Leo schob ihr Fahrrad wieder neben sich her durch die Ulmer Innenstadt. Diesmal aber nicht mehr alleine - Paddy lief neben ihr. Es war schon etwas seltsam, dass sie nun alleine auf der Suche nach einem kleinen Mittagsimbiss waren, zumindest fand Leo das. Sie hätte schon gedacht, dass jemand von den anderen noch mit kommen würde, aber irgendwie waren alle mit dem bevor stehenden Auftritt beschäftigt, die weibliche Hälfte der Familie war überhaupt noch gar nicht aufgetaucht. Nur Angelo wollte unbedingt mit, aber Johnny und Joey hatten es nicht erlaubt.
Angelo tat ihr leid. Sie konnte gut verstehen, dass er stinksauer abgezischt war, als seine älteren Brüder meinten, er könne jetzt nicht alleine mit Paddy und Leo durch die Stadt, er würde 'wer weiß was' anstellen. „Ach das ist doch voll scheiße! Aber er darf gehen, ja?" Angelo hatte Joey wütend angeschnauzt, bis dieser schließlich ein letztes Machtwort gesprochen hatte: „Du bleibst hier und damit basta!"
Johnnys besorgter Blick war ihr auch nicht entgangen, als sie und Paddy schließlich losgezogen waren, was dachten die eigentlich von ihr? Dass sie Paddy auch zu lauter Unfug verleiten würde? Okay, das könnte vielleicht sogar passieren, aber jetzt wollte sie einfach nur irgendwo lecker zu Mittag essen... und außerdem war Paddy ja alt genug um selbst auf sich aufzupassen...
***
Paddy war heilfroh, dass er so davon gekommen war. Wenn Angelo noch länger diskutiert hätte, wäre seinen Brüdern womöglich noch eingefallen, dass er auch besser beim Bus bliebe.
Sie dachten wohl, er UND Angelo hätten keine Chance unerkannt durch Ulm zu kommen, womit sie vielleicht sogar Recht hatten... Er war Joey trotzdem dankbar, erstens, dass er dieses Thema vor Leo nicht erwähnt hatte, so dachte sie nun wohl einfach, sie hielten Angelo für zu jung und verantwortungslos um allein durch eine Großstadt zu ziehen. Zweitens hatte er so zumindest noch ein bisschen Zeit mit ihr alleine.
Jimmy hatte ihm im Gehen noch sein Käppi aufgedrückt und ihn ermahnend angeschaut. Paddy wusste genau, was dieser Blick zu bedeuten hatte: 'Halt dich von Reportern oder verrückten Fans fern – als ob die hier überall zu Hauf herumrennen würden – pass auf dich auf und komm rechtzeitig wieder zurück.'
Fans waren sowieso das Letzte, worauf er jetzt treffen wollte, überhaupt wollte er von niemandem erkannt werden. Irgendwie wollte er immer noch nicht, dass Leo davon wusste.
Jetzt wusste sie ja schon, dass sie öffentlich auftraten, das reichte vollkommen. Er steckte seine Haare unter sein Cap, unwahrscheinlich, dass ihn so jemand erkannte. Zumindest hoffte er das. Eigentlich wollte er nicht einmal, dass Leo sie alle so auf der Bühne sah, was würde sie davon halten? Andererseits hatte sie ja selbst schon Lieder geschrieben und spielte zumindest Gitarre, das wusste er ja. Trotzdem, er fühlte sich verdammt komisch wenn er an den bevorstehenden Auftritt dachte, und dass Leo womöglich dabei sein würde.
Hoffentlich kam diesmal niemand auf die Idee, mit einem Stofftier nach ihm zu werfen, oder Rosen... Oh Gott, es war ihm jetzt schon peinlich, wenn er nur daran dachte, dass Leo das mitbekommen könnte... Am liebsten wäre er jetzt mit ihr einfach abgehauen, aber das ging natürlich nicht. So sehr er sich auch freute, dass sie gerade neben ihm lief, warum musste sie ausgerechnet heute vorm Konzert auftauchen? Warum nicht danach?!
Paddy schaute Leo unauffällig von der Seite an. Sie schien ebenfalls in Gedanken zu sein. Ab und zu strich sie sich eine Haarsträhne aus den Augen. Er konnte immer noch nicht ganz glauben, dass sie tatsächlich hier war. Solche Zufälle musste es erst mal geben! Sein Herz machte lauter kleine Sprünge wenn er sie ansah, eigentlich war er mehr als glücklich, einfach so mit ihr durch die Stadt zu schlendern...
„Sollen wir ein Stück fahren, jemand hat mir von einem Pfannkuchenhaus im Fischerviertel erzählt, ich weiß zwar nicht genau wo dieses Haus ist, aber wir werden es schon finden. Lust auf Pfannkuchen?" Leo schaute ihn fragend an und hielt ihm ihr Rad hin.
DU LIEST GERADE
Growing up oder: lost and found
RomansaSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
