Barby Kelly lag in ihrer Koje im Tourbus und las in einem dicken Roman, als sie auf einmal laute Schritte die Treppe heraufkommen hörte. Wer mochte das wohl sein? Sie hatte nicht damit gerechnet, dass außer ihr sobald jemand hierher zurück kommen würde. Die anderen waren alle noch irgendwo unterwegs, der eine wollte unter Leute, der andere rannte noch ein paar Runden durch die Gegend – aber sie brauchte nach den Konzerten meist ihre Ruhe. Umso verwunderter war sie nun, dass wohl doch schon jemand zurückkam. Barby setzte sich auf und wollte gerade den Kopf aus ihrer Koje herausstrecken, als eine – eindeutig wütende – Leo auch schon an ihr vorbeirauschte. Huch – was war ihr denn über die Leber gelaufen?
Leo zog hastig ihre Schuhe aus, warf sie mit mehr Schwung als nötig auf den Boden und krabbelte in ‚ihre' Koje. Naja, zumindest so lange sie hier war war es ihre. Mit einem RRRitsch zog sie den Vorhang zu. Danach hörte Barby eine ganze Weile nichts mehr, so sehr sie sich auch anstrengte.
Hatte Leo sich etwa einfach schlafen gelegt? Gerade als Barby sich wieder ihrem Buch zuwenden wollte hörte sie ein leises Rascheln und dann Leo's unterdrückte Stimme.
„Verdammt!" Und dann konnte Barby noch einen leisen Schlag hören, wahrscheinlich hatte Leo mit der Faust in ihr Kissen geschlagen.
Sie legte ihr Buch zur Seite und schob ihren eigenen Vorhang ein Stück auf. Ob Leo überhaupt wusste, dass sie hier war?
„Leo? Ist alles okay?" Barby stellte ihre Füße auf den Boden und lauschte in die Stille.
Hinter dem Vorhang ließ Leo ihren Kopf auf die angezogenen Knie sinken. Dass Barby hier war hatte sie gar nicht gemerkt. Eigentlich wollte sie einfach nur ihre Ruhe. Was sollte sie ihr sagen? ‚Hey, Barby, ich hab mich mal wieder mit deinem Bruder gestritten, ich weiß nicht, ob ich so bald nochmal mit ihm rede, er ist echt manchmal ein Idiot... Davon abgesehen geht's mir super, haha...'
Statt einer Antwort ließ sie mit einem leisen ‚Pffff' die Luft entweichen, die sie einem Moment angehalten hatte.
„Hast du dich mit Paddy gestritten?" Leo konnte Barbys leise Stimme gerade so hören. Woher wusste sie das nur immer?
„Du kannst echt manchmal gruselig sein, Barby, weißt du das? Woher weißt du -" Leo zog ihren Vorhang langsam ein Stückchen zur Seite.
„Ich hatte so ein Gefühl, als du hereingestürmt kamst... Was hat mein Bruder angestellt?" Barby legte nachdenklich die Stirn in Falten und schaute in Leos Richtung.
„Ach Barby, irgendwie ist alles gerade so schrecklich kompliziert, ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll..." Barby hörte, wie Leo einmal tief ein und aus atmete.
Barby dachte nach. Anscheinend wollte Leo ihr nicht sagen, was genau passiert war oder worum es eigentlich ging, aber das war auch nicht nötig. Sie konnte es sich schon denken. Schließlich bekam sie das Hin und Her zwischen Paddy und Leo ja nun seit über einem Jahr mit. Sie wusste, dass es ihren Bruder ziemlich erwischt hatte und das nicht erst seit gestern. Selbst wenn er es ihr nicht vor einiger Zeit gesagt hätte, es war für sie offensichtlich. Und nicht nur für sie – Patricia wusste auf jeden Fall Bescheid und Jimmy hatte immer schon sehr feine Antennen gehabt was das anging.
Barby fragte sich schon lange, warum Paddy nicht einfach offen mit Leo redete. Zumindest in letzter Zeit schien Leo selbst nicht mehr ‚nur den Kumpel' in Paddy zu sehen. Leo ließ zwar nie irgendetwas heraus, so oft man sie auch fragte, aber Barby war sich ziemlich sicher. Sie hatte Leo's Blicke gesehen und die waren eindeutig anders als noch vor ein paar Monaten. Warum also machten die beiden es sich so schwer? Sollte sie Leo einen kleinen Wink geben? Auf die Gefahr hin, dass Paddy sie vermutlich eigenhändig erwürgen würde?
