70 - Traumfänger

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70 - Traumfänger

"Wir werden alle sterben. Wir werden alle sterben.", flüsterte die Mini-Caroline in meinem Kopf und rannte panisch im Kreis. Ganz so panisch war ich dann auch wieder nicht. Immerhin könnten wir leicht wieder zurückgehen. Aber ich fragte mich schon, warum uns der ach so erfahrene Bergführer hier in diese Sackgasse gebracht hatte.

Anscheinend war er aber doch nicht so doof, wie wir dachten. Er war noch doofer, denn er nahm eine ausklappbare Schaufel aus seinem majestätischen Rucksack und begann, im Schnee herumzustochern. Offenbar wollte er, dass wir uns Iglus bauten oder sah einen tieferen Sinn dahinter, auf eine Felsmauer einzuhacken. Ich war kurz davor zu beginnen, wie eine Irre im Schnee zu scharren, als plötzlich Licht in die schmale Felsspalte fiel, in der wir standen. Blinzelnd spähte ich nach vorne und sah den Bergführer, der den lockeren Schnee weggrub.

Nun verstand ich. Wir befanden uns vor einem extrem schmalen Bergpass, der komplett zugeweht worden war. Der Tutor schaufelte nun die schmale Spalte frei und schritt hindurch. Wir folgten ihm wie eine schnuckelige Karawane und erblickten eine Ebene, die komplett schneebedeckt war. Dieser reflektierte die Sonne gleißend hell und man konnte kaum die hohen Berggipfel erkennen, die den Kessel umrandeten. In der Mitte des augentötenden Feldes trohnte ein kleiner dunkler Fleck, eine Hütte. Wir hielten direkt darauf zu. Mehr oder weniger. Die Hälfte der Karawane lief schlangenlinien, weil sie geblendet waren.

Schlussendlich erreichten wir jedoch unser Ziel und konnten das nette kleine Häuschen betreten. Der Tutor steuerte sofort einen kleinen Ofen an und schmiss ihn an, sodass es bald schön warm wurde. Wir machten es uns gemütlich und ich konnte meine zu Eisklumpen gefrorenen Füße aufwärmen. Halb auf Clara liegend, wackelte ich mit den Zehen wie ein minderbemittelter Primat. "Ieww! Geh weg mit deinen Stinkesocken!", maulte meine beste Freundin mich an. Beleidigt versenkte ich meinen Fuß wieder unter dem Tisch und fing demonstrativ eine Konversation mit jemand anderem an. Wir redeten lange und aßen irgendwann auch unsere Jause, auf die ich mich schon den ganzen Tag gefreut hatte. Genüsslich biss ich in das Brot und verkniff mir ein Stöhnen. Fleisch tat so gut! Mir schien es bereits, als würden sie in der Herberge nur noch Gemüse servieren. Aber die Straße hier rauf war schwer zu befaheren und es kamen kaum Lieferanten. Deshalb bestand unsere Kost hauptsächlich aus lange haltbaren Dingen. Viel zu schnell hatte ich meine Jause verspeist und begann zu maulen und zu meckern und allen auf die Nerven zu gehen. Selbst der Kursleiter schien die Aufbruchsstimmung mitzubekommen - die hauptsächlich von mir verursacht wurde - und ordnete den Aufbruch an. Nach einigem Gekeile wem nochmal welche Schneeschuhe gehörten, konnten wir uns schließlich auf den Rückweg machen. Der Abstieg vom Berg war viel gefährlicher, da wir die gleiche Route zurück nahmen und in unserer eigenen Spur gehen mussten. Der losgetretene Schnee war extrem instabil und zudem ging es immer steil bergab. Selbst ich rutschte mehrere Male aus und schlitterte einige Meter durch den Schnee. Wir alle schnauften heftig und unsere Atemluft kondensierte in der Kälte. Sogar ich kam gegen Ende aus der Puste und war wie alle anderen erleichtert, als wir hinter einem Teil des Berges eine Rauchfahne entdeckten, die zur Herberge gehörte. Erschöpft kamen wir schließlich an und konnten das warme Haus betreten. Als ich durch die Haustür trat, erblickte ich Luca in seiner Gruppe, wie er vom Eisklettern zurückkam. Er winkte mir fröhlich mit der Hand zu, in der er ein stark gefährlich aussehendes Pickelwerkzeug hielt. Ich war so erschöpft und müde, dass ich nur noch wie ein Gummibärchen in der Pfanne schwabbelig den Arm heben konnte.

