Kapitel 47 let it be?
Paddy steckte das Mikrofon – vielleicht etwas zu schwungvoll – zurück in den Ständer. Gott sei Dank war dieses Piratenlied endlich aus. Er verzog sich hinters Schlagzeug und nahm die Sticks in die Hand. Die kamen ihm jetzt gerade recht, auch wenn er sich etwas zurück halten musste, denn Joey fing mit 'let it be' ja erst mal ziemlich langsam an... Wie gerne hätte er jetzt zu 'thrills' auf's Schlagzeug gehauen....
Er linste über die Becken ins Publikum.
Das konnte doch nicht wahr sein!! Was hatte dieser Luca hier zu suchen?! Nicht genug, dass er Leo in diesem bescheuerten Pfannkuchenhaus die ganze Zeit zu zwinkerte, nein, jetzt musste er auch noch mit ihr tanzen. Bei ihrem Konzert! Hatte der keine eigenen Freunde? Paddy ließ die Sticks etwas energischer auf die Snair nieder sausen, Maite neben ihm warf ihm daraufhin einen irritierten Blick zu. Ok. Paddy – nur die Ruhe...
Vielleicht hätte ihn das Ganze ja gar nicht so sehr gestört, wenn es nicht ausgerechnet dieser Luca gewesen wäre und - viel schlimmer – wenn Leo dabei nicht so glücklich ausgesehen hätte.
Vielleicht hätte er ja tatsächlich auf Angelos Vorschlag, Leo auf die Bühne zu holen, hören sollen – dann hätte sie mit einem von ihnen getanzt und wäre danach vielleicht vorne an der Bühne geblieben. Aber nein, das wäre ja auch nicht wirklich gegangen, sie wählten ja extra immer kleinere Kinder aus, damit es kein Gerede gab oder sonst wie seltsame Stimmung beim Konzert... Und hätte er es wirklich besser gefunden, wenn sie dann womöglich noch mit seinem kleinen Bruder getanzt hätte? Paddy wusste es nicht. Er wusste nur, dass er diesen Luca am liebsten auf den Mond schießen würde...
***
''And when the broken-hearted people – living in the world agree – there will be an answer – Let it be...''
Der Baum am Rande des Platzes hatte erneut eine junge Besucherin – Leontina hatte sich, trotz Riss im Kleid, wieder eine Etage höher begeben um das restliche Geschehen auf der Bühne mit bester Aussicht genießen zu können. Luca hatte sich inzwischen von ihr verabschiedet, jedoch nicht ohne ihr einen Pfannkuchen aufs Haus bei ihrem nächsten Besuch im Restaurant zu versprechen.
Auf der Bühne war gerade Johnny an der Reihe mit einer Strophe von let it be. Noch so ein wunderschönes Lied. Irgendwie bekam Leo schon wieder eine leichte Gänsehaut, Johnny hatte aber auch eine Art zu singen, und die ganze Atmosphäre hier rund ums Konzert, Leo kam alles ziemlich unwirklich vor. Aber sie fühlte sich glücklich.
Auf ihrem Baum war sie doch recht nahe an der Bühne und konnte alles ganz genau sehen, jeden Gesichtsausdruck und jedes Lächeln.
Paddy saß jetzt hinterm Schlagzeug und sah irgendwie nicht gerade gut gelaunt aus, eher im Gegenteil – was hatte er denn? Hatte er keine Lust mehr?? Ok, das Konzert dauerte ja auch schon ziemlich lange, aber die Stimmung auf dem Platz war super, da müsste er doch eigentlich auch seinen Spaß haben, oder? Leontina nahm sich vor, Paddy nachher ein bisschen aufzumuntern, wenn ihr auch nicht so ganz klar war, wie sie das anstellen sollte...
***
„When Israel was in Egypt's land – let my people go..."
Das ist das letzte Lied, dachte Paddy immer wieder bei sich. Angelo, Jimmy und Joey röhrten ihre Strophen in die Mikros, das Publikum war voll dabei... Paddy stand mittlerweile auch wieder mit der Gitarre vorne, aber er hatte wirklich keine Lust mehr heute. Sein besonderer Freund Luca war zwar schon eine ganze Weile verschwunden, Leo saß wieder auf ihrem Baum, aber seine Laune wollte nicht so recht besser werden. Irgendwie war ihm Leo's Tanz mit Luca vorhin doch ordentlich auf die Stimmung geschlagen. Da half es wenig, dass der Kerl inzwischen gar nicht mehr hier war...
***
Sie standen alle hinter der Bühne, der offizielle Teil des Konzertes war aus und das Publikum war sich einig: ZUGABE! ZUGABE! ZUGABE!
Oh Mann! Klar, das kam ja auch noch. Ausgerechnet Take my hand. Da musste er jetzt noch durch.
„Verdammt ich hab kein Bock mehr!" Paddy schlug mit der Faust gegen den Bühnenrand.
„Paddy, jetzt reiß dich mal zusammen, du bist hier nicht allein auf der Welt!" Joey fuhr ihn etwas unwirsch von der Seite an.
Nein, alleine nicht, Luca ist ja auch noch da... Dieses Bild ließ ihm einfach keine Ruhe.
Die meisten seiner Geschwister waren schon auf dem Weg zurück auf die Bühne. Jetzt schaute ihn auch noch Patricia mit eindeutiger Miene an - Paddy, das kannst du jetzt echt nicht machen - sollte das wohl heißen....
Auf einmal nahm jemand hinter ihm seine Hand. Er drehte sich um und schaute direkt in Barbys blaue Augen. Irgendwie wusste sie immer, was mit ihm los war. Und plötzlich fühlte er sich verstanden. Seine Schwester beugte sich zu ihm vor und raunte leise in sein Ohr:
„Paddy, vergiss was vorher war, vergiss das Publikum, jetzt stell dir einfach vor, du würdest dieses letzte Lied für Leo singen. Glaub mir, das hilft..."
Und Barby behielt Recht. Er ging auf die Bühne und begann mit 'take my hand', genauso wie immer. Nur, dass in seinem Kopf jetzt ein andres Bild war – die Erinnerung an jene Nacht, als er mit Leo, Hand in Hand, durch die spanische Landschaft gelaufen war. Bis zu diesem alten Nussbaum. Es war nicht das erste Mal, dass er sich daran erinnerte...
***
So take my hand – you are my brother – so take my hand – you are my sister, so take my hand – we need each other -
don't try, to walk the road alone....
Oh dieses Lied war ja wunderschön. Und so voller Gefühl. Leontina kamen beinahe die Tränen als sie Paddy da bei der Zugabe auf der Bühne sah. Für sie fühlte es sich so an, als ob Paddy einen Teil seines Innersten in dieses Lied legte. Seine Stimme klang so – sie wusste kein passendes Wort dafür – aber sie ging direkt durch sie hindurch und berührte etwas in ihr, irgendwo tief drinnen.
Through the dark – we walk together,
through the rain – forget the weather,
through the storm, we'll sing a song,
don't leave to walk the road alone...
Urplötzlich tauchte ein Bild vor ihrem inneren Auge auf – zwei Freunde im Regen, bei Gewitter, bei Dunkelheit, alleine in einer kleinen, spanischen Hütte... Die Erinnerung versetzte ihr einen kleinen, schmerzhaften Stich. Wie lange war das schon wieder vorbei. Und trotzdem fühlte es sich an, als wäre es erst vor ein paar Tagen gewesen... Würde es je wieder so werden? Aber wie sollte das gehen? Die Vergangenheit konnte niemand zurück holen... Leontina merkte, wie ihre Augen anfingen zu brennen. Oh nein, fang jetzt bloß nicht nicht zu heulen an! Sie versuchte sich zusammen zu reißen, aber es hatte keinen Sinn. Sie sah Paddy auf der Bühne und auch Angelo, der grade nach vorne kam und anfing zu hüpfen, dass seine Haare auf und ab flogen, und im Takt zu klatschen. Das Lied war auf einmal richtig schnell geworden, diesen Wechsel hatte Leo gar nicht richtig mit bekommen, aber es half auch nicht, sie aus ihrer seltsamen Stimmung heraus zu holen. Diese Gewissheit war da, dass bald alles schon wieder vorbei sein würde, genau wie letztes Mal und dann wieder alleine mit den Erinnerungen. Eigentlich hatte sie sich doch schon hundert Mal geschworen, dass sie davon genug hatte... Warum nur ließ sie sich immer wieder auf das selbe Spiel ein?!
***
Paddy schwang seinen Arm zeitgleich mit seinem Bein schräg nach hinten und endete das Lied in einer schwungvollen Verbeugung. Großer Applaus. Was nun geschah, dauerte nur einige Sekunden, aber Paddy kam es im Nachhinein viel länger vor. Er schaute zu Leo. Sie saß immer noch auf ihrem Baum und – sie weinte?! Er konnte es es ganz genau sehen, die glitzernde Tränenspur in ihrem Gesicht. Gerade wischte sie sich mit der Hand über die Augen. Ihre Blicke trafen sich einen Augenblick, sie hielt seinen Blick fest und lächelte ihn direkt an. Irgendwie wurde ihm leicht schwindlig. Paddy wollte in diesem Moment nur noch eins: sie von diesem Baum runter holen und in die Arme nehmen. Er drehte sich ohne groß nachzudenken um, um direkt seitlich von der Bühne zu steigen. Leo's Tränen verschleiertes Lächeln in seinem Kopf.
WWUMMMM!
***
DU LIEST GERADE
Growing up oder: lost and found
RomanceSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
