40 Krise

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„WAS?!! Das kann jetzt nicht sein Ernst sein!" Patricia schaute Barby fassungslos an. Gerade war sie mit Kathy zurück gekommen und dann gleich diese Hiobsbotschaft.

„Paddy hat 'ne Krise..." summte Angelo da vor sich hin.

„ANGELO! Halt die Klappe!" Maite rüttelte ihren jüngsten Bruder an der Schulter.

„Na toll. Und was dann? Ohne ihn auftreten?" Joey schaute skeptisch in die Runde.

„Warum kann er denn nicht auftreten?" Angelo wunderte sich einmal mehr über das Verhalten seines älteren Bruders. Paddy machte es aber auch manchmal kompliziert...

„Irgendwas wegen Leo. Am besten fragst du ihn selbst." Barby zuckte mit den Schultern.

Angelo war schon aufgesprungen als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. „Bleib hier Angelo, ich rede mit ihm." Kathy schaute sorgenvoll zum Bus.

Als sie einige Zeit später mit nachdenklichem Gesichtsausdruck wieder heraus kam, sahen ihre Geschwister sofort, dass sie wenig Erfolg gehabt hatte.

„Ist nichts zu machen. Er ist selbst fix und fertig deswegen." Kathy schüttelte den Kopf.

„Oh Mann!" Jimmy ließ seinen Kopf auf seine Knie fallen , genau wie Paddy zuvor im Bus.

„Vielleicht kann Leo mit ihm reden?" Angelo konnte nicht so ganz verstehen, was sein Bruder da eigentlich für ein Problem hatte.

„Das wäre vielleicht sogar 'ne Möglichkeit, aber sie ist nicht hier und wer weiß, wann sie auftaucht..." Kathy schaute mit ernstem Gesicht in die Runde.

„Also Leute, dann eben einmal ohne Paddy."

„Oder er überwindet sich doch noch? Ist ja noch etwas Zeit..." Maites Optimismus war doch wirklich bewundernswert.

„Wer weiß..." Barby lächelte ihr zu.

***

Leontina saß schon wieder auf ihrem Fahrrad und trat in die Pedale, wieder zurück zum Marktplatz. Es war bereits viertel nach acht, also hatte das Konzert ihrer Freunde höchstwahrscheinlich schon angefangen. Ob heute Abend genau so viele Leute da waren wie heute Mittag? Oder sogar noch mehr? Komisch, dass Paddy ihr das nie so richtig erzählt hatte, aber vielleicht spielten sie ja tatsächlich nicht immer vor so vielen Leuten? Naja, egal wie viele Menschen dort auftauchten, die Hauptsache war ja, sie hatten ihren Spaß auf der Bühne. Sie war jetzt doch sehr gespannt auf den Auftritt – die ganze Familie Kelly auf der Bühne. Was da wohl jeder so machte? Ob alle sangen? Und vor allem: welche Lieder würden sie spielen? Auch selbst komponierte? Leontina merkte, wie sie vor lauter Neugier immer schneller fuhr. Wenn sie so weiter machte, hätte sie sich das Duschen beinahe sparen können, da würde sie total verschwitzt dort ankommen. Also doch wieder etwas gemütlicher. Sowieso ging es grade bergauf, da konnte sie dieses Tempo eh nicht mehr durchhalten.

Sie stieg ab und schob ihr Fahrrad ein Stück. Ihr grünes Trägerkleid flatterte leicht um sie herum mit jedem Windhauch der an ihr vorüberzog, aber es war nicht kalt, im Gegenteil, die Wärme würde sich heute Nacht wohl noch eine ganze Weile halten. Nicht ganz ladylike hatte Leontina unter ihr knielanges Kleid noch eine halblange Leggins in einem helleren grün gezogen, sonst hätte sie nicht richtig Fahrrad fahren können. Die Mädels aus ihrer neuen Klasse hätten sich so sicher nicht blicken lassen, aber für Leo musste es eben praktisch sein. Und ohne Fahrrad würde sie ja noch viel später beim Konzert ankommen.

Dass sie dieses Kleid anhatte war überhaupt erst die Idee ihres Vaters gewesen, immerhin war es ein Geschenk von Salva und Martina zu ihrem 14. Geburtstag und sie hatte es seit Spanien nicht mehr angehabt. Für ihren Alltag mit Chocolate und Fahrrad erschien es ihr einfach zu unpraktisch. Irgendwie hatte ihr Vater sie überzeugt mit seiner Feststellung, dass sie es wohl nie wieder tragen würde wenn nicht mal heute zu einem Konzert. Und das Kleid erinnerte sie an Salva und Martina und an Spanien. Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich darin sogar richtig wohl.

***

Paddy saß im Bus wie auf Kohlen. Er fühlte sich alles andere als gut. Von draußen konnte er die Musik und den Gesang hören – seit zehn Minuten waren seine Geschwister jetzt auf der Bühne und gaben ihr Bestes. Ohne ihn. Er kam sich vor wie ein Verräter. Und Leo war noch nicht einmal aufgetaucht, zumindest hatte er sie noch nicht gesehen.

Warum machte er sich eigentlich so verrückt? Wollte er Leo einen Paddy vorspielen, den es so in Wahrheit gar nicht gab? Einen Paddy mit einem stinknormalen Leben? Wollte er sie anlügen?

Wenn er es so betrachtete, fühlte er sich gleich noch viel schlechter. Eigentlich war doch alles was er wollte, dass Leo ihn so sah, wie er wirklich war. Und bisher hatte er das Gefühl gehabt, das könnte mit dem ganzen Rummel der sonst um sie herum statt fand nicht funktionieren. Dass sie ihn nicht mehr sehen würde, den Paddy ohne Bühne.

Aber jetzt, genau in diesem Moment wurde ihm klar, dass die Wahrheit eben ganz anders aussah. Es gab keinen Paddy ohne Bühne. Und schon gar keinen Paddy ohne Musik. Das war sein Leben. Zusammen mit seinen Brüdern und Schwestern. Es war ein Teil von ihm. Schon immer gewesen. Also hatte es auch keinen Sinn diesen Teil vor Leo zu verheimlichen. Nur wie sie darauf reagieren würde, das war die große Frage. Andererseits würde sie sich vielleicht viel mehr wundern wenn er nicht dabei war? Wie sollte er ihr das dann erklären?

Sitting all alone with the music coming in from outside

eyes closed, heartbeat open and wide

never felt like this before

not sure who i am, staring at the door.

Will you see

the broken truth inside of me

just stay here by my side

don't know anymore

is it the right way to hide

taking the next step, feeling the floor

i feel my heart flying already outside

In diesem Moment stand erneut Barby vor ihm. Und sie hätte nichts zu sagen brauchen, mit seinem Herz war Paddy längst schon zurück auf der Bühne.

„Leo ist nicht hier, Paddy, du könntest also ruhig zu uns kommen..." Sie streckte ihm ihre Hand hin.

„Selbst wenn sie hier wäre." Paddy nahm Barbys Hand, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ließ sich von ihr zurück in Richtung Bühne führen.

***

Growing up oder: lost and foundWo Geschichten leben. Entdecke jetzt