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Ich stolperte mehr in mein Zimmer, als ich ging und hatte endlich die sehnlich erwartete Kollision mit dem Bett. Mittlerweile war es später Nachmittag und ich verbrachte den restlichen Tag im Bett, gerade noch so konnte ich mich zum Abendessen heraushieven. Ich schlief früh ein, für meine Verhältnisse. Normalerweise war ich immer ewig wach und dafür am Morgen wolfsmüde, sodass ich kaum aus dem Bett kam. Dadurch schlief ich allerdings so tief, dass ich kein einziges Mal aufwachte.

Und nun bekam ich zu viel Schlaf. Was nicht gut war, mein Körper vertrug das nicht wirklich. Und ich träumte. Die ganze Nacht über, doch errinnern konnte ich mich an fast nichts. Doch ein Traum war so realistisch, dass er sich wie ein Messer in mein Gehirn grub.

Ich stand als Wolf in einem herrlichen Frühlingswald, die Blätter rauschten und der Wind strich sanft durch mein Fell. Über mir zwitscherten Vögel und ich war einfach so richtig glücklich. Plötzlich entdeckte ich eine köstlich duftende Fährte. Ich folgte ihr begeistert und streifte zwischen Farnen hindurch.

Einige Bäume weiter hingen die ersten braunen Blätter an den Ästen. Ich bemerkte sie vorerst nicht, doch bald wurden es so viele, dass ich sie erkannte. Verdutzt hielt ich inne. War hier plötzlich Herbst? Es kümmerte mich nicht weiter, ich mochte den Herbst. Auch wenn ich dann keine Hirsche mehr erlegen konnte, da sie alle zu testosterongesteuerten Kampfmaschinen mutierten.

Ich lief also weiter und folgte der Fährte. Doch die Blätter veränderten sich abermals. Und dieser Vorgang war nicht natürlich. Die Blätter wurden grau, als ob jemand sie in einen Schwarzweißfilter getaucht hätte. Ich wusste, dass Wölfe rot-grün blind waren, aber das war nicht normal. Verunsichert verfolgte ich weiter die Spur, die einen leicht süßlichen Geruch angenommen hatte. Es wurde immer bizarrer. Die Blätter begannen pechschwarz und klumpig zu werden. Und nicht nur die Blätter. Die Äste, die Stämme, der Boden, die Sträucher. Als wäre alles mit Pech übergossen worden. Ich folgte weiter dem Geruch. Es war wie ein Zwang.

Obwohl die Fährte den Geruch der Verwesung angenommen hatte.

Plötzlich erreichte ich eine Ebene. Es war die seltsamste Landschaft, die ich jemals gesehen hatte. Alle Pflanzen waren verwest und bildeten einen harten Boden, der beinahe wie schwarzer Marmor wirkte. Nur vereinzelt ragten knorrige Baumgerippe aus dem Boden und wirkten wie makabare Markierungen in der Landschaft, die mit ihren abgestorbenen Ästen scharfe Linien in den grauen, sturmbewölkten Himmel schnitten. Und weiter hinten zog dichter Nebel auf. Er waberte knapp über dem Boden hinweg, wie eine Schlange auf Beutezug.

Und sie wollte mich als Beute.
Und ich rannte los.

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Seid ihr auch solche Nachtmenschen wie ich? Ich hab aus purer Langeweile mal um drei Uhr morgends Attack on Titan zum zweiten mal angefangen :D

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Allein unter Menschen!Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt