72 - Ramponierte Rodeln
"Ieeeeehh! Nein, lass miiich!", kreischte ich panisch. "Ach komm schon, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Du kannst nicht ewig auf der Rodelbahn für die Zweijährigen rumfahren."
"Doch, kann ich.", antwortete ich trotzig und verschränkte die Arme.
"Caro. Alle anderen fahren woanders rum."
"Lass mich doch einfach!"
Clara seufzte und zog schließlich ab. Aber es hatte mich auf den Rodelbahnen schon zu oft auf die *Achtung, Wortspiel incoming* Schnauze gelegt und mir tat alles weh. Außerdem hatte es einen weiteren Grund, warum ich auf der Bahn für die Kindergartenkinder herumlungerte, und von den kleinen Zwergen terrorisiert angestarrt wurde. Es war der perfekte Ausgangsposten, um Luca zu stalken. Er fuhr mittlerweile wie ein Profi die Bahn mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad hinunter. Ich konnte nicht anders, als ihn mit einem plüschigen Babypinguin zu vergleichen, der elegant durchs Wasser schwamm. Leider waren auch die Feinde der Pinguine zugegen. Der bösartige Orca Angie war auf Beutezug und war ständig um ihn herum. Aber ich wollte einfach nicht die schwierige Bahn fahren. Es tat weh und es war unnötig.
Also begnügte ich mich damit, kleine Kinder zu verstören und den anderen zuzusehen. Das hielt jedoch nicht lange, denn irgendwann begann mich ein kleiner Fratze mit Schneebällen zu bewerfen und seine Kumpanen machten natürlich mit. Und so wurde ich von kleinen Kindern verjagt und musste mich verziehen. Es war unfair. Sie waren eindeutig in der Überzahl.
Ich musste mir einen neuen Aussichtspunkt besorgen, doch der höchste Punkt war nur die Spitze des großen Hügels, dort, wo die schwierige Bahn startete. Ich ließ mich also dort oben in den Schnee fallen und betrachtete alle Rutschbahnen von oben, während ich insgeheim alle auslachte, die auf die schwierige Bahn gingen.
Doch leider blieb ich nicht lange allein. Der Killerwal hatte mich im Visier. Und er war hungrig. "Naaaa? Luca ist sooo toll, hab ich nicht recht? Er kann so gut rodeln, nicht wahr?", seufzte sie. Ich ahnte bereits, was jetzt kam und erwiderte genervt: "Was willst du, Angie?" Dabei bemerkte ich, dass sie das Band meiner Rodel in der Hand hielt, die ich ein kleines Stück weiter unten geparkt hatte, da ich sie nicht mit hochschleppen wollte.
"Ach... ich habe deine Rodel gefunden und wollte nur wissen, ob du sie überhaupt noch brauchst. Du sitzt hier ja rum wie ein Penner und schaust allen anderen zu. Wie mickrig bis du eigentlich?" Ich versuchte meine Wut zu unterdrücken, und doch sprang ich schnaubend auf. "Sag mal spinnst du eigentlich?" "Ich? Natürlich nicht. Ich wollte dich nur auf die Umstände hinweisen, dass du als einzige hier so herumlungerst. Also Luca hat vorher erwähnt, dass er sich nicht vorstellen kann, dass hier jemand versagt, so einfach wie das alles ist." "Das. würde. er. niemals. sagen!", zischte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Angie kickte mir mit dem Fuß die Rodel zu, die gegen mein Knie schlug. "Tja, das kann wohl nur ich beurteilen. Immerhin war ich die ganze Zeit bei ihm, wie er die schwere Bahn gefahren ist. Aber wenn du ihm unbedingt beweisen willst, dass du keine kleine Heulsuse bist..." Sie grinste spöttisch und mich durchfuhr ein eiskalter Schauer. Ich hatte Angie so satt. Sie beleidigte mich ständig ohne Grund, belästigte Luca vor meinen Augen, machte mich - um es zuzugeben - krankhaft eifersüchtig damit und brachte mich nur durch ihre Anwesenheit auf die Palme. Ich war kurz davor, sie einfach aufzufressen. Was für eine Wonne wäre es doch, meine Zähne in ihr Gesicht zu schlagen. Doch ich entschied mich für einen klügeren Weg. Ich würde ihr beweisen, dass ich keine Memme war, dass ich viel fähiger war als sie und vor allem, dass ich ihr Luca niemals überlassen würde.
