Schwerfällig erhob Linus sich aus dem unbequemen Stuhl. Die Luft im Klassenraum war stickig. Der Hass gegenüber seiner Schule trieb ihn an, trotz seiner Müdigkeit blitzschnell aufzustehen. In kürzester Zeit war er aus dem Gebäude verschwunden ohne sich von jemandem zu verabschieden. Erschöpft ließ der Achtzehnjährige das Schulgelände hinter sich. Den kurzen Nachhauseweg musste Linus meist mit seinem alten, rostigen Fahrrad überwinden. Antriebslos schwang er sich auf sein Rad. Einerseits wollte Linus nach Hause, andererseits wollte er in diesem Moment keinem seiner Familienmitglieder begegnen. Linus wollte gerade gar niemanden sehen, sondern nur alleine sein, seine Augen schließen und ausruhen. Linus verstand nicht, wie seine Mitschüler es schafften, nach der Schule noch zu lernen und sich mit Freunden zu treffen, denn er selbst war bereits nach einem kurzen Schultag so kraftlos, dass er zu nichts mehr fähig war. Trotzdem war er bereits zwei Minuten nach dem Klingeln außerhalb des Schulgebäudes gewesen, wobei er sich immer wieder wunderte, warum er es überhaupt so eilig hatte. Nichts Besonderes wartete außerhalb der Mauern auf ihn, genauso wenig wie er sich auf irgend etwas Zuhause freute. Ein Blick in den Himmel, als er an der Kreuzung stand, verriet ihm, dass es wohl bald anfangen würde zu regnen. Linus liebte den Geruch von Regen. Die dunklen Wolken, die gemütlich über ihm und all den anderen Menschen, vorbeizogen wirkten entspannend auf Linus. Menschen schienen immer so hektisch – jeder jagte einem Ziel nach dem anderen hinterher, während er in dem Alltagstrott festzustecken schien. Als er hinter einigen Autos noch immer an der Kreuzung stand, sah er den Schulbus, welcher an ihnen vorbei schleichen zu schien. Linus beobachtete viele Leute aus seiner eigenen, aber auch aus der Parallel Klasse. Darunter war auch der Junge, der sich heute Morgen seinen Taschenrechner ausgeliehen, und diesen bis jetzt noch nicht wieder zurück gebracht hatte. Sein Blick blieb an dem Jungen hängen, welcher alleine in einer der mittleren Reihen saß und Ohrstöpsel in den Ohren stecken hatte. Irgendwann erwiderte Ruben den Blick und sie hielten für ein paar Sekunden Blickkontakt, bis Ruben ihn abbrach, da der Bus sich immer weiter weg bewegte. Linus setzte sich wieder in Bewegung, als die Straße endlich frei war.Schnell überquerte er die Straße. Auf dem Radweg angekommen bog er nach rechts ab. Die ersten Tropfen landeten bereits auf seinem Kopf und er spürte die kühle Maibriese. Linus war froh, dass es begann zu regnen, denn so würde er sich wenigstens nicht von seiner Mutter anhören müssen, dass er rausgehen und produktiv sein sollte.
