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  "Stimmt etwas nicht, Dole?", fragte Marialle, nun etwas verwirrt von der Einvernehmlichkeit, mit der die beiden Frauen sie raus aus dem Tumult führten. "Alles in Ordnung, Liebste. Bei der lauten Musik kann man sich mit mehr als zwei Personen nur nicht mehr unterhalten, darum führt Lady Whisperwind uns an einen anderen Ort." Die Priesterin nickte abwesend, betrachtete die schlanken Konturen der Nachtelfe, die sich, trotz der hellen Farben, die sie trug, perfekt in das Dunkel der Nacht einfügten. An einem kleinen Teich, der vor einer malerischen Lichtung lag, kam die Hochpriesterin an einem filigranen, weißem Tisch mit drei Stühlen zum Stehen.

"Wusstet ihr etwa, dass es heute zu diesem Gespräch kommen würde, Lady Whisperwind?", fragte die Paladin schmunzelnd. "Ich sage es mal so, ich habe es gehofft und bin einfach gut vorbereitet. Setzt euch doch, Lady Lichtsprung", bat sie die junge Priesterin und Marialle kam der Bitte sofort nach. "Leider wurden wir vorhin ja recht unwirsch von eurer jungen Freundin unterbrochen. Einen Becher Wein, meine Damen?", begann Tyrande freundlich lächelnd, nachdem auch sie und die Hochelfe sich an den kleinen Tisch gesetzt hatten. Dolette nickte freundlich. "Ja. Ja, ich auch. Warum nicht?", antwortete Marialle leise.

Nachdem die Nachtelfe eingeschenkt und jeder einen Schluck genommen hatte, fuhr Tyrande fort: "Ihr müsst euch nicht unwohl fühlen, Lady Lichtsprung. Ich bin sicherlich um ein beträchtlich Vielfaches älter als ihr, aber so wie mir Lady Glutklinge berichtet hat, störte das eure spitze Zunge bei ihr kein bisschen. Also versucht doch bitte, eure Anspannung abzulegen. Ich habe nichts Göttergleiches oder Ähnliches an mir. Ich bin auch nur eine Frau so wie ihr." Die beiden ungleichen Elfen strahlten sich einvernehmlich lächelnd an, während die junge Menschenfrau die Hitze spürte, die ihr ins Gesicht schoss.

Ihr war schleierhaft, wie dieses Wesen einerseits von sich behaupten konnte nichts Göttliches in sich zu haben und andererseits ihre Gefühle zu lesen schien, als stünden sie in ihr Gesicht geschrieben. Sie spürte die Hand ihrer geliebten Paladin auf der ihren und entspannte sich augenblicklich. Sie sah Auszüge des Gesprächs, dass die beiden Elfen führten und musste seicht lächeln, als sie verfolgte wie Dolette der Nachtelfe von ihr erzählte. "Nun, deshalb sind wir hier, nicht wahr?", sagte Tyrande sanft und deutete nickend hinunter zu ihren ineinander verschränkten Händen.

Die beiden sahen einen kurzen Augenblick liebevoll auf das sanfte Leuchten, dass von ihren Händen ausging, ehe die Nachtelfe weiter sprach: "Es ist wirklich faszinierend, Myladys. Ich sah Augen schon in den unterschiedlichsten Farben und auf die merkwürdigsten Arten leuchten, schimmern, glimmern oder wie auch immer, aber das was sich in euren Augen abspielt, ist so viel mehr. Vielleicht sind nur Malfurion und ich in der Lage zu sehen, welch tiefe und alte Verbindung darin zu erkennen ist." Tyrande sah ihnen abwechselnd in die Augen. In ihren eigenen lag unendlich viel Wärme, aber auch kühle Intelligenz und ein klarer Verstand.

"Und? Könnt ihr uns sagen, was es damit auf sich hat?", fragte die junge Priesterin die schmunzelnde Ältere. "Nun, vielleicht wisst ihr, dass wir Nachtelfen die Mondgöttin Elune anbeten. Die Tauren nennen sie übrigens Mu'sha. In gewisser Weise teilen wir also denselben Glauben." Tyrande machte eine Pause und Dolette nutzte sie, um Marialle einen Blick zu schenken, der soviel hieß wie hätten wir mal den Tauren angesprochen. "Die Tauren glauben, dass Mu'sha das linke und An'she das rechte Auge der Erdenmutter waren, die einst die Welt formte und alles Leben schuf. Sie gab ihr rechtes Auge und erschuf die Sonne, ihr Linkes um den Mond zu erschaffen", begann Tyrande andächtig zu erklären.

"Noch lange bevor die Titanen auf die Welt kamen, gab die große Erdenmutter ihr Sein auf und verschmolz mit allem, was uns umgibt. Mit der Erde, der Luft, dem Wasser und dem Wind. Sie ist in allem, was wir sehen können. In jedem Baum. In jedem Stein. Einfach überall. Doch sie hat keine Macht mehr und so kam es, dass ihre Kinder, die Alten Götter, sie verrieten und Chaos über Azeroth brachten. Belare und Elune, wie wir sie nennen, gebaren jede eine Tochter und schickten sie ins Chaos, um einander zu finden und ein Licht an die Titanen zu senden, auf dass sie die Welt vor dem Untergang bewahren." Tyrande machte eine Pause und sah hoch zu den Sternen, als könnte sie das Licht sehen, das einst zu den Titanen gesandt wurde.

"Das Licht zu erschaffen, kostete die Töchter ihre Existenzen und in der Trauer, sich gerade erst gefunden zu haben, um sich gleich darauf wieder zu verlieren, ließen sie einen Teil von sich hier, um einander wieder zu finden und vereint zu sein, wenn die Welt droht, wieder ins Dunkel gestürzt zu werden. So wurde die Geschichte uns und den Tauren überliefert und schließlich zur Legende." Tyrande verstummte und sah verträumt von den Sternen zum Mond. "Nicht verwunderlich, dass die Quel'dorei sich das Gegenstück zum Mond als ihren neuen lebensbestimmenden Mittelpunkt wählten", dachte Marialle laut.

"Überhaupt nicht, Lady Lichtsprung. Die Legende war lange Teil unserer Kultur, bis unser Glaube immer mehr an Elune ging. Man kann darüber streiten, ob die Verehrung der Sonne bewusst oder unbewusst im Bewusstsein der Hochelfen verankert ist, aber es hat seinen Ursprung in dieser Legende. Tyrande und ich, wir glauben, dass ihr die verlorenen Teile der Töchter Belares und Elunes in euch tragt und diese euch schließlich zusammen führten und wir glauben auch, dass es kein Zufall ist, dass ihr jetzt hier seid, um uns im Kampf gegen Archimonde und seine Schergen beizustehen." Malfurion war hinzu getreten und beendete die Ausführungen der Hochpriesterin.

Die Paladin nickte gedankenverloren, doch Marialle konnte ihre Gedanken nicht für sich behalten. "Das passt ja alles ganz wunderbar zusammen, aber eins stört mich daran. Wir sprechen hier von Sonne und Mond, Belare und Elune. Mein Volk glaubt nicht an diese Schöpfungsgeschichte. Wäre es nicht viel sinnvoller, dass Dole und eine Nachtelfe die Lichter in sich tragen? Ich meine, allein schon meine kurze Lebensspanne. Ich kann mit dieser Macht nur ein einziges Menschenleben lang tun, wozu sie gedacht ist und Dole wird mich überleben und ist ohne mich Machtlos? Kein besonders guter, göttlicher Plan. Ich meine, könnte es nicht sein, dass...ach ich weiß auch nicht."

Sie sah resignierend zu Boden. Das machte doch alles keinen Sinn. Sie empfand sich selbst als das einzige Glied, das nicht in diese Kette passte. Tyrande lächelte sie verständnisvoll an, doch war es Malfurion, der wieder das Wort ergriff. "Lady Lichtsprung, es ist wahr, ihr seid ein Mensch und als solcher eine Schöpfung der großen Erdenmutter. So wie wir alle. Ich habe einige Theorien darüber, wie das Schicksal oder wie auch immer man es nennen mag, zwei Seelen, die zusammen gehören, immer wieder zueinander führt, aber lasst mich euch zuerst eine Frage stellen. Spürt ihr die Veränderungen nicht, die mit eurer Verbindung einhergehen?" Er sah die junge Priesterin eindringlich an.

Sie linste zu der Hochelfe, die den Druiden aber nur eben so gespannt ansah wie sie selbst gerade noch. "Doch. Eine Menge sogar, aber das sind alles Dinge, die eh schon durch die Verbindung entstanden." Er lächelte müde, so, dass sie sich ein wenig dumm vorkam. "Mein Kind, wir wissen selbst nicht wie alt wir ohne unsere Unsterblichkeit werden, die vom Weltenbaum und bei den Quel'dorei vom Sonnenbrunnen ausgeht, aber eins ist sicher. Euer Lebensstrom hat sich schon ganz massiv verändert und hat nichts mehr mit dem eines Menschen gemein." Der Anführer der Nachtelfen räusperte sich leicht, um sanfter fortzufahren.

"Vielleicht habt ihr sogar eine Weile die Unsterblichkeit von Lady Glutklinge geteilt, bis dieser Menschenprinz den Sonnenbrunnen zerstört hat. Das kann ich euch nicht sagen, aber eines ist gewiss. Eure Seelen wurden zueinander geführt und Mutter Sonne und Mutter Mond haben dafür gesorgt, dass ihr euch in diesem Leben nicht direkt wieder verliert. Bei ihrem ersten Besuch auf der Welt mussten die Töchter ihren Weg noch alleine gehen. Das sollte nicht noch mal geschehen." Ein warmes Lächeln umspielte nun seine Gesichtszüge und Marialle war versucht, in seine Arme zu springen, doch sie riss sich zusammen und sah in das erkennende Gesicht ihrer geliebten Paladin.

Sie reichte ihr die Hand und das Leuchten in den Augen der Hochelfe war nie so warm und dem der Sonne gleich.
Malfurion stellte sich hinter den Stuhl auf dem Tyrande saß, legte seine Hände auf ihre Schultern und gemeinsam betrachteten sie die beiden Lichtgestalten, die ihnen das Schicksal gesandt zu haben schien.

Die dunkle RitterinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt