69 - Schneeteufel
Missmutig machte ich Quietschgeräusche. Einfach aus Langeweile. Manchmal stieß ich auch Laute aus, die einer sterbenden Kuh nahekamen. Niemand war hier. Komplett alleine. Und ich mochte es nicht, alleine zu sein. Ich war hier das Rudeltier! Allerdings war ich auch selbst schuld. Alle anderen waren noch draußen beim Wintersport und ich vergammelte einsam in meinem Zimmer. Gähnend ließ ich mich rückwärts auf das Bett fallen. Nachdem ich lustlos herumgerollt war, stand ich schlussendlich doch auf. Ich musste jetzt aktiv werden. Mit einigen Schritten war ich bei der Tür und konnte in meine puscheligen Hausschuhe schlüpfen. Ich stieß die Tür mit meinem Kopf auf und trat ohne bestimmtes Ziel auf den Gang hinaus. Ich wanderte ziellos durch einige Ecken und entdeckte dabei sogar einen halb zugemauerten Kaminschacht, aus dem kalte Luft strömte. Das alles wurde mir bald langweilig und ich lief nach unten in die Stube. Um diese Zeit war sie menschenleer, und doch prasselte im Ofen ein behagliches Feuer. Grummelnd ließ ich mich auf einen der Holzstühle fallen und zog die Füße unter die Oberschenkel.
Eine Weile lang saß ich dort herum, bis mein Kopf plötzlich auf die Tischplatte knallte und ich feststellte, dass ich offenbar in einer Art Trance gewesen war, dem Sabber auf meinem Kinn nach zu urteilen. Ich riss sofort meine Augen auf, wische mir die Spucke aus dem Gesicht und sah mich hektisch um. Immer noch alles menschen - und werwolfs - leer, bis auf die dickliche Köchin in der küche, die fleißig irgendwelche Geschirrdinger hin und her räumte. Wenn ich mich schon langweilte, dann konnte ich mit meiner Zeit wenigstens etwas sinnvolles anstellen. Zögernd stand ich auf. "Entschuldigen sie, kann ich ihnen bei etwas helfen?" Sie strich sich die Hände an einer Schürze ab und strahlte mich an. "Aber natürlich mein Kind. Jede Hilfe ist wilkommen! Mein Name ist Martha, und wie heißt du?" "Caroline.", meinte ich perplex. Was eine stürmische Frau. Doch ich freute mich, dass ich ihr helfen konnte. Gemeinsam schichteten wir Teller um, brachten die Küchenutensilien auf Vordermann und bereiteten die Zutaten für das Abendessen vor. Währenddessen tratschten wir was das Zeug hielt. Sie berichtete mir unter anderem davon, dass ihre Kolleginnen nachher für das Abendessen herkommen würden, doch nur sie hatte in der Küche zu bleiben, um den kleinen Verkaufstresen am Laufen zu halten. Ich erzählte ihr ausführlich von meinem Versagen beim Snowboarden und lästerte mit ihr über alle Turn und Sportlehrer, die ihr damals - und mir heute noch - soetwas wie Snowboarden aufzwangen. Kaum hatte ich mich versehen, tauchten ihre Kolleginnen auf, um das Abendessen zu kochen und musste mich verabschieden. Doch als Dank für meine Hilfe gab sie mir zwei Teller köstliche Kekse und eine Thermoskanne Kakao mit, die ich stolz mit auf das Zimmer nahm, wo sich mittlerweile meine durchgefrorenen Genossinnen tummelten. Wie Furien fielen wir über mein Geschenk her und allein schon die Kekse waren es wert, das Snowboarden geschmissen zu haben.
Aber ab dem nächsten jedoch Tag ging es bereits bergauf. Schneeschuhwandern stand auf dem Programm und da wir den ganzen Tag unterwegs sein würden, bekamen wir ein Lunchpaket mit. Ich sprang beinahe an die Decke, als ich ein Wurstbrot darin entdeckte. Echtes Fleisch! Richtiges, nahrhaftes, von Tieren stammendes Fleisch! Ich musste mich zwingen, es nicht sofort zu fressen und packte es in meinen Rucksack. Dann schlurfte ich mit Clara nach unten zu der Gruppe, die heute wandern gehen würde. Jeder bekam Schneeschuhe an die Füße geschnallt, mit denen wir aussahen, als würden wir auf Bratpfannen laufen. Ich latschte begeistert im Schnee herum und war, ganz im Gegensatz zu gestern, voll in meinem Element. Der Bergführer, der vor uns her ging, leitete uns durch einen Laubwald. Die kahlen Äste der Bäume waren mit einer Schicht von glitzerndem Schnee bedeckt und ich machte mir einen Spaß daraus, die Bäume zu schütteln und alles auf meine Gruppenmitglieder herabrieseln zu lassen. Ich ignorierte gerade die Beschwerden hinter mir, als ich mich fragte, wie lange wir wohl noch durchlaufen wollten. Praktisch im selben Moment traten wir aus dem Wald heraus und standen am Fuß eines hohen Berges, der bedrohlich über uns aufragte. "Da hoch?", hörte ich jemanden hinter mir schnaufen. "Nicht direkt. Wir gehend durch dieses Tal hinauf.", antwortete der Bergführer auf die wohl eher rethorisch gemeinte Frage. Er stapfte auf das Tal zu und wir machten uns an den Aufstieg. Jetzt hörte auch ich auf, Faxen zu machen, denn das Laufen mit Schneeschuhen war hier nicht einfach. Unter dem Pulverschnee lagen teilweise versteckte Eisfelder und der losgetretene Schnee der Anderen rutschte hinunter. Trotz der Kälte begannen viele vor Anstrengung zu schwitzen. Als die Ersten bereits ihre dicken Winterjacken auszogen, sah das der Gruppenleiter als deutliches Zeichen, eine Pause einzulegen. Mein gestörtes Selbst interpretierte den Ausdruck Pause allerdings anders und ich warf mich begeistert in den Pulverschnee. Kichernd machte ich einen Schneeengel, während die Anderen schnaufend im Schnee kauerten. Der Abdruck des Engels missriet mir leider, da die fetten Schuhe, die eher aussahen wie Tennisschläger, hinderlich waren. Er wurde sowieso komplett zerstört, als ich aufstehen wollte und dabei nicht hochkam. Sich mit Schneeschuhen aufzurichten war garnicht so einfach. Ich rollte also eine Weile hilflos am Boden herum, bevor Clara auch mal auf die Idee kam, mir zu helfen. Mein Gemälde meiner Körperunterseite war völlig zerstört und wurde eher ein Schneeteufel. Ich verzögerte natürlich den Aufbruch und kassierte missbilligende Blicke. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, sondern genoss den Ausflug. In solche Winterwunderlandschaften kam man nicht oft. Die Sonne stand bereits höher am Himmel und ließ alles grell reflektieren. Wir waren mittlerweile knapp über der Baumgrenze und die kahlen Felswände glitzerten vor halb flüssigem Schnee, während es im Schatten noch bitterkalt war. Wir überquerten sogar eine kleine Brücke über einen gefrorenen Bach, der Eiszapfen an den Pfosten der Brücke wachsen ließ. Dieses wenige Wasser hatte offenbar dieses Tal gegraben. Ich starrte noch fasziniert nach unten, als ich auf einmal mit meinem Vordermann kollidierte. Ich kollidierte oft mit Dingen. Vorzugsweise Möbel. Ich wollte ihn gerade anschreien, warum er nicht weiterging, als ich bemerkte, dass niemand weiterging. Ich spähte nach vorne und entdeckte, dass wir offenbar in einer Sackgasse steckten. Missmutig schnaubte ich. Das war ein eindeutiger Beweis für die Inkompetenz unseres Bergführers, die ich heute morgen schon mit Clara angezweifelt hatte, als wir ihn dabei beobachteten, wie er beim Frühstück Honig auf sein Erdbeermarmeladebrot schmierte. Entweder er war schwanger oder er hatte zu viel Tom gesehen.
Aber wenn nicht mal er wusste wo wir hinmussten, dann konnte niemand mehr helfen.
___________________________
Ich wohne selbst in den Bergen, und die können besonders im Winter wahnsinnig schön sein ^^
DU LIEST GERADE
Allein unter Menschen!
WerewolfNormal sein ist relativ. Jedenfalls für Caroline. Während andere bei dem Gedanken, ein Werwolf zu sein, vermutlich panisch geworden wären, hatte sie samt ihren drei Geschwistern bereits seit ihrer Kindheit Zeit, sich damit abzufinden. Werwolf von Ge...
