38 Telefonbuch Part 2

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„Sag mal, hat dich das nicht gestört, dass dieser Typ dir die ganze Zeit zugezwinkert hat?" Paddy war froh, dass sie aus diesem Pfannkuchenhaus raus waren, auch wenn das Essen wirklich gut gewesen war. Sie hatten noch ein bisschen Zeit und schlenderten jetzt ziellos durch die Ulmer Altstadt.

„Was sollte mich daran stören – dieser Luca war doch total nett, oder etwa nicht?" Leo zuckte mit den Schultern und schaute Paddy verwundert an.

„Total nett... hast du ihm deshalb auch zugezwinkert?" Paddy kickte mit dem Schuh einen kleinen Stein über den Gehsteig.

„Paddy, was soll jetzt die Fragerei, ist dir dein Thunfisch nicht bekommen?" Leo gab ihm einen kleinen Stups in die Seite und lachte.

Paddy war nicht zum Lachen.

„Was hat der Thunfisch damit zu tun, ich darf ja wohl noch fragen!"

„Und ich darf ja wohl noch Augenzwinkern. Dir hat er doch auch zugezwinkert, Mister Paddy!" Leo verlor so langsam die Geduld. Warum musste sie sich hier rechtfertigen nur weil sie sich ganz normal mit einem netten Kellner unterhalten hatte. Was hatte Paddy bloß?!

Inzwischen waren beide mit zügigen Schritten unterwegs, die gemütliche Stimmung für einen Stadtbummel war dahin. Leo fand es ganz schön anstrengend mit Paddy Schritt zu halten und gleichzeitig noch ihr Fahrrad neben sich her zu schieben. Ohne lange darüber nachzudenken, stieg sie auf die Pedale und fuhr langsam los. Und weil es ebenso mühsam war im „Schritttempo" neben Paddy her zu tuckeln, trat sie locker in die Pedale und fuhr Paddy ein Stückchen davon. Der hatte ja so oder so grade eine etwas seltsame Laune... Und alles wegen ein paar Pfannkuchen ...

Jetzt hatten sie sich doch gerade erst wieder getroffen, wer wusste wie lange sie Zeit hatten, und das erste was passierte war – wie auch beim ersten Mal – eine mehr oder weniger ernste Streiterei, es war doch echt zum Lachen. Auf jeden Fall würde sie mit Paddy dorthin lieber nicht mehr gehen, zumindest nicht, solange Luca der Kellner war. Irgendetwas schien Paddy gegen Luca zu haben, auch wenn Leo das nicht im geringsten nachvollziehen konnte – ihr war Luca sympathisch gewesen. Ging sie eben das nächste Mal alleine, oder vielleicht mal mit Angelo oder Maite, falls sie noch eine Weile hier waren...

Auf einmal spürte Leo, wie etwas an ihrem T-Shirt zog. Sie blickte sich um und – zu ihrer Erleichterung – war es Paddy, der sie festhielt. Also hatte er sich doch wieder beruhigt.

„Hey, meinst du, du kannst mir einfach so davon fahren?" Paddy ließ das T-Shirt immer noch nicht los. Leo konnte ein kleines Grinsen nicht unterdrücken und trat etwas stärker in die Pedale.

„Meinst du nicht?" Aber sie hatte ihren Widerstand schon aufgegeben, sie war ja froh, dass Paddy wieder besserer Stimmung war. Da konnten sie ja doch noch eine lustige Runde durch die Stadt drehen.

„Auf komm, steig auf, ich hab grad so schön Schwung, da vorne geht's bergab!" Leo zeigte auf die abfallende Strasse vor ihnen.

Paddy fragte sich nur einen kurzen Moment, ob Leo mit ihm auf dem Gepäckträger überhaupt fahren konnte, aber zur Not könnte er ja jederzeit abspringen...

„Ähm, Leo, das ist aber ganz schön wacklig! Bist du sicher, dass du da runter fahren willst?!" Paddy saß auf dem unbequemen Metallgestell und hielt sich am Sattel fest. Wie konnte sie so fahren?!

„Ja, ich bin sicher. Das geht schon." Leo schien sich an dem Gewackel nicht sonderlich zu stören...

„Aber brems auch mal, ja?" Paddy musste mittlerweile auch lachen, so komisch kam ihm das Ganze vor.

„Gebremst wird nicht, haha – kleiner Spaß," Leo lachte laut und auf einmal ging es los. Sie bremste natürlich doch, aber nur ein bisschen. Der Wind wehte ihnen um die Nase, Paddy schloss kurz die Augen und dachte an das letzte Mal als er so hinter Leo gesessen hatte, auf Chocolate im Gewitter. Auch da hatte ihnen der Wind entgegen gepfiffen. Nur heute regnete es nicht...