„Leo, sag mal – hast du vielleicht schon mal daran gedacht, dass Paddy - -" Barby sprach langsam und wählte ihre Worte mit Bedacht, doch beenden konnte sie ihren Satz nicht mehr.
„Shhht, Barby, bitte sag nichts weiter!" Leo sah Barby eindringlich an. Ihr stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.
„Okay, wie du willst, aber verrätst du mir auch warum ich nichts sagen soll?" Barby hatte Leo noch selten so durcheinander gesehen, was war bloß zwischen den beiden passiert?
„Manche Dinge bleiben besser unausgesprochen, bis der richtige Moment kommt." Leo fuhr sich mit den Fingern durch die noch leicht feuchten Haare und rieb sich dann mit den Händen über die Stirn. Sie hatte Angst, Barby würde das aussprechen, was insgeheim schon die ganze Zeit in der Luft hing. Zwischen ihr und Paddy. Und dass sie dann Stellung beziehen müsste. Was sie nicht konnte. Zumindest nicht im Moment.
„Leo, hör zu, ich verstehe ja, wenn du nicht mit mir drüber reden willst, aber bitte sei ehrlich zu meinem Bruder. Lass ihn nicht länger im Ungewissen als unbedingt nötig. Das hat er echt nicht verdient." Barby sah Leo mit einem leisen Lächeln an.
Leo fragte sich einmal mehr ob Barby vielleicht mehr wusste als sie selbst?
Klar musste sie Paddy gegenüber ehrlich sein, das wusste sie selbst nur zu gut. Wenn sie nur wüsste, WAS sie eigentlich wollte. Leo hatte so langsam aber sicher das Gefühl, dass die ganze Sache nur immer noch komplizierter wurde, ganz egal wie sie sich verhalten würde. Uns trotzdem musste sie bald irgendetwas tun.
Barby sah, wie Leo den Kopf auf die Knie sinken ließ. Sie hörte sie langsam ausatmen und dann ganz leise vor sich hin murmeln:
„Ich weiß, Barby, glaub mir."
Sie hätte Barby gerne mehr gesagt, aber solange sie selbst nicht wusste, was sie eigentlich wollte, hatte es ja doch keinen Sinn. Barby würde sich nur Sorgen machen und sie hatte ohnehin schon genug Stress
***
Leo saß auf ihrem Handtuch, die Füße im Sand vergraben und hörte den Wellen zu. Ein paar Möwen schaukelten auf dem dunkelgrünen Wasser. Als sie den Blick zur Seite wandte, bemerkte sie, dass sie nicht allein hier war – der Junge, den sie nun schon über ein Jahr kannte, war ebenfalls hier. Er hatte sich zu ihr gedreht und schaute sie aus dunkelblauen Augen an. Er blinzelte nicht. Leo strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr der Wind immer wider über die Augen wehte und versuchte sich zu erinnern, wie sie hierher gekommen war.
Sie wusste nicht genau, warum sie beide hier überhaupt saßen, aber sie beschloss, den Moment ohne viel Nachdenken einfach nur zu genießen. Sie fand es schön, hier zu zweit zu sitzen, den Sand zwischen den Zehen und die Sonne im Rücken.
„Leo, ich muss dich mal was fragen." Paddy neben ihr nahm auf einmal ihre Hand in seine und schaute ihr lange in die Augen. Leo spürte wie es in ihr anfing leise zu kribbeln. Sie kannte dieses Gefühl schon und erwiderte seinen Blick.
„Na dann frag einfach." Um Leos Lippen spielte ein kleines Lächeln, sie hatte eine leise Ahnung wohin das alles führen würde.
Paddy strich einmal mit seinem Daumen über ihre Wange, Leo konnte hören, wie er etwas tiefer einatmete. Seine Stimme wurde ganz leise.
„Leo - darf ich dich küssen?"
Mit einem Schlag war Leo hellwach. Sie setzte sich so ruckartig im Bett auf, dass sie sich mit einem lauten WUMM den Kopf an dem Brett über ihr anschlug. Sie verkniff sich einen Fluch und rieb sich den Kopf. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Hände waren ganz feucht. Oh Gott! Was träumte sie da?!! Sie lugte vorsichtig aus ihrem Vorhang heraus aber keiner schien etwas bemerkt zu haben. Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich zurückfallen. Warum träumte sie von Paddy?! Dass er sie küssen wollte?!! Und viel wichtiger:
Warum hatte ihr der Traum so gut gefallen?!
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Ja warum? :) Ich wünsche euch allen einen entspannten Abend, lasst's euch gut gehen und tanzt ein bisschen zu eurem Lieblingslied ;)
*hugs&kisses* purzelstern
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Growing up oder: lost and found
RomansaSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
