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Für Angelo war die Sache klar, Fünf Kilometer - das war doch keine Strecke, kein Problem mit dem Fahrrad! Er würde Leo besuchen - so einfach war das.
"Klar sehen wir sie nochmal wieder - wir können sie doch besuchen! Morgen nehm' ich mein Fahrrad und -"
"Angelo, jetzt lass ihr doch mal ein bisschen Zeit. Sie muss erstmal richtig dort ankommen und außerdem tun ihr ein paar Tage Ruhe sicher noch gut. Bis sie wieder richtig fit ist." Kathy schüttelte den Kopf über ihren ungestümen kleinen Bruder.
"Ja, aber an ihrem Geburtstag spätestens MÜSSEN wir sie ja besuchen!" Angelo war einfach nicht ruhig zu kriegen.
"Wir werden sehen. Bis dahin ist noch genug Zeit..." Und mit diesen Worten verschwand Kathy in der Küche und setzte sich mit einem Nachschlag auf dem Teller wieder an den Tisch. Sie würde bald mal telefonieren müssen...

****

Der alte Pickup tat sein Bestes, nicht in die größten Schlaglöcher zu fahren, aber trotzdem war die erste Hälfte der Fahrt bis zum Hause Montoya eine ganz schöne Holperei. Leontina kam sich vor, wie auf einer Buckelpiste und war froh, als die Straße endlich besser wurde. Salvatore beobachte sie im Rückspiegel.
"Sag mal, Leo, das war doch eine sehr nette Familie, findest du nicht auch?"
Leontina verdrehte die Augen. Ging das jetzt wieder von vorne los?
"Naja, schon..." hoffentlich würde Salva mit diesem Thema bald Ruhe geben...
"Aber?" Er gab keine Ruhe. Leo atmete hörbar aus.
"Nichts aber."
"Also das ist doch gut, da könnt ihr euch treffen und du hast Gesellschaft bis dein Vater zurückkommt." Salvatore hörte sich für Leontina abscheulich gut gelaunt an.
"Nein Danke. Ich brauch erstmal meine Ruhe."
Leontina schaute aus dem Fenster, sie waren mittlerweile schon in dem kleinen Ort angekommen. Salvatore runzelte die Stirn. Seit wann brauchte Leo ihre Ruhe? Das war ja etwas ganz Neues?! Er kannte dieses Mädchen bisher immer unternehmungslustig und ständig auf Achse. In diesem Punkt war sie genau wie ihr Vater. Salvatore kannte Mark seit seinem Auslandssemester in Deutschland und er wunderte sich noch heute manchmal, wie Mark sein Studium überhaupt geschafft hatte, war er doch häufiger in der Welt unterwegs gewesen als bei irgendwelchen Vorlesungen...
Aber er behielt seine Gedanken für sich. "Wie du meinst," sagte er stattdessen in Leo's Richtung. Er würde am Abend mit Martina darüber sprechen.

Am Haus angekommen, brachte er Leo's Gepäck ins Haus und begab sich dann direkt zum Telefon. Er hinterließ seinem Freund Mark - Leo's Vater - eine Nachricht an seiner Basisstation - so hatten sie es vereinbart. Früher oder später würde er so erfahren, dass seine Tochter wohlauf bei ihnen zu Hause war.
Er schaute aus dem Fenster. Natürlich, Leontina saß schon auf dem Weidegatter und begrüßte die beiden Stuten. Sie kannte die Pferde der Montoyas ja schon vom letzten Jahr. Salvatore ließ sie gewähren. In einer halben Stunde spätestens würde Martina mit Chocolate hier eintreffen, und dann hätte es mit dem Freigang - vorerst - so oder so ein Ende. Seine Frau hatte da strikte Vorstellungen, was Schonung und Erholung anging...

****

Spanien sah Paddy in miserabler Stimmung. Er tigerte von einem Zimmer ins nächste und wusste einfach nichts Sinnvolles mit sich anzufangen. Er pflaumte alles und jeden an, der sich auch nur irgendwie in seiner Reichweite befand. Das ein oder andere Möbelstück hatte seine Laune so auch schon zu spüren bekommen.
Er wusste ja selbst nicht, was mit ihm los war. Zwei Tage war es nun her, seit Leontina weg gefahren war, und es kam ihm schon vor wie eine Ewigkeit. Angelo hatte einmal heimlich - Kathy hatte ihnen nämlich verboten so früh gleich anzurufen - die Nummer der Montoyas gewählt um zu fragen, ob sie Leo besuchen könnten, aber Martina hatte ihm zu verstehen gegeben, dass Leo viel schlafe und noch Ruhe bräuchte.
"Wieviel Ruhe kann ein Mensch aushalten?!? Die arme Leo, also mir wäre todlangweilig!" hatte Angelo sich daraufhin beschwert.
"Du hast auch keine Gehirnerschütterung," erinnerte Patricia ihn, was Angelo jedoch nicht davon abhielt, ständig zu fragen, wann sie denn Leo nun endlich besuchen könnten. Immerhin war morgen ihr Geburtstag...
Gerade als Angelo einmal mehr seine geheimen Pläne für Leo's Geburtstagsüberraschung anbringen wollte, hörten sie von draußen aufgebrachte Stimmen.

"Jetzt reicht's mir aber! Verbreite deine miese Laune wo du willst aber mach, dass du aus meinem Sichtfeld kommst!" Das war Joey.
"Pff! Ich kann ja wohl noch sitzen, wo ich will!" Paddy saß neben Joey auf der Bank vorm Haus.
"Mit einer Ausnahme. Hier neben mir ist kein Platz für Stimmungsverpester. ICH bin nämlich zur Entspannung hier und versuche die Mittagssonne zu genießen - FALLS dir das aufgefallen ist. Ach nein - ich vergaß - Monsieur PADDY ist ja nur mit sich selbst beschäftigt!!" Joey warf seinem Bruder einen verächtlichen Blick zu und schloss dann demonstrativ die Augen.

"Ach ja? Schön! Und dabei sitz ich genau hier! Da ich ja nur mit mir selbst beschäftigt bin, dürfte das ja kein Problem für dich sein." Paddys Stimme triefte nur so vor Ironie.
"Paddy. Ich sag's dir jetzt im Guten - mach, dass du Land gewinnst! Ich kann dein miesepetriges Gesicht echt nicht mehr sehen!" Joey hatte sich wohl schon einiges von seinem Bruder anhören müssen, dass er bereits so am Ende seiner Geduld war.
"Als ob du besser aussiehst!" Paddy schien es tatsächlich auf die Spitze treiben zu wollen...

"Also jetzt reicht's!" Und damit packte Joey seinen Bruder und im Handumdrehen fanden sich beide auf der Erde wieder. Schlagend und fluchend rollten sie hin und her. Eigentlich wusste Paddy ziemlich genau, dass er gegen Joey keine wirkliche Chance hatte, aber irgendwie tat ihm die körperliche Auseinandersetzung mit seinem Bruder gerade richtig gut. Er verausgabte sich geradezu und Joey hatte alle Mühe, den Jüngeren unter Kontrolle zu halten. Im Prinzip war Joey ja immer für eine kleine brüderliche Rauferei zu haben - und Paddy hatte scheinbar genau das gerade dringend nötig...
Als dieser gerade schmerzhaft an seinen Haaren riss, um ihn von seiner Brust herunter zu bekommen - Joey war irgendwie ganz schön schwer - hörten sie eine genervte Stimme über sich:
"Seid ihr bald fertig?"
Die Kämpfenden hielten in der Bewegung inne und schauten mit roten Köpfen in Angelo's grinsendes Gesicht.
"Kathy meint ihr sollt dringend reinkommen, wir müssen was Wichtiges besprechen."

"Dein Glück, Paddy!" Joey stieg von seinem Bruder herunter und streckte ihm die Hand hin. Dass er nachtragend wäre, konnte man Joey wirklich nicht nachsagen.
Paddy ließ sich von ihm aufhelfen.
"Dein Glück genauso!" Noch bevor er stand waren die Worte heraus.
"Fängst du jetzt schon wieder an?!" Joey's Stimme nahm einen bedrohlichen Klang an. Doch Paddy klopfte ihm schon auf die Schulter.
"Neenee, mir reicht's gerade. Sorry wegen vorhin. Ich hab's ja nicht so gemeint..."
"Jaja. Du solltest so langsam mal etwas aufpassen, was du eigentlich meinst..." Joey brummte vor sich hin, zog dann aber Paddy versöhnlich an der Nasenspitze, bevor sie endlich ins Haus gingen.

Am Tisch saß schon die ganze Familie und wartete auf die Nachzügler.
"Na endlich..." Jimmy lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
Als schließlich alle einen Platz gefunden hatten, begann Kathy zu sprechen:
"Zeit, uns was für Leo's Geburtstag zu überlegen. Ich hab heute morgen mit den Montoyas telefoniert. Leo geht's gut und einer Überraschung steht nichts im Wege." Was nun folgte war das Durcheinander des Tages. Alle redeten gleichzeitig. Als endlich wieder Ruhe eingekehrt war (Patricia hatte zweimal laut durch die Finger gepfiffen), sah Angelo seinen Moment gekommen:
"Also, ich hab schon mehrere Pläne im Kopf, das versuch ich ja schon die ganze Zeit euch zu erklären!"
"Also bitte, klär uns auf und dann der Reihe nach." Was würden sie nur ohne Kathy machen, die immer ein Händchen dafür hatte, etwas Ordnung in ihr Chaos zu bringen.

Paddy's Miene hellte sich schlagartig auf. Auf einmal hatte er tausend Ideen im Kopf, was er gleich alles tun könnte, dass es ihm schwer fiel, am Tisch ruhig sitzen zu bleiben. Ungeduldig rutschte er auf der Bank hin und her und tippelte mit seinen Füßen auf den Boden. Als Maite neben ihm ihn schließlich genervt in die Seite boxte und ihn skeptisch anschaute, lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme. Die Stimmen seiner Geschwister drangen nur noch entfernt an seine Ohren. Zum wohl tausendsten Mal in diesen Tagen sah er Leontina vor sich, wie sie ihm ihr beinahe hochmütiges "Ich geh wohin ich will" präsentiert und ihn dann nach ihrem kurzen Ausflug trotz allem so offen angelächelt hatte. Paddy fühlte sich auf einmal wieder so leicht und entspannt, dass er zuerst gar nicht bemerkte, wie Maite ihn anstupste.
"He, Paddy! Also bist du auch einverstanden?"

Growing up oder: lost and foundWo Geschichten leben. Entdecke jetzt