Auf einmal hörte er Leos Stimme vor sich, sie summte erst leise und fing plötzlich an laut zu singen. Schlagartig öffnete er die Augen.

Dancing in the wind – hmhmhm hmhm – let's just fly like it's the last time

you never know – maybe it's just today – hmhmhm hmm – dancing in the wind!"

Da hielten sie auf einmal an. Paddy war total perplex. Was hatte sie da gesungen? Diese Melodie und diese Worte trafen ihn irgendwo tief drinnen. Es fühlte sich an, als hätte Leo das Gefühl, das ER gerade auf diesem wackligen Gepäckträger während dieser schnellen Fahrt abwärts gehabt hatte, in Worte und Melodie gefasst. So etwas war ihm ja noch nie passiert. Irgendwie war das unglaublich. Beinahe gruselig.

Und jetzt stand sie da und war ganz still.

„Was ist denn los?" Paddy lehnte sich verwundert zur Seite um Leo besser sehen zu können.

„Paddy, weißt du noch wo wir sind?" Leo drehte sich zu ihm um und schaute dann angestrengt auf das nächste Straßenschild.

Ach du Scheiße. Paddy schaute sich ebenfalls um, aber alles kam ihm unbekannt vor. Das Münster war auch nirgends zu sehen, wie auch, immerhin waren sie grade ein ordentliches Stück bergab gefahren... Überall nur hohe Häuser und hier und da eine Baustelle...

„Ähm Paddy, wie spät ist es eigentlich?" Leo traute sich kaum, ihm in die Augen zu schauen.

Paddy warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Entgeistert schaute er Leo an.

„Halb 3 !?! Ich müsste eigentlich schon zurück sein... Shit! Ich dachte DU kennst dich hier aus?!"

„Wie denn? Ich bin doch erst eine Woche hier! Ich kenn mich hier genau so wenig aus wie du!" Leo schüttelte den Kopf.

„Oh Mann! Leo! Wir treten in einer halben Stunde auf und haben keine Ahnung wo wir sind!! Die machen sich bestimmt alle schon Sorgen!! Das ist – eine Katastrophe!" Paddy fiel es schwer ruhig zu bleiben.

„Wie kannst du einfach so in der Gegend rum fahren ohne zu wissen wo wir sind?!! Ich glaub's einfach nicht!" Paddy warf Leo einen wütenden Blick zu. Leontina hob den Kopf und funkelte ihn trotzig an.

„Also jetzt mal langsam. DU bist doch so davon geeilt, nachdem du mich wegen diesem Luca löchern musstest. Woher soll ICH wissen, dass du keine Orientierung hast?"

Ach ja richtig. Den gab's ja auch noch. Luca. Aber für den hatte er jetzt wirklich keine Zeit. Wie kam er bloß zurück zum Marktplatz? Und zwar schnell!

Da schob Leo das Rad plötzlich wieder weiter.

„Da vorne ist 'ne Telefonzelle. Du musst anrufen und sagen dass wir gleich kommen. Hoffentlich ist das Telefonbuch noch da, da ist meist ein Stadtplan drin." Sie schaute Paddy aufmunternd an.

„Du kommst schon noch rechtzeitig..." Leo bemühte sich, selbst daran zu glauben.

Paddy nahm den Hörer in die Hand, warf ein paar Zehnerle in den Münzschlitz und wählte die Handynummer. Hoffentlich nahm auch jemand ab. Hoffentlich rissen sie ihm nicht durch den Hörer den Kopf ab...

„Ja?" Jimmy. Er klang ziemlich gereizt.

„Jimmy, hier ist Paddy." Mehr konnte er nicht sagen.

„PADDY! VERDAMMT WO STECKST DU?! Wir machen uns alle Sorgen! Was ist los?!"

„Ähm -" Paddy schaute unsicher zu Leo, die das dicke Telefonbuch offen auf der silbernen Ablage vor sich hatte. Sie schaute ihn an und zeigte dann ihren Daumen hoch.

„ - wir sind gleich da. Wollte nur kurz Bescheid geben. Bis gleich!" Und damit hängte er schnell den Hörer ein bevor Jimmy nochmal los legen konnte.

RATSCHHHHH machte es da. Hatte Leo jetzt ernsthaft die Seite mit dem Stadtplan aus dem Telefonbuch gerissen?!

„Leo! Du kannst doch nicht -" Paddy schaute sie ungläubig an.

„Die machen doch sowieso nächstes Jahr ein Neues hier rein. Außerdem haben wir keine Zeit uns zweimal zu verlaufen! Los komm, worauf wartest du?" Leo war schon draußen und streckte ihm ihr Fahrrad hin.

Dass er heute so viel Fahrrad fahren würde hätte er sich am Morgen nicht im Traum vorgestellt ...

***

Growing up oder: lost and foundWo Geschichten leben. Entdecke jetzt