35 the killer

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Leontina schob ihr Fahrrad langsam durch die doch schon recht belebte Fußgängerzone, an Fahren war hier nicht mehr zu denken, auch wenn sie gerne schneller voran gekommen wäre – es waren einfach schon zu viele Menschen unterwegs. Ende der Woche, Freitag – Mittagspausenzeit – klar tummelten sich da die Leute in der Innenstadt. Leontina kam gerade von der Schule, Gott sei Dank war jetzt Wochenende und sie direkt auf dem Weg zu Chocolate. Endlich! Die letzten Tage hatte sie kaum Zeit für sie gehabt und war immer erst abends oder ganz kurz morgens bei ihr gewesen. Ihre erste Woche an der neuen Schule war an sich ganz ok gewesen, die meisten Lehrer waren nett und ihre neuen Mitschüler eigentlich auch. Na gut, was konnte man nach einer Woche schon sagen – die Mädels waren vielleicht etwas zu schick für ihren Geschmack und die Jungs natürlich an Coolness nicht zu übertreffen, aber im Endeffekt interessierte sie das alles herzlich wenig. Wer wusste, wie lange sie überhaupt hier sein würde... Und der Unterricht an sich zählte, wie wohl bei den meisten Jugendlichen, nicht gerade zu ihrem bevorzugten Interessengebiet...

Gerade schob sie ihr Fahrrad an dieser beeindruckenden, unglaublich hohen und verschnörkelten alten Kirche vorbei – das Wahrzeichen dieser Stadt, und eigentlich Münster genannt und nicht Kirche, wie man ihr schon beinahe gekränkt erklärt hatte. Für sie war es nichts desto trotz eine Kirche, Wahrzeichen hin oder her. Eine mit ziemlich vielen Touristen, die überall Fotos machten und ihre Köpfe in irgendwelche Stadtführer steckten. Bisher hatte sie noch keine Zeit gefunden dieses Denkmal von innen zu betrachten, aber das stand auf jeden Fall auch noch auf ihrer Liste, bevor sie diesen Ort wieder verlassen würden.

Gerade schaute sie auf die Zeitanzeige über einem Juweliergeschäft – 12.17Uhr – und wunderte sich wo sie heute etwas zu Mittag essen könnte, als sie aus einer kleinen Seitenstraße heraus auf dem großen Marktplatz ankam. Und es war nur gut, dass sie ihr Fahrrad neben sich herschob und nicht auf dem Sattel saß – sie wäre hundert prozentig entweder direkt am nächsten Laternenmasten gelandet oder hätte doch zumindest den nächstbesten Passanten über den Haufen gefahren. So blieb sie nur wie angewurzelt stehen und wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen, was sie denken, geschweige denn tun sollte.

Das erste was ihr ins Auge sprang, war der riesige rote Bus der Familie Kelly. Mit Kelly Family Aufkleber. Kein Zweifel also. Keine Verwechslung möglich. Wieso standen sie hier mitten auf dem Marktplatz mit diesem überdimensionalen Bus?? Und das war noch lange nicht alles. Etwas entfernt davon war eine doch recht große Bühne aufgebaut, aber nicht einfach nur so eine Bühne, nein, im Hintergrund hing ein Transparent, auf dem Leo „The Kelly Family" ziemlich eindeutig lesen konnte. Also war das etwa ihre Bühne?? Schlagartig erinnerte sich Leontina an Paddys Erklärungen - „kleinere Auftritte auf Festen und so..." Sie hatte dabei irgendwie an Auftritte bei Hochzeiten oder ähnlichem gedacht, doch nicht an den Ulmer Marktplatz!

Aber das war immer noch nicht alles. Vor der Bühne standen schon einige Leute – manche Touristen machten sogar hier Fotos – und AUF der Bühne waren auch Leute. Leute mit langen Haaren und Instrumenten. Leontina konnte nur noch den Kopf schütteln. Damit löste sie sich auch aus ihrer Schockstarre und schob ihr Fahrrad langsam in Richtung Bühne. Jetzt konnte sie auch ein kleines Plakat am Rand der Bühne sehen – Konzerte 15&20 Uhr. KONZERTE. Paddy Paddy, soviel also zu den 'kleinen Auftritten'. Warum hatte er ihr nicht die Wahrheit gesagt? War doch nichts dabei mit seiner Familie auf größeren Plätzen zu spielen... Ob es ihm peinlich war? Ob er nicht wollte, dass sie ihn spielen sah?

In einiger Entfernung von der Bühne blieb Leontina wieder stehen, sie konnte jetzt alles genau sehen. Und hören. Zwar nicht sonderlich laut, aber gerade laut genug. Joey stand mit seiner Gitarre neben dem Schlagzeug, spielte aber nicht sondern drehte irgendwelche Knöpfe und Kabel... Angelo saß am Schlagzeug und trommelte ziemlich entspannt mal hier und da und machte ein ziemlich gelangweiltes Gesicht. Leo musste grinsen. Hier und da konnte sie Jimmy oder Johnny zwischen oder hinter den Instrumenten hin und her steigen sehen. Mit Kabeln oder anderen Dingen, die sie nicht genau erkennen konnte, in den Händen. Hinter den Keyboards stand Paddy, mit Käppi auf dem Kopf und Gitarre in der Hand – warum stand er denn hinter den Keyboards wenn er doch Gitarre spielte? - ja, er spielte tatsächlich, die Musik kam leise aus den Verstärkern und am Singen war er auch.

Leo spitzte die Ohren, um zu verstehen, was er da sang.

You gotta watch out for the killer

'Cause he's gonna get you now...

Watch out for the killer

'Cause he's gonna get you now...

Who's the winner? Who's the loser?

Keep your eyes on the ball, eyes on the ball,

Who's the winner? Who's the loser?

Run run like a train

run run like a train...

Who's the winner? Who's the loser?


Diese Zeilen wiederholte Paddy immer und immer wieder, es kam Leo schon beinahe unendlich lange vor. Da wurde ihr klar, dass das hier wohl gerade der Soundcheck sein musste, oder etwas in der Art. Und sie stand hier und konnte zuhören und keiner wusste etwas davon. Ha! Das war doch mal etwas. Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen, das würde eine Überraschung geben!

Wie sie so da stand und die Freunde, die sie vor noch gar nicht allzu langer Zeit in Spanien kennengelernt hatte, beobachtete, fing ihr Herz vor Vorfreude langsam an schneller zu klopfen. In ihrem Bauch kribbelte es leicht und das Ruhig stehen fiel ihr auch gar nicht mehr so leicht. Sie schob ihr Fahrrad an den Rand des Geschehens und machte es an einem Laternenmasten, gegen den sie zum Glück ja nicht gedonnert war, fest.

***

Angelo ließ seinen Blick immer wieder über den Marktplatz schweifen. Vielleicht konnte er ja doch irgendwo etwas Interessantes entdecken. Ihm war so sterbens-langweilig. Und je länger er da auf diesem Hocker hinter seinem Schlagzeug saß, ohne wirklich spielen zu können, desto müder wurde er. Bald würden ihm wohl die Sticks einfach aus der Hand fallen...

Heute wollte der Soundcheck aber auch überhaupt kein Ende finden. Paddy lallte auch schon so unmotiviert vor sich hin, kein Wunder, bei der x-ten Runde... Aber das gehörte eben dazu, da mussten sie jetzt wie immer durch.

Er schaute die alten Häuser an, die den Marktplatz auf der rechten Seite einrahmten. Eine richtig schöne Kulisse hatten sie da heute. Ein älterer Mann setzte sich gerade mit seiner Zeitung auf eine Bank neben einem großen Blumenkübel. Daneben lehnte ein Mädchen sein Fahrrad an eine Straßenlaterne und werkelte mit dem Schloss herum. Das Mädchen sah ein bisschen aus wie Leontina. Wie gern wäre Angelo jetzt am Strand in Spanien gewesen, eine Runde über den Sand galoppieren mit Chocolate... Was Leo wohl grade so machte, wo sie wohl war? Ob sie sich noch irgendwann melden würde? Zu gern hätte Angelo sie mal wieder gesehen...

Die gleichen Haare, die gleiche Größe. Angelo schaute genauer hin. Gebräunte Haut. Gerade war sie fertig mit dem Fahrrad und drehte sich um – da fiel Angelo tatsächlich einer seiner Drumsticks aus der Hand. Schnell bückte er sich um ihn aufzuheben. Er konnte kaum glauben was er da sah. Das war sie. Hier in Ulm. Auf dem Marktplatz. Komisch sie ohne Chocolate zu sehen, dafür mit Fahrrad. Er schielte zu seinem Bruder hinter den Keyboards, Paddy schien sie nicht bemerkt zu haben. Er klimperte mittlerweile auf den Tasten herum und versuchte sich gleichzeitig irgendwie mit Jimmy zu verständigen.

Angelo schossen tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf. Leo war hier, er freute sich so, sie wieder zu sehen. Aber sie wusste ja noch gar nicht wirklich, was sie eigentlich hier machten. Ach was, auch egal, sie würde es schon verstehen.
Er schaute auf die Leute vor der Bühne. So viele waren es noch nicht, ein paar waren auch schon weitergegangen. Könnte er gleich mal unauffällig von der Bühne schleichen?



Growing up oder: lost and foundWo Geschichten leben. Entdecke jetzt