gefühlt jeder starrte ihn an. Es war nicht jeder, nicht einmal die Hälfte der Schüler, aber es waren einige und Ruben fragte sich warum.
Ruben wurde noch nervöser. Ab und zu hörte er, wie jemand leise seinen Namen flüsterte. Immer wieder hörte er das Wort schwul. Wie jemand über ihn sagte, er sei schwul. Es machte ihn fertig. Er begann zu schwitzen. Die Schüler starrten weiterhin auf ihre Handys, ein paar zumindest. Als sie aufschauten lachten sie oder blickten Ruben mitleidig an. Als Ruben Marcel sah wurde ihm alles klar. Marcel stand bei John, den Kopf gesenkt, während John, Nico und Basti begannen zu grinsen, als sie Ruben sahen. Dem Grünäugigen war knallheiß und er spürte die Hitze in seinen Wangen, dann wurde ihm plötzlich kalt. Seine Hände waren eiskalt, aber schweißnass. Seine Augen glasig, seine Haltung geknickt, als wollte er unsichtbar sein. Und das wollte er. Denn als John laut nach ihm rief blickte jeder ihn an. Jeder blickte lachend von seinem Handy auf.
Es wurde Ruben mit einem Schlag klar. Es war fake. Es war alles fake. Marcels Gefühle. Er hatte sich nie richtig für ihn interessiert, ständig Videos gemacht und- Rubens Herz schien stehen zu bleiben. Gestern. Marcel war gerade so weit gegangen, dass er etwas beweisen konnte, dann hatte er sich verpisst. Ruben machte kehrt und rannte los. Raus aus der Schule. Weg von den Menschen, die ihn auslachten. Weg von dem Video, welches er gar nicht sehen wollte. Weg von allem. Einfach nur raus.
Er wollte keinen anschauen. Er rannte mit gesenktem Kopf durch die Gänge, wurde dann aber langsamer, denn so bekam er nur noch mehr Aufmerksamkeit. Außerdem wollte er nicht so schwach erscheinen. Er wollte wenigstens versuchen das bisschen Würde, das ihm noch blieb, zu behalten. Er ging schnellen Schrittes mit gesenktem Kopf durch die Gänge. Er versuchte seinen Atem zu kontrollieren. Als er kurz aufschaute sah er vertraute Augen. Vertraute Augen, welche ihn mit einem kalten Blick musterten. Niederstarrten. Ruben wurde schlecht. Die anderen waren ihm egal. Er wollte keine dummen Sprüche von Leuten hören, die ihm egal waren. Nicht ausgelacht und angestarrt werden. Aber dieser kalte, angewiderte Blick, den Linus ihm in diesem Moment gab, verletzte ihn. Es schien fast so, als wollte Linus etwas sagen, doch Ruben wollte es nicht hören. Er verließ die Schule, merkte, dass Linus sich nach ihm umdrehte und ihm hinterher schaute.
Ruben kam noch bis zum Park, der dank der Uhrzeit menschenleer war.
Und dann begann er zu weinen. Ungehemmt liefen die Tränen seine Wangen hinunter. Er öffnete den Mund, um besser Luft zu bekommen. Er wollte schreien, doch blieb stumm. Nur tränenerstickte, abgehackte Atemzüge kamen aus seinem Mund. Er raufte sich die Haare und schmiss seine Tasche von sich weg. Sie krachte einige Meter weiter von ihm auf den Boden. Er fühlte sich allein. Die ganze Welt war gegen ihn – und er hatte niemanden. Niemanden.
Als er Zuhause ankam schlich er sich nach oben. Sein Vater war an der Arbeit, doch seine Mutter war zu Hause. Er hatte nicht die Kraft ihr alles zu erklären. Wie sollte er seiner Mutter denn auch bitte erklären, dass in der Schule ein Video von ihm und einem Jungen zusammen im Bett herumging?
Sie wird mich hassen, dachte Ruben. Nicht, weil es mit einem Jungen war, das nicht. Aber weil er jemandem so schnell vertraut hatte. Ruben schwor sich, nie mehr jemandem so schnell zu vertrauen. Er war naiv gewesen, das wusste er. Er hätte es merken müssen. Es war offensichtlich gewesen. Doch war es das wirklich?
Ruben betrate das Badezimmer und schloss die Tür. Er lief zum Schrank und sah sich im Spiegel. Er sah fertig aus: Zerzauste Haare, verheulte Augen, rote Wangen. Er öffnete die Schranktür und griff nach der kleinen Dose. Er stellte sie vor sich ab und zog sich seine Jacke aus. Er hatte geschwitzt. Er krempelte seinen rechten Ärmel hinauf. Er öffnete die Dose und nahm ein silbernes Metallteil heraus. Seine Hände zitterten. Er war aufgeregt, sein Herz schlug ihm bis zur Brust. Dann setzte er sich auf den Badewannenrand, drückte sich die Rasierklinge noch immer gegen den Arm – und zog sie schlussendlich nach langem Zögern über seinen Arm. Ruben ließ die Rasierklinge erschrocken fallen, als plötzlich die Türklinke heruntergedrückt wurde und die Tür aufsprang.
DU LIEST GERADE
UPSIDE DOWN :(:
Teen FictionWird überarbeitet ~ And suddenly life flips you upside down, and you find out that this is the right way ~ Linus ist dabei, die zwölfte Klasse zum zweiten Mal zu versauen und somit sein Abitur zu verspielen. Dass seine besten Freunde den Abschluss...
