„Und was macht ihr mit Chocolate?" Paddy saß auf Leo's Bett und schaute auf das Chaos um ihn herum im Zimmer. Überall waren größere und kleinere Haufen und Stapel mit allerlei Zeugs. Klamotten, Bücher, Fotos, irgendwelche Zettel, kleine Körbchen und Kistchen, Rucksäcke und Taschen, Leo's Gitarre... Dazwischen Leo auf dem Boden wie sie einen Stapel nach dem anderen durchschaute, manche Dinge in eine der drei großen Kisten packte und andere in die Koffer oder Taschen. Paddy konnte nicht erkennen was sie da für ein System hatte, aber nach und nach verschwand doch immer mehr in Koffer oder Reisetasche und das Chaos lichtete sich.
„Sie bleibt in Spanien. Zusammen mit Luan. Bei Salva und Martina." Leo seufzte. „Das ist das erste Mal dass ich ohne Chocolate sein werde, seit ich sie kenne." Leo hatte Paddy schon erzählt, dass sie Luan behalten dürfe. Da auf absehbare Zeit sowieso keiner außer ihr mit ihm wirklich klar kommen würde, hatte sich Daniel dazu entschlossen ihn ihr zu überlassen. Vorausgesetzt sie wollte. Natürlich wollte Leontina. Und ihr Vater hatte seiner wieder quicklebendigen Tochter diesen Wunsch auch nicht abschlagen können. Dazu noch verstanden sich Chocolate und Luan auch ausgesprochen gut.
„Du findest bestimmt genug andere Ablenkung in Australien." Paddy sah Leo betrübt an. Leo packten einen Stapel Pullover in eine Box und setzte sich dann zu Paddy auf's Bett. Sie konnte es kaum ertragen, ihn so niedergeschlagen zu sehen. Ihr tat es ja auch schrecklich leid, dass sie sich jetzt für ziemlich lange Zeit nicht sehen würden, aber sie war doch irgendwie viel zu aufgeregt um sich darum wirklich viele Gedanken zu machen. Und außerdem würde sie Thom endlich wieder sehen. Das war für sie das Größte. Und dann Australien! Sie liebte dieses Land! Auch wenn sie beim letzten Mal um Einiges jünger gewesen war, sie wusste noch genau, dass sie sich dort sehr wohl gefühlt hatte. Und sie würde viel draußen sein. Mit Pferden. Wahrscheinlich würden sie sogar wilde Herden beobachten. Papa hatte ihr schon von seinem neuen Job dort erzählt. Leo's Vorfreude war kaum zu bremsen.
Sie stupste Paddy am Arm und schaute ihn aufmunternd an.
„Jetzt kuck nicht so traurig. Du wirst auch genug Ablenkung haben. Die hast du ja jetzt schon. Und wir können bestimmt telefonieren." Leo zog die Augenbrauen hoch und versuchte selbst daran zu glauben. „Und wir kommen ja irgendwann wieder.
„Ja, schon..." Paddy schaute immer noch auf den Boden. Er rechnete sich keine großen Chancen aus, Leo all zu oft am Telefon zu haben...
„Aber ich werd' dich ganz schön vermissen..." Er hob den Kopf und schaute das Mädchen neben ihm an. Leontina. Leo. Er kannte sie mittlerweile so gut. Und trotzdem gab es immer noch genug, was er nicht von ihr wusste... Er hätte nie gedacht, dass das Ganze tatsächlich so lange bestehen würde. Trotz aller Schwierigkeiten. Aber diese Faszination vom ersten Tag war immer noch da. Leo hatte vor Aufregung und Packfieber ganz rote Wangen und ihre Augen glitzerten wie eh und je. Er konnte ihre Vorfreude förmlich darin sehen. Und trotz der trüben Aussichten war da immer noch dieses Gefühl. Paddy wartete jedes Mal auf den Moment, in dem er ihr einfach so in die Augen schauen konnte, ohne dieses klitzekleine Kribbeln, das ihn beinahe verrückt machte - aber es war jedes Mal zuverlässig auf's Neue da. Es war einfach unmöglich.
Da war sie ihm so nah und gleichzeitig so weit weg. Und nun bald weiter weg als je zuvor. Wie Patricia gesagt hatte, er müsse ihr Zeit lassen. Wie er schon beim Abschied in Spanien gedacht hatte, würde er dazu mehr als genug Gelegenheit haben. Dass er allerdings so viel Gelegenheit haben würde, hätte er nicht unbedingt gedacht.... und noch weniger gewollt...
Und noch während er ganz in Gedanken war, war sie ihm auf einmal doch wieder ganz nah. Ohne zu wissen wie ihm geschah, fand Paddy sich in einer beherzten Umarmung wieder. Leo hatte ihn halb zu sich her gezogen und strich ihm mit der Hand über den Rücken.
„Du wirst mir auch fehlen, Paddy." So wie sie es sagte, war es beinahe ein Flüstern. Paddy bekam eine Gänsehaut. Er legte seine Arme um ihren Rücken herum, seinen Kopf auf ihre Schulter und ließ es einfach geschehen. Er versuchte jeden Augenblick zu genießen. In seinem Kopf tauchten Bilder auf, wie er seine Hände an ihren Kopf legte, die Augen schloss –
„Also, ich sag Papa mal, dass ich fertig bin, dann können wir ja essen. Ich hab vielleicht Hunger! Was macht eigentlich Joey die ganze Zeit?" Leo war vom Bett aufgesprungen und schon Richtung Tür unterwegs.
Paddy ließ sich zurück auf's Bett fallen und schloss die Augen. Warum bloß waren diese Momente immer so schnell vorbei?! Es kam ihm alles so unwirklich vor. So ungefähr musste es sein, wenn man verrückt wurde. Ach, es könnte alles so schön sein...
***
„Hat dir dein Job hier keinen Spaß mehr gemacht? Oder wie kommt ihr denn grade jetzt auf Australien?" Joey lehnte sich zurück gegen die Wand und stellte seinen Läufer zwei Felder nach vorne. Mark saß ihm gegenüber, zwischen ihnen ein mittelgroßes Schachbrett. Über den Flur drangen leise Gitarrenklänge zu ihnen ins Wohnzimmer, in dem ebenfalls schon Aufbruchstimmung herrschte. Joey versuchte genauer hinzuhören wer da gerade spielte, er kannte ja Paddys Art zu spielen. Aber er konnte es nicht auseinander halten. Zeitweise waren das auch zwei Instrumente gleichzeitig. Marc hatte ihm die türkische Gitarre gezeigt – Saz wurde die genannt – Joey war gleich fasziniert davon gewesen, so ein wunderschönes Instrument. Vielleicht brachte Leo seinem Bruder ja ein paar Saz-Griffe bei? Klar wäre Paddy davon begeistert, das konnte Joey sich schon vorstellen.
„Naja, der Job hier, ich hatte schon Spannendere... aber es war ok." Mark lachte kurz, schlug einen von Joeys Bauern und goss ihnen beiden Tee nach. Joey sah in diesem Moment dieses abenteuerlustige Blitzen in Mark's Augen, das er so gut von Leo kannte.
Kein Zweifel, die Ausstrahlung hatte sie von ihrem Vater. Auch wenn es nicht die gleiche Augenfarbe war. So ein klares, strahlendes Blau bekam man nicht so oft zu sehen. Kornblumenblau – kam es Joey in den Sinn. Nicht so hell wie seine eigenen Augen, aber auch nicht so dunkelblau wie Paddys. Mark hatte eine Art die Menschen in seinen Bann zu ziehen, bestimmt fiel es ihm leicht, immer wieder neu Fuß zu fassen an allen möglichen neuen Orten. Joey fragte sich insgeheim, ob es da keine neuen Frauen in Marks Leben gab, seit Leo's Mutter gestorben war? Er hatte ja durchaus seine Wirkung auf die Frauenwelt, das hatte er an Patricia gemerkt. Selbst er als Mann fand ihn gutaussehend. Die Augen, gerade Nase, Lachfältchen... und sein 3-Tage Bart unterstützte dieses Abenteurerbild nur noch. Das zusammen mit Marks unkomplizierter, ehrlicher Art, man konnte ihn sicher gut zum Freund haben...
„Weißt du Joey, wenn dein Kind auf einmal bewusstlos vor dir liegt, dann machst du dir so deine Gedanken. Mir ist so einiges klar geworden, in den Tagen im Krankenhaus. Wenn du nicht weißt, ob dein Kind dich wieder erkennen wird nach dem Aufwachen. Das war wirklich die schlimmste Zeit in meinem Leben, das kann ich dir sagen." Mark fand ehrliche Anteilnahme in Joeys Augen, als er weiter sprach.
„Mir ist klar geworden, dass man eben nicht ewig Zeit hat. Natürlich führen wir ein ungewöhnliches Leben, es ist ein Abenteuer und ich versuche jeden Tag zu genießen, aber es kann eben auch schnell vorbei sein. Das war mir nie so bewusst wie in diesen Tagen. Und Leo hat ihren Bruder – ich meinen Sohn – schon bald zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und ich weiß, dass sie ihn vermisst. Manchmal redet sie im Schlaf von ihm. Die Zeit vergeht so schnell, Joey. Ich weiß gar nicht, wo diese zwei Jahre geblieben sind..." Mark seufzte einmal und trank dann sein Teeglas in einem langen Zug aus.
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Hallo ihr Lieben,
ich weiß, das Kapitel ist etwas kurz geraten, dafür wird das nächste um so länger :) Ich hoffe ihr hattet ein paar schöne Momente beim Lesen (was haltet ihr von Joey und Mark? ;)) und wünsche euch eine Gute Nacht! Danke euch allen für euer Unterstützung hier - es ist schon etwas Besonderes für mich - diese Geschichte hier mit euch zu teilen und zu sehen, dass sie tatsächlich auch gelesen wird :))) Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich darüber freue :))
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Growing up oder: lost and found
RomanceSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