Nach weniger als fünfzehn Minuten Fahrt war der Junge mit den dunkelbraunen Haaren endlich Zuhause angekommen. Sein Fahrrad ließ er achtlich gegen die Fassade der Garage knallen, wofür er als Kind stets Ärger von seinem Vater bekommen hatte. Eigentlich hatte Linus keinen Apetitt, doch als er den frisch gemachten Nudelauflauf roch, den seine kochbegabte Mutter gezaubert hatte, lief ihm bereits der Speichel im Mund zusammen. Hastig streckte Linus seine Nase in die Höhe, ließ seinen Rucksack mitten im Gang von seinem Arm gleiten und schlich in die Küche. Linus' Mutter lächelte ihm zur Begrüßung zu und strich ihm liebevoll durch die Haare, als er neugierig in die Töpfe lugte. Seine ältere Schwester, welche bereits mit einem dampfenden Teller am Tisch saß, lächelte ihn glücklich an und das sicher nicht nur, weil sie nun endlich beginnen durfte zu Essen. Hannah war nur drei Jahre älter als Linus, jedoch war er deutlich größer. Er war eins neunundsiebzig groß, hatte eine sportliche Figur und dunkelbraune Augen. Hannah war schon immer neidisch gewesen, denn ihrer Meinung nach hatte Linus eine besondere Augenfarbe. Wenn man genau hinschaute, waren seine Augen nicht nur dunkelbraun, sondern sie hatten einen grauen Schein in sich. Seine Schwester Hannah war einen guten Kopf kleiner, hatte grün-braune Augen und deutlich helleres Haar als er. Melissa, die Mutter der beiden jungen Erwachsenen, hatte braune Augen und dunkles, stark gewelltes Haar. Linus' Vater hatte Melissa vor knapp vier Jahren verlassen, als Linus selbst gerade vierzehn geworden war. Stumm aßen die drei, während Linus darüber nachdachte, warum sein Vater einfach abgehauen war, ohne sich zu verabschieden, etwas mitzunehmen oder etwas zu erklären. Linus machte sich Gedanken darüber, obwohl er die Antwort eigentlich schon lange kannte. Trotzdem dachte er darüber nach, warum sein Vater sich nie meldete und ob er überhaupt noch lebte. Er wollte seine Mutter nicht danach fragen. Wenn Linus seine Mutter etwas über ihren Ex Mann fragte, antwortete sie immer – Melissa war eine durch und durch gute Mutter und nette Frau, – doch er konnte das Leid in ihren Augen sehen, wann immer er sie an ihren Ex Mann und die unfreiwillige Trennung erinnerte. Deshalb, und weil er, genau wie Hannah, sauer auf seinen Vater war, schwieg die Familie dieses Thema nahezu zu Tode. Linus ließ seine Gabel vor lauter Nachdenken fallen und mit einem leisen Klatschen fiel diese zurück auf den Teller, was einige unschöne Flecken Soße auf dem Tisch und seinem Pullover verursachte. Er seufzte genervt, krempelte dann seine Ärmel bis zu seinen Ellenbogen nach oben und versuchte sich aufs Essen zu konzentrieren. Es klappte nicht. Linus entschied, die negativen Gedanken und die Wut auf seinen Vater beiseite zu schieben und dachte an bessere Zeiten. An die Zeiten, in denen sein Vater noch mit ihm Fußball gespielt hatte, als sein Vater mit ihm Sandburgen gebaut und ihn gegen gemeine Kinder verteidigt hatte. Denn als Linus vierzehn gewesen war, hatte sein Vater ihn verlassen. Verzweifelt hatte der Junge damals versucht, sich zu verändern. Er hatte doch immer versucht seine Eltern stolz zu machen. Eine Eigenschaft, die er inzwischen vollkommen verloren hatte. Linus hatte sich geschworen, nie mehr jemanden stolz machen zu wollen, geschweige denn sich um die Aufmerksamkeit von jemandem zu bemühen. Wenn jemand etwas mit ihm zutun haben wollen würde, dann würde derjenige sich schon melden, dachte Linus. Später hatte Hannah versucht den Part als Vater zu übernehmen, indem sie ihren Bruder ablenkte und mit ihm Ball spielte, doch sie hatte mitten im Abiturstress gesteckt und weder Zeit, noch die Nerven für ihren vierzehnjährigen Bruder gehabt.
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UPSIDE DOWN :(:
Teen FictionWird überarbeitet ~ And suddenly life flips you upside down, and you find out that this is the right way ~ Linus ist dabei, die zwölfte Klasse zum zweiten Mal zu versauen und somit sein Abitur zu verspielen. Dass seine besten Freunde den Abschluss...
