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Sonntag, 4. Juli

Im ersten Moment wollte Linus den Wecker gegen die Wand schlagen, sich die Decke über den Kopf ziehen und weiter schlafen. Doch dann erinnerte er sich an den Grund, warum er sich den Wecker auf sechs Uhr morgens gestellt hatte. Mit klopfendem Herzen schlug er die Decke um und sprang aus dem Bett. Er stellte sich vor seinen Schrank und überlegte. Ich habe keine Bauern Klamotten, dachte er. Dann schüttelte er lachend den Kopf. Natürlich nicht, ich bin ja kein Bauer. Er lächelte noch mehr. Wenn seine Schwester ihn sehen würde, dann würde sie ihn für verrückt erklären. Aber mein Freund ist einer. Ein richtiger Bauer.

Er zog wahllos Kleidung aus seinem Schrank, welche er nie anzog und lief ins Bad. Er duschte, putzte Zähne und richtete seine Haare. Kritisch beäugte er sein Spiegelbild. Okay, das ist zu viel. Er verwuschelte seine Haare, bis sie so aussahen, wie sie immer aussahen. Argh, okay, aber das Outfit geht gar nicht. Ich frage einfach Ruben, ob er was für mich zum Anziehen hat. Er nickte seinem Spiegelbild zustimmend zu und lief summend zurück in sein Zimmer. Er freute sich schon jetzt darauf, Klamotten seines Freundes anziehen zu können und dessen Duft zu genießen. Den ganzen Tag. Den ganzen verdammten Tag.

Sein Herz schlug alleine bei dem Gedanken daran, seinem Freund den ganzen Tag so nah zu sein, schneller. Nachdem er ein einfaches schwarzes Shirt angezogen hatte, – erst hatte er ein weißes angezogen – schlenderte er in die Küche, wo er überraschenderweise seine Mutter traf. Mit gerunzelter Stirn blickte sie von ihrer Zeitung auf. Sie hatte zerzauste Haare und nur eine Boxershort und ein uraltes Top an. So sah Linus seine Mutter nie, – aber sonst stand er auch nicht so früh auf.

„Was machst du denn schon hier? Bist du krank?" Melissa stand auf und musterte ihn besorgt, während sie ihre Hand auf die Stirn ihres Sohnes legte.

Linus lehnte sich an die Küchenzeile. Anschließend schnappte er sich einen Apfel – einen Apfel! – und biss genüsslich hinein.

„Wow, da ist aber jemand auf Wolke sieben. Komm mal runter!", lachte Melissa. Linus zuckte mit den Schultern.

„Eigentlich mag ich es hier oben. Ich glaube, ich komme nicht runter", brummte er kauend.

„Wo geht's denn hin, dass du so früh aufstehst? Und wer bringt dich denn so auf Trab?"

„Ruben." Linus schluckte nervös. „Also, ich meine, ich bin nicht- Wir sind nicht- Ähm...", stotterte er nervös. Dann seufzte er laut. „Er ist einfach immer so ein Sonnenschein, das macht mich glücklich."

Melissa lächelte ihn liebevoll an und wendete sich wieder ihrer Zeitung zu.

„Und was habt ihr heute vor?"

„Wir mähen- Nein, ähm ... dreschen! Wir dreschen!"

„Wirklich?" Skeptisch blickte Melissa auf. „Na dann mal viel Spaß in der Hitze aufs Feld zu gehen."

Linus verdrehte die Augen.

„Wir gehen doch nicht. Wir fahren."

„Aha. Du meinst, er fährt?"

Augenverdrehend grinste Linus.

„Keine Sorge, ich werde mich nicht zum Affen machen und fahren."

„Wieso denn nicht?" Melissas Augen funkelten amüsiert.

„Weil ich es nicht kann?!"

„Er kann es dir doch zeigen", gluckste die Mutter.

„Wenn ich ausgelacht werden will kann ich auch mit Hannah Auto fahren", meinte Linus sarkastisch. „Also nicht, dass wir das jemals gemacht hätten!", log der Achtzehnjährige.

Melissa schüttelte den Kopf und las weiter.

„Na dann wünsche ich euch viel Spaß. Holt er dich ab?"

„Nein, ich überrasche ihn."

„Aha", kicherte Melissa. Linus stieß lautstark die Luft aus und rief ein genervtes „Bis später" in den Raum, als er den Gang entlang lief.

„Fahren wir irgendwo hin?", hörte er dann seine Schwester, welche soeben die Treppe hinunter kam. „Ich habe gehört, wie jemand geduscht hat. Mum duscht um diese Uhrzeit nicht und du pennst eigentlich bis um zwölf."

„Nein, wir fahren nirgendwo hin." Linus zog seine Schuhe an und versuchte den skeptischen Blick seiner Schwester zu ignorieren.

„Wer hat dich denn zum Frühaufstehen gebracht?" Sie kicherte. „Für einen Quicki tut man alles, nicht?"

Linus hatte bereits nach dem ersten Teil aufgehört zuzuhören, weshalb er locker antwortete:

„Ruben."

Also ließ er seine Schwester mit offenem Mund stehen, kickte glücklich Steine umher, während er den Bürgersteig entlangschlenderte und schlussendlich vor Rubens Haus stand. Ohne darüber nachzudenken klingelte er, denn „Bauern standen schließlich immer früh auf."

Rubens Mutter machte ihm verwirrt auf.

„Hallo!", grüßte Linus aufgedreht. „Ruben hat gesagt, dass ich beim Dreschen helfen kann." Mitfahren! Er hat mitfahren gesagt.

Rubens Mutter konnte sich ein Lachen nicht verdrücken.

„Ruben schläft noch, aber du kannst gerne hochgehen und ihn wecken."

Sie ließ den jungen Mann ins Haus und bot ihm etwas zu Trinken an, doch Linus hatte Sehnsucht, also lehnte er ab und sprintete die Stufen hinauf, als Rubens Mutter wieder verschwunden war – stumm lachend.

Linus klopfte an Rubens Tür – für den Fall, dass dieser doch schon wach war – und öffnete dann leise die Tür. Tatsächlich schlief Ruben noch tief und fest. Linus überlegte hin und her. Es endete damit, dass er seinem Freund einige Minuten beim Schlafen zusah, bevor er sich dazu entschloss ihn zu wecken.

Verwirrt öffnete Ruben die Augen.

„Linus ... was machst du denn hier?", wollte er desorientiert wissen, drückte ihm aber dennoch einen kurzen Kuss auf.

„Du hast gesagt, ich könnte beim Dreschen mitfahren."

„Ja und?"

„Ja und hier bin ich."

„Aber...", begann Ruben, dann kapierte er. Lachend griff er nach den Händen seines Freundes und zog ihn aufs Bett. „Da fangen wir doch erst viel später an! Jetzt ist das doch noch total nass von der Morgenfeuchte."

„Oh", machte Linus peinlich berührt.

„Ja...", kicherte Ruben und gähnte. Er drehte sich wieder um und schloss die Augen. Linus dachte gar nicht daran, sich ebenfalls hinzulegen.

„Bock rumzumachen?"

Halb drehte sich Ruben um, bevor er nach einem Kissen griff, um es Linus ins Gesicht zu schleudern. Der Ältere blockte die bereits erwartete Attacke ab.

„Ich meins ernst."

„Leg dich hin und schlaf noch ne Weile, man", stöhnte Ruben schläfrig und zog die Decke höher.

Linus tat wie ihm befollen, rutschte nah an seinen Freund und legte die Arme um ihn. Glücklich seufzte Ruben und kuschelte sich ebenfalls enger an Linus.

Dann lachte er plötzlich auf.

„Du bist so dämlich!" Er konnte nicht mehr aufhören zu lachen. „...du bist ein Trottel." Linus zuckte unschuldig mit den Schultern.

„Aber dafür bin ich dein Trottel", murmelte er mit geröteten Wangen. Er gähnte und genoss die ausgehende Wärme des Jüngeren, bevor er kurze Zeit später einschlief.

:(:

Eigentlich sollte das Kapitel viel länger gehen, aber dann wurde alleine dieser Teil so lang, also kommt der Rest im nächsten Kapitel, weshalb das hier nicht so extrem lang ist. Jedenfalls ... gute Nacht, my fella gays :D

1024 Wörter

UPSIDE DOWN :(:Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt