2 Warten

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Im Musikzimmer war es nun tatsächlich still geworden. Patricia hatte auf einmal ein Buch in der Hand und schien schon völlig darin versunken zu sein. Wo sie nur immer diese ganzen Bücher herzauberte, egal wo man mit ihr war, sie hatte bei jeder Gelegenheit - ruck zuck - eines in der Hand. Paddy schüttelte schmunzelnd den Kopf über seine lese - verrückte Schwester.
Er hätte jetzt keine Ruhe sich so in ein Buch zu vertiefen. Obwohl, eigentlich hatte sie ja Recht, sich damit die Zeit zu vertreiben, "ein bis zwei Stunden" hatte der Arzt gesagt, könnte es dauern bis sie aufwachen würde.
Diese Zeitspanne erschien Paddy nun wie eine Ewigkeit. Dabei war er so gespannt, wer und wie ihr Gast wohl war! Leider war Geduld nicht gerade eine seiner Stärken... "Dann fängst du nun eben an, dich darin zu üben," Johnnys Worte klangen in seinem Kopf nach, oft genug hatte sein älterer Bruder das zu ihm gesagt, vermutlich hatte er es tatsächlich nötig.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Patricia gerade aufstand, "Ich hol noch was zu trinken, willst du auch was?" "Ähm - ja, ne Cola, danke," und schon war sie zur Tür hinaus.

Paddy betrachtete ihren sonderbaren Gast und fragte sich, wie wohl ihr Name war. Doch je länger er das Mädchen anschaute, desto dringender hätte er gewußt, was sie wohl für Augen hatte. Ihr Gesicht sah so friedlich aus, von der Sonne gebräunt, die Haare irgendwie wild, über die Schultern lang und genauso 'bunt' wie ihr Pferd. "Pinto", kam es ihm in den Sinn, so wurden diese 'bunten' Pferde genannt... irgendwer hatte ihm das mal erklärt.
Die Haare des Mädchens waren eigentlich dunkelbraun, schimmerten aber im Licht hier und da auch rötlich und einige, von der Sonne ausgebleichte Strähnen waren sogar fast blond.
Zu gerne hätte er ihre Augen gesehen. Paddy streckte seine Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht - wie weich ihre Haut war, er konnte nicht anders, er musste einfach mit dem Finger einmal über ihre Wange streichen. Nur ganz leicht. Ein paar kleine Sommersprossenpünktchen konnte er auch entdecken...

Und da blieb ihm beinahe das Herz stehen, denn auf einmal schlug sie die Augen auf. Schnell zog er seine Hand zurück. Sie schaute ihn direkt an.
Der Schreck musste ihm ins Gesicht geschrieben stehen, aber irgendwie brachte er ein leise gemurmeltes "Hallo" zustande.
Und wie um ihn von seinem Schreck zu erlösen, klappten ihre Augen auch schon wieder zu und ihr Kopf fiel leicht zur Seite.

Paddy musste erstmal tief Luft holen, da hatte sie ihm nun aber wirklich einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Und hatte es wahrscheinlich nicht einmal mitbekommen. Zum Glück für ihn, dachte er bei sich.
Aber diese Augen. Nun hatte sie ihn direkt angeschaut, und er wusste trotzdem nicht, welche Farbe sie hatten. Ja was waren das für Augen, er konnte keinen Namen für diese Farbe finden. Wie der Ozean an einem sonnigen Tag, fast türkies, aber doch heller, oder dunkler? Nicht grün, nicht blau... "Augen wie das Meer..." dachte Paddy ganz fasziniert und konnte es nun noch viel weniger abwarten, wann sie wohl endlich aufwachen würde.

Er fing an vor sich hinzusummen, "eyes like the ocean, eyes like the sea....hmmhmmhmmhmm..." Da hörte er die Türe hinter sich quietschen. Ach ja, Patricia wollte ja was zu trinken bringen. Wofür hatte sie da nun eigentlich so lange gebraucht?
Doch es war gar nicht seine Schwester, die herein kam, sondern Jimmy. Das fehlte noch, hatte er ihn etwa gehört? Da konnte er sich gleich auf einen blöden Spruch gefasst machen.
Aber Jimmy hielt sich entweder ausnahmsweise mal zurück, oder er hatte tatsächlich nichts mitbekommen.
Stattdessen: "Komm, ich lös dich ein bisschen ab, Paddy."
"Wo ist Patricia?"
"Die ist mit Joey in der Küche in irgendeine Diskussion geraten, wie immer." Jimmy schaute seinen jüngeren Bruder, der keine Anstalten machte aufzustehen, nachdenklich an und fügte dann hinzu: "Also komm schon, geh wenigstens was essen und trinken, wir haben dir was übrig gelassen!"
"Also gut, aber ich komme wieder," im Spaß hob Paddy drohend den Zeigefinger, worauf Jimmy ihn mit brüderlicher Zärtlichkeit am Ohr zog. "Aah, verdammt, Jimmy!"
"Jetzt sei leise und hau endlich ab, sonst weckst du sie noch auf!" Und damit machte Jimmy es sich auf dem Stuhl vorm Sofa bequem.

Was hatte Paddy nur, dass er so dringend hier sitzen und warten wollte?! Naja, eigentlich war es ja klar - er selbst wurde schließlich schon die ganze Zeit von Neugierde geplagt, was auch der Grund war, warum er nun doch auch mal ins Zimmer schauen musste.
Wen hatten seine Brüder da nur aufgegabelt? Hoffentlich würde sie bald aufwachen, dann wüssten sie alle mehr.
Er zog den Stuhl näher ans Sofa heran und schaute den schlafenden Gast genauer an. Ob sie Spanierin war? Auf jeden Fall war sie vom Typ her viel dunkler als sie alle zusammen. Obwohl, so sicher konnte man ihre Herkunft nicht festmachen, dachte Jimmy bei sich, als ihm die von der Sonne so ausgebleichten Haarsträhnen auffielen. Außerdem konnte er ja ihre Augen nicht sehen. Ob sie auch so dunkel waren?
Jimmy lehnte sich zurück und verschränkte die Beine. Paddy kam ihm wieder in den Sinn. Seit einiger Zeit machte er sich schon Sorgen um seinen jüngeren Bruder. Er war manchmal so still und dann doch wieder so rastlos, als wüsste er nicht wohin mit sich.

Seit sie auf einmal so bekannt geworden waren und immer mehr Menschen zu ihren Konzerten kamen, zog sich Paddy immer mehr zurück. Irgendwie traute er anderen, fremden jungen Menschen nicht mehr über den Weg, so kam es Jimmy vor. Mittlerweile war es ja auch beinahe unmöglich, sich spontan mit jemandem zu unterhalten, der sie nicht kannte. Wohin sie kamen, meist wurden sie sofort erkannt (was auch kein Kunststück war, wenn man bedachte, mit welch auffälligem Gefährt sie unterwegs waren). Autogramme , Autogramme, Autogramme.... So langsam aber sicher wurde das doch alles etwas viel. Und nicht nur Paddy fühlte sich damit unwohl, sie steckten da alle gemeinsam mit drin. Deshalb waren sie ja nun auch erstmal hier, in der totalen Pampa...
Aber Paddy stand ja irgendwie doch noch mehr im Mittelpunkt als sie alle. Es war eben auch wirklich schwer, sich seinem Charme auf der Bühne zu entziehen.
Sein kleiner Bruder war einfach für die Bühne geboren, stellte Jimmy einmal mehr fest, und er wusste nicht, ob er darüber wirklich glücklich sein sollte.
Er konnte Paddy ja wirklich verstehen, ihm selbst ging es ja ähnlich, aber immerhin hatte er seine Jugend schon halbwegs "normal" (ok, bei ihnen war eigentlich nichts normal, aber trotzdem) hinter sich gebracht, ohne dieses ganze öffentliche Interesse, das auf einmal um sie herum entstanden war...
Trotzdem sehnte er sich danach, andere junge Menschen ganz normal kennen zu lernen, gemütlich irgendwohin zu gehen, zum Strand zum Beispiel, den halben Tag dort rumzuhängen, sich zu unterhalten und Quatsch zu machen. Jetzt konnten sie zwar an den Strand gehen, aber außer ihnen war niemand dort, nicht zu dieser Zeit und in dieser verlassenen Gegend schon gar nicht. Ein kleiner Seufzer entfuhr ihm.

Die Tür knackte und Paddy kam leise zurück ins Zimmer, in der Hand hielt er noch ein Brötchen und kaute vor sich hin.
"Na, schmeckt's?" fragte Jimmy im Flüsterton.
"Hmmgn" bekam er nur als Antwort. Mehr kann man auch nicht von sich geben, mit einem halben Brötchen im Mund...
"Na, setz dich schon hin kleiner Bruder," Jimmy stand auf und bot Paddy seinen Platz an.
"Euch zwei kann man auch echt nicht allein loslassen - " er meinte Paddy und Joey, " -schon kommt ihr mit 'nem bewusstlosen Mädel und diesem verrückten Gaul nach Hause."
"hmm", machte Paddy schon wieder, "Hoffentlich wacht sie bald auf, ich bin so gespannt wer sie ist und was sie hier wollte..."
"Ja, das sind wir wohl alle," entgegnete Jimmy, klopfte seinem Bruder auf die Schulter und machte sich auf den Weg nach draußen.
Höchste Zeit, mal nach Angelo zu sehen, den konnte man nämlich auch eher nicht zu lange alleine lassen. Vor allem da er seit Neuestem ein großes Interesse an Pferden hatte.

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Growing up oder: lost and foundWo Geschichten leben. Entdecke jetzt