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Mit quietschenden Reifen kam der Wagen zum Stehen. Ruben sprang auf dem Auto und rannte auf die Bank zu. Der junge Mann hatte zwar noch keinen Autoführerschein, doch er hatte bereits ein wenig Fahrerfahrung, weshalb er keine Zeit verschwendet hatte. Der Grünäugige sah nur die Silhouette einer Person, welche gegen die Bank gelehnt am Boden saß, aber trotzdem wusste er, dass es sein Linus war. Es musste Linus sein. Eine kleine Welle der Erleichterung durchfuhr den Grünäugigen. Er war der einzige, der von diesem Ort wusste. Er war der einzige, der wusste, dass Linus hierhergekommen war.

Ruben schrie dessen Namen, doch die einzige Reaktion, die er bekam, war Linus, der seinen Kopf langsam drehte, dann aber doch aufgab und wieder nach vorne blickte. Ruben zog sein Handy aus der Hosentasche und wählte den Notruf, während er weiter auf seinen Freund zurannte. Ruben ließ sich auf die Knie fallen, als er bei Linus ankam. Der Grünäugige kniete sich über den Anderen, sodass dessen Beine zwischen seinen waren.

„Oh mein Gott", murmelte er erstickt. Linus sah furchtbar aus: Die dunklen Augenringe konnte der Jüngere sogar in dem schwachen Licht sehen, die Wangen seines Gegenübers glänzten und er schien völlig neben der Spur zu sein. Trotz allem gab er der Frau am anderen Ende der Leitung alle Informationen, die sie wissen musste. Sie erklärte ihm, dass er nicht auflegen sollte, als Ruben sein Handy einfach neben sich legte und nicht mehr beachtete. Währenddessen hob er die Tablettendose vom Boden auf und las den komplizierten Namen.

„Scheiße", stieß er kaum hörbar aus. Er ließ die leere Dose fallen, als Linus sich begegte. Der Ältere packte Ruben sanft an dem dunkelgrünen Stoff seines Shirts und zog ihn auf sich.

„Ruben...", nuschelte Linus gegen den Hals seines Freundes. „Hast du dir was gewünscht?"

Verwirrt blickte der Grünäugige den Jungen unter sich an.

„Linus, wir mü-" Linus' Lippen verschluckten Rubens Antwort, als er seine sehnsüchtig auf die des Anderen drückte. Die Regentropfen, die noch immer vom Himmel kamen, waren in diesem Moment das einzige Geräusch. Ruben war unfähig, zu reagieren. Als Linus sich von ihm löste, grinste er abwesend. Er wollte in die grünen Augen schauen, doch er war inzwischen nicht mehr fähig, seinen Blick zu fokussieren.

„Du bist wie eine Droge. Es ist so falsch, aber ich kanns einfach nicht lassen", brabbelte der Ältere vor sich hin. „Du bist wie Nikotin; ich will dich immer bei mir haben und dich auf meinen Lippen spüren. Scheiße ... du killst mich, Ruben."

Diese Worte trafen Ruben hart. Linus lachte zwar leise, doch angesichts der Situation, in der sie sich befanden, wusste der Jüngere, dass Linus es vollkommen ernst meinte. Ich bin Schuld, wenn er stirbt. Es ist alles meine Schuld, kam es Ruben in den Sinn.

Der junge Mann blickte panisch zu Straße, doch er sah keine Spur eines Krankenwagens. Auch kein Horn war zu hören, alles war ruhig. Bis Ruben die Stille brach.

„Scheiße, Linus, du darfst jetzt nicht einfach so sterben!", schrie er aufgelöst. Der Ältere griff nach Rubens Hand. Erst jetzt nahm der Jüngere aktiv wahr, dass Linus eiskalt und pitschnass war. Schnell entzog er dem Dunkelhaarigen seine Hand. Er wusste nicht, ob er sich jemals so schnell seiner Jacke entledigt hatte. Schnell legte er sie seinem Freund um den Oberkörper. Dabei ignorierte er Linus' Versuch, Rubens Hand wieder zu ergreifen. Stattdessen schlang Ruben seine Arme um den Älteren und versuchte ihn nach oben zu ziehen.

„Linus, du musst aufstehen", erklärte er dem Jungen am Boden. In der Ferne konnte Ruben endlich das Horn des Krankenwagens hören. Seine Hoffnung stieg zusammen mit seiner Herzschlagrate.

„Komm schon, der Krankenwagen ist gleich da, Linus. Du musst wach bleiben!" Der Junge unter Ruben hatte seine Augen geschlossen und atmete ruhig. Zu ruhig. Ruben wurde immer panischer.

„Komm schon, du kannst jetzt nicht einfach aufgeben! Du musst kämpfen. Du musst leben!", brüllte Ruben, während die salzigen Tränen unkontrolliert seine Wangen hinunterliefen. Schluchzend versuchte er weiterhin, den nassen Körper hochzuhieven.

„Du kannst mich nicht einfach alleine lassen!"

Er hatte Linus bereits ein Stück angehoben, als seine Finger von dem nassen Stoff abrutschten. Ohne Linus fallen zu lassen, schaffte er es, einen festeren Griff zu bekommen.

Linus schien inzwischen kaum ansprechbar zu sein, doch er war noch immer bei Bewusstsein.

„Wir können das hinbekommen!", brüllte Ruben. Er sprach dabei nicht über das Aufstehen. Er hatte Linus genug hochgehoben, um selbst aufzustehen. Plötzlich verlor Rubens Schuh den Halt auf dem matschigen Boden und rutschte weg. Der Jüngere schaffte es gerade noch so, Linus etwas hinunter zu lassen, bevor seine Finger den Halt am Stoff erneut verloren. Als der Junge auf Boden aufkam, reagierte er erstmals wieder. Linus schlug die Augen auf und versuchte Ruben zu fixieren. Überfodert gab der Grünäugige auf und schlang seine Arme um den nassen Jungen. Er presste seinen Körper sanft an Linus'. Dieser vergrub sein Gesicht in Rubens tropfend nassem Haar.

„Bitte Linus, bitte lass' mich nicht alleine!" Der Angesprochene wollte seine Arme um den Grünäugigen legen, doch er brachte die Kraft dazu nicht auf.

„Hör auf zu weinen, Rubilein", flüsterte er kaum verständlich, was den Anderen dazu veranlasste, noch mehr zu weinen.

Schmerzerfüllt stöhnte Linus. Alles tat ihm weh. Seine Innereien fühlten sich an, als würden sie gleich aufgeben.

„Du darfst nicht sterben! Ich brauche dich doch noch!"

Leicht lachte der Angesprochene und schloss die Augen abermals.

„Wofür denn?", lachte Linus sarkastisch, bevor er begann zu husten. Angsterfüllt starrte Ruben seinen Freund an. Was soll ich machen? Was soll ich machen? Was soll ich machen?, ging es ihm ununterbrochen durch den Kopf. Allmählich beruhigte Linus sich wieder, so schien es zumindest, doch eigentlich unterdrückte Linus das Husten nur. Er wusste, dass er nicht mehr lange durchhalten würde und es war nicht sein Plan, dass „Wofür denn" seine letzten Worte waren. Er spürte, wie die Müdigkeit langsam aber sicher überhand nahm. Endlich! Fuck man... Hoffentlich ist das gleich vorbei, schoss es Linus durch den Kopf. Er merkte, wie seine Glieder schwer wurden.

„Der Krankenwagen ist gleich da, Linus. Hörst du die Sirenen? Sie sind gleich da", krächzte Ruben, während er Linus noch fester an sich drückte.

„Lass mich einfach sterben, Ruben. Ich will nicht in einer Welt leben, in der es falsch ist, dich zu lieben", flüsterte Linus kaum hörbar. Dies war der Moment, in dem er all seine Kraft aufgebraucht hatte.

„Ich liebe dich", hörte er den Grünäugigen mit viel zu hoher Stimme flüstern, nachdem seine Lider zu schwer geworden waren. Er spürte, wie der Jüngere nach seiner eiskalten Hand griff. Linus wollte seine Mundwinkel etwas nach oben ziehen, um Ruben zu signalisieren, dass er ihn gehört hatte. Stattdessen übte er leichten Druck auf Rubens Hand aus.

„Ich liebe dich", wiederholte Ruben abermals mit kratziger Stimme.

Mit den Worten des Jüngeren im Kopf verlor Linus endlich das Bewusstsein.

Ruben ließ den Körper des Anderen nicht los, als der Druck, auf seine Hand, aufhörte. Er ließ nicht los, als Linus' Arm schlaff zu Boden sank. Er ließ auch nicht los, als er das laute Horn des Krankenwagens hörte. Es war so surreal. Die blauen Lichter blendeten ihn, die Menschen, die auf ihn zukamen sah er nur verschwommen und den dröhnenden Lärm hörte er nur gedämpft. Ruben ließ erst los, als die Sanitäter ihn von dem reglosen Körper seines Freundes wegzerrten. Kälte umhüllte ihn, doch nichts war schlimmer als das Wissen, seinen besten Freund für immer verloren zu haben. 

:(:

Ein Kapitel fehlt noch, welches ich (hoffentlich) bald hochlade :)

1212 Wörter

UPSIDE DOWN :(:Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt