53 - doppelter Mutter - Tochter - Tag
"Was hast du da?" Ich erstarrte.
"Ich? Garnichts!"
"Darf ich 'Garnichts' denn mal sehen?"
"Ist total uninteressant. Würde deinen IQ nur senken."
Ich quetschte mich an Nick vorbei, der mich leider entdeckt hatte, als ich mit den Tüten voller Geschenke nach oben schleichen wollte. Er war sofort aus dem Wohnzimmer herbeigesprungen und wollte hineinsehen. Jetzt ließ ich ihn im Flur stehen und hastete die Treppen hinauf, wobei ich fast ausrutschte.
Endlich im zweiten Stock angelangt, wähnte ich mich bereits in Sicherheit, als ein erneuter Angriff erfolgte. Anna stellte sich mir in den Weg. "Willst du einen Schneemann bauen?" Nein, wollte ich nicht. Moment, was?
"Wirst du jetzt schon zur Prinzessin Anna?" "Ach was, nein. Lass uns einfach rausgehen und im Schnee Spaß haben. Wir müssen den Winter ausnutzen! Diese äußerst schweren Tüten kannst du ja hierlassen." Ich durchschaute ihre Absicht sofort. "Tut mir leid, aber wenn unser kleiner Ausflug nach draußen darin resultiert, dass du graue Oma Haare kriegst, will ich nicht. Außerdem stehen die Tüten unter strenger Aufsichtspflicht. Tut mir leid!"
Ich lief schnell in mein Zimmer und schlug die Tür hinter mir zu. Nachdenklich betrachtete ich die Barriere zwischen mir und neugierigen Familienmitgliedern. Die war eindeutig zu schwach. Ich drehte als erstes den Schlüssel zwei mal herum. Dann stellte ich einen Stuhl unter die Türklinke und schob mein Bett auch noch davor. Dann stopfte ich einen Stofffetzen ins Schlüsselloch. So gewappnet packte ich die Geschenke aus den Tüten und begann sorgfältig die Schleifen und Bänder draufzukleben. Diese nervtötende Arbeit kostete mich eine ganze Dreiviertelstunde, da die meisten Bänder und Schleifen beim ersten Versuch auf dem Geschenk nur blöd aussahen und ich sie wieder entfernen musste. Dann packte ich die Sachen alle in meinen Schrank, den man abschließen konnte, in dem ich auch meine Süßigkeiten aufbewahrte und drehte den Schlüssel herum. Diesen versteckte ich dann in meinem Geheimfach im Schreibtisch.
Ich rieb mir die Hände und entfernte die Sicherheitsvorkehrungen vor meiner Tür. Als ich sie öffnete, sah ich gerade noch Sophia grinsend in ihrem Zimmer verschwinden. Offenbar hatte sie gelauscht.
Kopfschüttelnd stieg ich die Treppe runter und dachte über die seltsame Wirkung von einfachen Tüten nach, wenn man sie in der Adventszeit herumtrug.
Als ich das Erdgeschoss betrat, schlug mir sofort eiskalte Luft entgegen. Mom lüftete gerade die Wohnung, vermutlich hatte Dad mal wieder das Essen anbrennen lassen. Tatsächlich drang aus der Küche eine Qualmwolke und jemand hustete. Mam stapelte die Zeitschriften auf dem Tisch und fragte beiläufig: "Was hast du denn so lange in deinem Zimmer gemacht?" Ernsthaft? Sogar meine Mutter schnüffelte nach?
"Hausaufgaben." antwortete ich knapp und lief zur Haustür. In der frischen Luft, die von draußen hereinkam, roch ich viel Wild. Und da es heute vermutlich nur Verbranntes geben würde, beschloss ich jagen zu gehen. So würde ich hoffentlich auch nervigen Fragen aus dem Weg gehen können.
Ich schlüpfte in meine Stiefel, die Jacke ließ ich jedoch im Haus. Ich lief vorerst noch in Menschengestalt über den Parkplatz in den Wald hinein und betrat den Wald über einen Trampelpfad, auf dem der Schnee plattgedrückt war. Ich war schließlich nicht die einzige im Rudel, die öfters in den Wald lief. Ich betrachtete meine Umgebung. Der Winter hielt die Natur in seinen eisigen Krallen gefangen. Ich verwandelte mich und ließ Dampfwolken aus meinen Nasenlöchern aufsteigen, die sich im Wind verzogen. Ein Geräusch ließ mich herumfahren. Ein Eichhörnchen, das im Boden seinen Wintervorrat an Nüssen ausgrub. Als es mich entdeckte, raste es auf einen Baum und keckerte mich wütend an.
Ich schnaubte nur und sog die kalte Luft in meine Lungen. Bald nahm ich die Witterung eines Beutetieres auf. Es war ein Reh mit ihrem Kitz und ich lief in die Richtung, in die meine Nase mich lenkte. Kurioserweise erinnerte mich die Situation an den Film Bambi.
