78 - Flucht
So geräuschlos wie noch nie in meinem ganzen Leben öffnete ich die Terassentür. Meine Zimmertür war erstaunlich leicht aufzubrechen gewesen und ich fragte mich unwillkürlich, was mich bisher zurückgehalten hatte. Offenbar hatte ich doch noch eine Art Verbindung zu meiner Familie gehabt.
Doch nun tappte ich leise über den Steinboden. Würde mich jemand hier draußen hören, wäre meine ganze Freiheit dahin. Sie würden mich wieder einsperren und die Tür doppelt und dreifach verschließen. Ich blickte nach oben zu meinem Fenster. Ich ließ alles zurück. Alles. Meine kompletten Besitztümer. Doch das nahm ich in Kauf. Für meine Freiheit und für die von Lia und Lou. Ich drehte den Kopf. Ich würde nicht zurückblicken.
Vorsichtig verwandelte ich mich und setzte meine Pfoten in den tiefen Schnee. Ein leises Knirschen ließ sich nicht vermeiden. Ich bewegte mich in Zeitlupe durch den Garten, während mein Herz schlug wie eine Trommel. Es bestand eher die Gefahr, jemand könne meinen Herzschlag hören, als meine Schritte. Ich beschleunigte also und trippelte zwischen den Bäumen hindurch auf das Gehege von Lia und Lou zu. Ich wollte sie unbedingt sehen, beinahe ließ ich mich dazu verleiten, hektisch zu sein. Ich stieß das Tor auf und huschte zu den Steinen. Ich lugte hinein und entdeckte sogleich zwei Fellbüschel, die wohlig schliefen. "Lia, Lou! Psst! Ich bins!", knurrte ich leise. Beide schreckten hoch, als hätten sie nur auf meine Stimme gewartet und waren kurz davor freudig loszujaulen, als ich sie scharf unterbrach: "Psst! Keinen Ton!" Sie verstummten und flüsterten stattdessen. "Mama, du bist wieder da!" Das Wort Mama gab mir wie so oft einen Stich. Ich selbst hatte keine Mutter mehr. Hoffentlich konnte wenigstens ich ihnen eine gute Mutter sein. "Ja meine Süßen! Aber ich werde nicht lange bleiben." "Was?", japste Lou erschreckt. "Du gehst weg?" "Ja, aber keine Sorge, ihr kommt mit." "Wohin gehen wir denn?", fragte Lia und legte den Kopf schief. "Das weiß ich selbst noch nicht. Aber ich werde mich auf eure Ausbildung konzentrieren. Wir werden in vielen Wäldern reisen, wo ich euch alles beibringen kann." "Ausbildung?", fragten sie sprachlos. "Natürlich.", schmunzelte ich. "Ich muss euch doch zu großartigen Jägern und Kämpfern machen." "Ja! Das wird toll. Aber können wir nicht noch auf Wiedersehen zu unserem Rudel sagen?"
Ich senkte den Kopf. "Das geht leider nicht. Sie schlafen alle und ich will sobald wie möglich weg. Wisst ihr, ich will es als Überraschung gestalten. Wenn wir zurückkehren, werdet ihr sehr stark sein und das Rudel wird euch als vollwertige Mitglieder anerkennen. Also los. Lasst uns gehen. Aber seid auf jeden Fall so leise wie es geht! Das ist eure erste Prüfung. Schafft ihr es, vom Rudel wegzukommen, ohne jemanden zu wecken?" Sie nickten atemlos.
"Dann kommt, lasst uns gehen."
Ich setzte meine Pfoten vorsichtig auf den Schnee, als ich die Kinder durch den stockdunklen Wald führte. Hinter uns verschwand gerade das Gehege, das Lia und Lou so lange ein Zuhause gewesen war. Nun tauchte die Hauswand aus den Schatten auf. Sie verkörperte alle meine Erinnerungen und den Rest meiner Familie, was davon übrig war. Alle hatten mich verachtet. Selbst meine Geschwister, die zwei Tage nach mir hier eingetroffen waren. Doch ich wollte Lia und Lou nicht näher daran vorbeiführen als nötig und wandte mich ab.
"Kommt Kinder. Wir müssen weit genug weg sein, wenn sie aufwachen.", flüsterte ich. Ich blieb am Waldrand stehen. Eine frische Brise trug den Geruch des Neuanfangs mit sich. Ich blickte nicht zum Haus zurück und verspürte keine Trauer, das alles hier zu verlassen. Einzig ein dumpfer Schmerz, der Verlust von meinen Freunden, Clara und Luca, nistete sich in meiner Brust ein und verpasste mir einen Stich.
Trotzdem begann ich entschlossen wie selten zu rennen. Es war, als würden meine Kinder und ich auf der einen Seite, das Rudel und meine Heimat auf der anderen Seite einer riesigen Schlucht liegen. Und bereits jetzt war diese Kluft so breit, dass ich die andere Seite nicht mehr sehen konnte.
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Ehm, erschreckt jetzt nicht, aber das war das letzte Kapitel vor dem Epilog (/.\)
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Allein unter Menschen!
LobisomemNormal sein ist relativ. Jedenfalls für Caroline. Während andere bei dem Gedanken, ein Werwolf zu sein, vermutlich panisch geworden wären, hatte sie samt ihren drei Geschwistern bereits seit ihrer Kindheit Zeit, sich damit abzufinden. Werwolf von Ge...