Schnaubend und knurrend schnappte ich mir meine Rodel, warf mich bäuchlings darauf und schob mich mit einem kräftigen Tritt in die schwere Bahn. Im gleichen Moment meinte ich Clara den Hügel hinaufkommen zu sehen, sie schrie irgendwas. Angies triumphierendes Lachen klang mir noch kurz in den Ohren, dann vernahm ich nur noch das Rauschen des Windes. Die schwere Bahn war zu recht schwer. Besonders, wenn man auf dem Bauch lag. In den ersten paar Kurven bekam ich zwei Tonnen Schnee ins Gesicht und etliche Prellungen und Quetschungen. Gerade als ich dachte, ich würde es grade und grade noch überleben, tauchte vor meinen Augen etwas auf, dass nicht dahin gehörte. Und ich spreche nicht von irgendwelchen Bildern die mein Gehirn projizierte. Es lagen Steine auf der Bahn.
Steine...
Große Steine! Die waren nicht einfach hingerollt! Jemand hatte sie mit absicht dorthin gelegt! Ich klammerte mich krampfhaft am Holzrahmen meines Gefährtes fest und riss die Augen auf. Ich machte mich auf einen relativ harten Aufprall gefasst, doch womit ich nicht rechnete, war das Brechen der Rodel unter mir. Die vorderen Holzstützen, die die Kufen mit dem Sitz verbanden, brachen einfach weg. Ein Ruck ging durch meinen ganzen Körper und plötzlich flog ich durch die Luft. Entsetzt stellte ich fest, dass ich gerade einen riesen Fehler begangen hatte. Angie hatte die Rodel sabotiert, bevor sie sie mir gegeben hatte. Auf einmal ging alles wahnsinnig schnell. Die Welt vor meinen Augen verschwamm zu einem Strudel, während ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Da erfolgte der harte Aufprall. Ich war halb über den Schneewall geflogen, direkt auf etwas Hartes. Etwas zu hartes. Mein Körper fühlte sich an, als würde er zerspringen, alles tat weh. Über meiner Augenbraue breitete sich nasse Wärme aus und mein Blickfeld verschwamm. Ich erkannte graue und weiße Schlieren, die sich immer wieder vermischten. Plötzlich wurde der weiße Schnee rot gefärbt. Ich blinzelte heftig, doch konnte nicht zuordnen, ob das da Blut im Schnee war, oder ob das an dem roten Film in meinen Augen lag. Der Schmerz wurde immer dumpfer, mein Blickfeld immer dunkler. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war, aber das graue Ding unter mir war unglaublich hart und unbequem. Doch ich war unfähig, mich zu rühren. Und noch bevor ich wegen meines hilflosen Zustands in Panik geraten konnte, knippste mir jemand einfach so das Licht aus.
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Fun fact: das Wort projizieren gehört zur Liste der rechtschreiblich schwierigen Wörter :D
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Ich wurde beim schreiben von wunderschönen (Ironie) Girarrenklängen beschallt XD
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Allein unter Menschen!
WerewolfNormal sein ist relativ. Jedenfalls für Caroline. Während andere bei dem Gedanken, ein Werwolf zu sein, vermutlich panisch geworden wären, hatte sie samt ihren drei Geschwistern bereits seit ihrer Kindheit Zeit, sich damit abzufinden. Werwolf von Ge...
