Paddy rannte den schmalen Flur der Sean o' Kelly entlang, auf dem Weg zur Wohnküche, dem größten Raum auf dem Schiff. Er öffnete die schmale Tür und war erleichtert zu sehen, dass außer ihm gar niemand hier war. Er riss beinahe einen Stuhl um, so eilig hatte er es zum Telefon zu kommen. 0731-158044 – schnell drehte er die Wählscheibe des Telefons. Leo's Nummer kannte er inzwischen schon auswendig, auch wenn er seine Versuche, sie zu erreichen an beiden Händen abzählen konnte. Und leider war bis jetzt ja auch nur ein einziger Anruf erfolgreich gewesen. Die anderen Male hatte es einfach nur unendlich lange getutet, ohne dass jemand abgenommen hätte... Auf der anderen Seite wollte er auch nicht, dass es so aussah als telefoniere er Leo hinterher. Sie konnte sich ja auch mal melden...
So kam es, dass Paddy und Leo sich nur einmal am Telefon getroffen hatten, denn Paddy war ja mindestens so schwer zu erreichen wir Leontina, selbst wenn sie es ständig versucht hätte...
'Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut – Paddy lauschte konzentriert den Tönen im Hörer und klopfte mit den Fingern der anderen Hand auf dem kleinen Holztischchen herum. Hoffentlich war sie überhaupt zu Hause. Wer wusste wo sie steckte, waren nicht gerade Ferien? Also konnte sie zumindest nicht in der Schule sein. Was würde er ihr überhaupt sagen? Eigentlich hätte er sie am liebsten einfach zu sich eingeladen, sie hatten ja jetzt ein paar Tage Pause. Zumindest theoretisch...
***
Leontina rannte beinahe den ganzen Weg von der Bushaltestelle zurück nach Hause. Erst als sie so furchtbares Seitenstechen hatte, dass sie dachte, keinen einzigen Atemzug mehr tun zu können, ging sie etwas langsamer. An der Tür angekommen, läutete sie an allen 8 Klingelknöpfen Sturm, während sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel suchte. Irgendjemand machte doch meistens auf, ihr Vater war wohl kaum schon zu Hause. Tatsächlich, der Türsummer ertönte und Leo stürmte ins Treppenhaus. Dritter Stock. Sie rannte die alte Holztreppe nach oben, immer zwei Stufen auf einmal, dass es nur so polterte. Hinter ihr wurde eine Tür geöffnet und die ältere Frau aus der ersten Etage rief ihr ein „Nanana!" hinterher.
„'Tschuldigung!" Leo hoffte ihre Mitbewohnerin würde sich nicht zu sehr aufregen und steckte endlich den Schlüssel ins Türschloss.
Noch vor der Türe konnte sie hören, dass innen das Telefon läutete.
Ihre Tasche landete achtlos im Flur und sie eilte ins Wohnzimmer. Naja, manche Leute hätten es wohl nicht unbedingt so bezeichnet, es sah nämlich eher aus wie ein Nomadenzelt von innen. Es gab kein Sofa oder Sessel, auch eine Schrankwand oder einen Fernseher suchte man vergebens. Vom typischen Esstisch ganz zu schweigen. Statt dessen war es unglaublich bunt. Auf dem älteren Holzboden lagen mehrere große Nomadenteppiche - Leo's Vater konnte zu jedem Teppich eine Geschichte erzählen – und darauf verteilt waren größere und kleinere Kissen in allen erdenklichen Farben. In einer Ecke stand eine Art Holzrahmen über den ein stabiles Tuch gespannt war und wieder viele Kissen. Leo's Lieblingsplatz. Daran angelehnt Leo's Gitarre. Und dann zwei kleinere Tischchen, einer davon sah eindeutig orientalisch aus, aber auf beiden fand sich ein unordentlicher Stapel Bücher. Auf dem orientalischen oben auf sogar noch eine Teetasse... Zwei große Tücher, eines in Grüntönen, das andere ziemlich bunt, hingen an den Wänden.
Aber das Seltsamste in diesem Raum befand sich genau in der Mitte: ein quadratisches, größeres Holzbrett, das an allen vier Ecken auf einem niedrigen Stapel Bücher auflag. Wenn man hier bequem sitzen wollte, musste man das wohl oder übel auf dem Boden, bzw. auf dem dicken Teppich tun.
Das Telefon läutete immer noch als Leontina ins 'Wohnzimmer' gestürmt kam. Sie flog beinahe über einen kleinen Hocker und riss den Hörer von der Gabel.
„Ja?" Sie spürte ihr Herz in ihrer Brust hämmern, so außer Atem war sie.
„Tuuuuuuuuuuuut" Ein klein wenig enttäuscht ließ sie den Hörer sinken. Sie hätte schon gerne gewusst wer das gewesen war. Naja, egal, keine Zeit lange darüber nachzudenken, schließlich musste SIE dringend jemanden anrufen.