Bald erreichte ich eine Kerbe im Schnee, die die beiden mit ihren Hufen geteilt hatten. Sie schlängelte sich zwischen den Bäumen hindurch und ich folgte ihr mit gesenktem Kopf. Unglücklicherweise begann es zu schneien und ich konnte die Abdrücke im Schnee nicht mehr erkennen. Ich musste mich genau auf die Geruchsspur konzentrieren, doch wie verbissen ich ihr auch folgte, seltsamerweise verlor sie sich. Der Geruch war auf einmal weg. Frustriert schnüffelte ich herum, konnte jedoch nichts mehr entdecken. "Sie sind dort entlang." meinte plötzlich jemand hinter mir. Ich zuckte zusammen und wirbelte herum. Es war Mom. Die riesige silbergraue Wölfin sah mich reglos an und schien im Schneefall zu verschwimmen. Ich war verwirrt. "Warum bist du denn hier?" fragte ich. "Na was wohl. Ich gehe mit meiner Tochter jagen! Darf ich heutzutage nur noch was mit dir machen, wenn ich dir vorher eine Anfrage auf Facebook schicke?" Ihre Stimme klang eindeutig belustigt, doch ich senkte beschämt den Kopf. In letzter Zeit hatten wir wirklich nur noch selten etwas gemeinsam gemacht. "Die Rehe sind dort entlang." Sie deutete mit ihrem Schwanz in eine Richtung. "Du kannst sie nicht mehr riechen weil sie hier mehrmals im Kreis gelaufen sind, warum auch immer."
Jetzt verstand ich es. Gemeinsam liefen wir durch den Wald, während es immer stärker schneite und langsam dunkel wurde.
Bald konnten wir uns nur noch auf unseren Geruchssinn verlassen, da die Umrisse im dichten Schneetreiben verschwammen. Doch es verwischte auch die Gerüche der Beute. Eine einfache Jagd wurde zur Mission.
Wir mussten mit vereinten Kräften die winzigen Geruchspartikel aus der Luft filtern, während uns eisige Schneeflocken auf den warmen Nasen schmolzen.
Umso stolzer war ich, als uns der Geruch der Beute plötzlich ganz deutlich aus dem schummerigen Dunkel von einer Windböe zugetragen wurde. Wir hatten sie. Irgendwie ironisch. Mutter und Tochter jagen andere Mutter und Tochter.
Meine Mutter schnaubte mir stolz mit ihrem warmen Atem die Schneeflocken von meinen pelzigen Ohren. Sie drehte sich zu mir um und knurrte leise: "Kennst du die Zangenstrategie schon?" "Ich denke nicht, ich jage immer allein oder im Rudel." "Dann werde ich sie dir beibringen. Es ist eine nützliche Technik, die, wenn die Bedingungen genau stimmen, super funktioniert und keine Energie verschwendet."
Sie erläuterte mir kurz den Ablauf und ich prägte mir alles gut ein. Dann starteten wir. Ich richtete mich so, dass mir der Wind gegen die Schnauze wehte und schlich langsam näher an den Geruch der Beute heran. Sobald er direkt vor mir war, drückte ich mich flach in den Schnee, um unentdeckt zu bleiben. Nur meine Ohren und Augen schauten noch hervor. Vorsichtig und bewegungslos verfolgte ich meine Mutter mit meinem Blick. Ihr silbriges Fell schien im Schnee zu verschwinden und bald konnte ich sie nicht mehr sehen. Automatisch begann ich zu lauschen und machte mich bereit. Vor mir konnte ich nur das Knuspern der Rehmutter an einer Rinde hören, meine Mutter machte kein einziges Geräusch.
Dann ging es los. Ich hörte, wie meine Mutter aufsprang und ein scharfes Bellen verlauten ließ. Keine Millisekunde später stürmten unsere beiden Beutetiere davon. Und zwar direkt zu mir. In ihrer Panik bemerkten sie mich nicht, obwohl mein rotbraunes Fell eher im Sommer die bessere Tarnung war. Als sie kurz vor mir waren, schnellte ich aus meiner Schneegrube, in der mir ganz schön kalt geworden war, heraus und stürzte mich auf die Rehmutter. Ich verbiss mich in ihren Hals und versetzte dem Kitz dabei noch einen Tritt. Es taumelte und stolperte kurz in den Schnee. So schnell es sich auch aufrappeln konnte, den Fängen meiner Mutter konnte es nicht entkommen. Ich zerrte derweil meine Beute zu Boden und drückte die Luftröhre ab, bis sie sich nicht mehr regte.
Mission erfolgreich!
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Wolf fact:
Die bevorzugte Gangart des Wolfes ist der geschnürte Trab, dabei wird die Hinterpfote exakt in den Abdruck der Vorderpfote gesetzt, Abdrücke bilden eine Linie.
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Haha :D wir haben Sommer und ich schreibe über Weihnachten xD Merkt euch, ab übernächster Woche solltet ihr alle in Deckung gehen, da werde ich nämlich in einem Auto auf den Straßenverkehr losgelassen :D (mit Begleitperson natürlich xD )
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Allein unter Menschen!
WerewolfNormal sein ist relativ. Jedenfalls für Caroline. Während andere bei dem Gedanken, ein Werwolf zu sein, vermutlich panisch geworden wären, hatte sie samt ihren drei Geschwistern bereits seit ihrer Kindheit Zeit, sich damit abzufinden. Werwolf von Ge...
