Paddy Kelly saß in seiner Kajüte und brodelte vor sich hin. Was fiel diesen Reportern eigentlich ein?? Er blickte wütend auf die Titelseite der Bravo, die neben ihm lag. So hatte er das sicher nie gesagt. Zumindest nicht soweit er sich erinnern konnte...
Seine Geschwister nahmen das Ganze irgendwie gelassener als er. Warum sollten sie sich auch aufregen – sie waren es ja nicht, die mit einer derart bescheuerten Titelstory auf der Bravo gelandet waren! Nur Angelo freute sich ziemlich, er konnte sein Dauergekicher kaum noch abstellen heute...
Oh Mann! Wenn Leo das zu sehen bekäme! Es war ihm ja so schon unangenehm, dass sie ihn ständig in irgendeiner Zeitung sehen konnte, aber das jetzt – was würde sie davon halten?!? Würde sie über ihn lachen so wie sein kleiner Bruder? Je mehr Paddy darüber nach dachte, so unwahrscheinlich kam ihm das gar nicht mal vor...
Am liebsten wäre er auf unbestimmte Zeit von der Bildfläche verschwunden...
***
Dies war der Tag, an dem Leontina sich ihre erste Bravo kaufte. Eigentlich war sie nur kurz zu dem kleinen Kiosk an der Ecke um sich Kaugummis zu holen, als ihr Blick auf einen grinsenden Paddy Kelly direkt vor ihrer Nase fiel.
„Paddy: ich bin noch Jungfrau!" stand da in riesigen Buchstaben. Was sollte das bedeuten? Paddy hatte doch im Dezember Geburtstag... So weit Leo wusste war er Schütze.
Ohne lange zu überlegen, kaufte sie diese Bravo und setzte sich damit direkt auf die nächste Bank. Die Kaugummis waren vergessen. Irgendetwas Seltsames ging da vor sich...
Leo blätterte zu dem Artikel und begann zu lesen. Eine Art Interview. Erst ganz banale Sachen. Was hatte das alles mit der Jungfrau zu tun??
Irgendwo in der zweiten Hälfte tauchte sie aber doch noch auf. Leo wünschte hinterher, sie hätte das alles nie gelesen.
Natürlich war sie schon lange aufgeklärt, aber dass man das Wort Jungfrau auch so verwenden konnte, war ihr bis dahin nicht bewusst gewesen. Leo war froh, dass sie gerade niemand hier so sehen konnte, denn ihr war wohl klar, dass diese Hitze im Gesicht nur eines bedeuten konnte.
Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass Paddy manche Dinge tatsächlich so gesagt hatte. 'Er warte auf die eine Richtige.' Das hörte sich allerdings nach ihm an. Das war ja wirklich süß, aber eigentlich wollte Leo das alles gar nicht so genau wissen. Sie wollte an solche Sachen nicht denken. Es war ihr irgendwie unheimlich. Und warum erzählte Paddy so etwas in der Bravo? Eigentlich ging das doch niemanden etwas an? Sie fand ja nicht mal, dass es sie selbst etwas anging. Und sie wollte davon auch nichts mehr hören oder lesen. Wütend klappte Leo die Zeitschrift zu und machte sich auf den Heimweg. Hatte Paddy das so gewollt? Leo fiel es schwer, sich das vorzustellen. Und irgendwie war sie auch auf ihn wütend. Weil es jetzt aus war mit ihrer Idylle. Weil sie jetzt dachte, dass er sich um solche Dinge Gedanken machte – laut der Bravo. Wenn es überhaupt stimmte. Vermutlich nicht. Aber das würde sie nie erfahren, zumindest nicht in nächster Zeit. Eher würde sie im Erdboden versinken, als ihn das zu fragen.
Noch bevor sie zu Hause an kam, pfefferte Leo die Bravo in die nächst beste Mülltonne. Im Wohnzimmer legte sie sich auf ihren Lieblingsplatz und starrte an die Decke. Sie dachte an ihren besten Freund vor zwei Jahren. Er war auch älter gewesen als sie selbst. Und mit einem komischen Gefühl im Bauch erinnerte Leo sich an die Zeit, als er auf einmal diese feste Freundin gehabt hatte. Wie schrecklich das für sie gewesen war. Würde Paddy jetzt auch bald eine feste Freundin haben, wenn er denn die eine Richtige treffen würde? Leo wollte sich das gar nicht vorstellen. Aber andererseits – jetzt sei mal nicht so egoistisch, dachte sie bei sich – wenn er sich verliebt, dann kann er natürlich zusammen sein mit wem er will. Schließlich war die Liebe angeblich das Schönste was es gab, wenn man diversen Sprüchen glauben konnte... Was also hatte sie sich da aufzuregen? Wäre es nicht schön für ihn, sollte sie ihm das nicht auch gönnen?
„Pffff..." Leontina stieß hörbar die Luft aus.
Paddy kam ihr auf einmal so unendlich weit weg vor. Und dass er in der Bravo war machte die ganze Situation nur noch seltsamer...
***
„Joey? Kannst du mich morgen nach Ulm fahren?" Paddy setzte sich neben seinen älteren Bruder an den Tisch und schaute ihn hoffnungsvoll an. Große Hoffnung hatte er allerdings nicht gerade. Das waren immerhin 4-5 Stunden Fahrt. Ohne Stau. Aber er musste hin.
„Nach Ulm? Zu Leo? Paddy, kann sie nicht herkommen?" Joey schaute ihn ungläubig an.
„Nein kann sie nicht. Sie muss packen. Und organisieren." Paddy spürte wie ihn der Mut verließ. Es war auch ganz schön viel was er von seinem Bruder verlangte.
„Ziehen sie wieder um? Wohin denn? Kannst du sie nicht in aller Ruhe dann dort besuchen? Oder sie uns?" Joey nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Er verspürte nicht gerade die größte Lust schon wieder mehrere Stunden auf der Autobahn zu verbringen...
„Sie gehen nach Australien." Paddy wurde beim Klang dieses Wortes ganz schwach zumute.
„Nach Australien?!? Die sind ja schlimmer als wir!" Joey schüttelte den Kopf. „Wie lange?"
„Sie weiß es nicht. Es gibt keinen Rückflug bisher. Mindestens zwei – drei Monate. Sie besuchen ihren Bruder, und noch irgendwelche Verwandte. Ihr Vater hat schon einen neuen Job dort." Paddy stützte den Kopf in die Hände. Joey pfiff durch die Zähne und stellte seine Tasse ab. Er schaute Paddy nachdenklich an.
„Okay. Ich fahr dich." Joey legte seinem kleinen Bruder den Arm um die Schulter. Das waren ja Neuigkeiten. Sie wussten nicht mal wann sie zurück kommen würden... Und Australien war verdammt weit weg...
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Growing up oder: lost and found
RomanceSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