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Langsam hängte Paddy den Hörer zurück auf die Telefongabel. Warum war sie denn auch nie zu Hause wenn er versuchte sie zu erreichen?! Diese ganze Sache gestaltete sich wirklich viel schwieriger als er es je gedacht hätte. Leo war doch hoffentlich noch in Ulm?! Aber sie hätte ihm doch wohl sonst Bescheid gesagt, oder ihm zumindest eine neue Nummer gegeben? Aber was, wenn sie ihn auch nicht erreichen konnte? Verdammt, es war wirklich viel zu kompliziert....
Gerade als er aufstehen wollte, gab das Gerät ein schrilles Geräusch von sich. Paddy zuckte ganz schön zusammen, so war er in Gedanken gewesen. Jetzt läutete das Ding doch tatsächlich mal. Schnell hob Paddy den Hörer ab und hielt ihn sich ans Ohr.
„Ja?" Er war ja so was von neugierig wer das jetzt sein konnte.
„Wer ist da?" Sein Herz setzte einen Moment aus, als er realisierte, dass das da am Telefon tatsächlich Leo war.
„Ich bin's." Paddy konnte sein Glück gerade gar nicht fassen. Da hatten sie also tatsächlich zum genau gleichen Zeitpunkt aneinander gedacht.
„Paddy?" Leo's Stimme klang irgendwie ganz aufgeregt. War etwas passiert?
„Ja, klar. Ist alles in Ordnung, Leo?" Er machte sich doch tatsächlich schon etwas Sorgen.
„Oh gut, dass du gleich dran bist. Ob alles in Ordnung ist? Also bei mir schon..." So langsam hörte sie sich etwas ruhiger an, aber er konnte immer noch hören, wie sie zwischendurch tief Luft holte.
„Leo, wieso atmest du denn so komisch?" Paddy versuchte mit dem Telefon in der Hand ein Glas Wasser zu erreichen, aber das Kabel war nicht lang genug..."
„Ach, ich hab nur Seitenstechen..." Sie holte nochmal tief Luft.
„Wieso? Bist du gerannt?" Warum rannte sie denn bevor sie telefonieren wollte?
„Ist jetzt auch egal. Paddy, ich hab dich gesehen. Also euch alle. Aber hauptsächlich dich. IHR SEID IN DER BRAVO!! Und du bist auf dem TITEL!! Seid ihr verrückt geworden?" Leo's Stimme hörte sich ganz schön seltsam an. So, als könnte sie selbst nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte.
„Ja, meinst du ich weiß das nicht?" Sie hatte wohl wirklich keine Vorstellung wie das alles so ablief...
„Ja aber wieso seid IHR in der BRAVO?? Und noch was: eine aus meiner Klasse hat DICH über ihrem Bett hängen. Zusammen mit ANGELO!! Was sagst du jetzt?"
Jetzt musste Paddy erst mal schmunzeln. Leo war ja total aus dem Häuschen. Dabei fand er diesen Teil der Geschichte ja mindestens so befremdlich wie sie. Hingen sie jetzt wirklich in den Zimmern von irgendwelchen Fans? OK, von dem Poster in der Bravo wusste er natürlich, aber dass sich das wirklich jemand auf hängte?! Ganz schön komisch... Am besten, er wechselte erst mal das Thema...
„Weißt du, dass ich dich auch grade angerufen habe?" Paddy fuhr mit seinem Daumen die Linien auf dem alten Holztisch entlang.
„Echt? Du warst das? Ist ja lustig. Aber Paddy, das mit dem Poster, jetzt erklär' mir doch mal - " wollte sie damit jetzt nicht endlich Ruhe geben, er konnte sich sicher Schöneres vorstellen, als mit ihr über die Bravo zu reden...
„Leo, hör mal, willst du uns nicht besuchen kommen, wir sind jetzt ein paar Tage hier? Wir könnten dich auch irgendwo abholen..."
„Euch besuchen? Also ich würde gleich kommen, aber ich muss ja erst Papa fragen. Und jemand muss Chocolate versorgen..." Sie hörte sie sich schon wieder ganz aufgeregt an.
„Paddy?" Diese leise Erwartung in ihrer Stimme. Gerade wurde ihm bewusst, wie sehr er sie doch vermisste. Auch wenn er im Trubel des Alltags nicht so viel Gelegenheit hatte, das zu oft zu bemerken.
„Ja?"
„Ich muss los. Ich muss zum Hof. Ich ruf euch heut' Abend an. Dass du auch ran gehst..." Huch, so schnell schon wieder weg?
„Natürlich geh ich ran!" Da würde er wohl den Abend vorm Telefon verbringen. Vielleicht würde er dieses Buch doch noch fertig lesen...
„Gut. Also bis dann, grüß die andren! Tschühüss." Leo klang als hätte sie es ziemlich eilig.
„Ja. Bis später..." Und schon war sie weg. 'Tuuuuut' kam aus dem Hörer. Da hatte sie wohl doch das ein oder andre Mal versucht ihn zu erreichen, nach ihrem 'dass du auch ran gehst' zu urteilen. Irgendwie freute Paddy sich über diese Erkenntnis....
Würden sie sich wirklich bald wieder sehen? Nach den Erfahrungen der letzten Wochen wäre das ja beinahe zu schön, um wahr zu sein...
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Growing up oder: lost and found
RomanceSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
