16 Ein Entschluss

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Bonsoir ihr Lieben Leser, schön dass ihr hier seid!! 😊 Vielen Dank euch allen, die ihr mir mit euren Sternchen zeigt, dass euch die Geschichte gefällt 🌠  Ich freue mich jedes Mal ganz besonders 💖

Das ist heute ganz Leo's Kapitel, viel Spaß damit! Über eure Gedanken zu Paddy und Leo oder auch andere Charaktere freu ich mich natürlich auch sehr 💞
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Leontina war eigentlich ganz zufrieden mit ihrer Situation. Den restlichen Tag ihrer Ankunft im Hause Montoya hatte sie - Dank Martina - zwar hauptsächlich auf dem Sofa verbracht, aber kurz bevor sie vor lauter Ruhe und Erholung noch in Schwermut verfallen wäre, hatte ihre Gastgeberin doch ein Einsehen und ließ sie am frühen Abend noch für eine kleine Weile nach draußen. Leontina liebte diese lauen Abende in Spanien, wenn man gerade so schon ohne Jacke oder Pullover den Sonnenuntergang sehen konnte.

Der nächste Tag verging recht gemütlich, Leo schlief viel und beschäftigte sich zwischendurch mit Chocolate und den anderen beiden Pferden. Salvatore war tagsüber unterwegs und Martina hatte ein waches Auge darauf, dass sie sich auch ja genügend ausruhte. Am Abend tauchte auf einmal Dr. Lopéz auf, (Martina hatte ihn wohl herbestellt), und untersuchte Leontina nochmals von Kopf bis Fuß. Zufrieden stellte er fest, dass sie sich sehr gut erholt hatte, sogar ihr Fußgelenk wäre schon bald wieder wie neu. Und wenn sie keine Kopfschmerzen mehr hätte, dürfte sie wieder alles tun und lassen, wonach ihr gerade der Sinn stand.

Trotz dieser guten Diagnose bestand Martina am nächsten Tag darauf, dass Leo zumindest über Mittag im Haus blieb und sich noch eine Weile hinlegte, Naja, das war ja gerade noch auszuhalten - am Nachmittag konnte man Leo dafür schon bei einer gemächlichen Runde auf Chocolate durch den kleinen Ort sehen.
Eigentlich hätte es ruhig so weitergehen können. Eigentlich. Wäre da nicht die klitzekleine Tatsache, dass Leontina langsam aber sicher anfing, sich zu langweilen. In der letzten Nacht hatte sie schon davon geträumt, wie sie mit Chocolate im Hof bei dieser Familie Kelly Reitunterricht gegeben hätte. Und ein paar Jungs und Mädels aus ihrer letzten Klasse waren auch dabei gewesen. Wenn das so weiter ging wollte sie lieber nicht wissen, was da die nächsten Nächte noch auf sie zu kam...
Wann wohl ihr Vater zurück kommen würde?

Gerade als sie Chocolate nach ihrem kleinen Spaziergang wieder auf die Weide führte, sah sie, wie Salva aus dem Auto ausstieg und auf sie zugelaufen kam.
"Olà, Leo - wie war dein Tag?"
"Hm ja, ganz gut denke ich," Leo setzte sich auf's Gatter zur Koppel. Salvatore musterte sie einen kurzen Moment, bevor er weitersprach:
"Dir ist langweilig, stimmt's?"
Leo ließ einen Käfer auf ihre Hand krabbeln, der gerade auf dem Holzbalken gelandet war, bevor sie Salva anschaute.
"Naja, es ist schon ok." Sie streckte den Finger in die Luft und der kleine Käfer flog weiter. Wenn sie nur auch einfach ihre Flügel ausbreiten könnte...
"Du könntest bei dieser Familie Kelly anrufen, Kathy hat mir ihre Nummer gegeben. Sie würden sich bestimmt freuen." Salvatore schaute Leo abwartend an.
"Ich weiß nicht so recht. Ich glaub ich hab keine Lust." Sie schaute auf die Wiese unter ihr.
Salva seufzte. "Leo, ich versteh dich ja." Er musste es nun einfach drauf ankommen lassen. Gestern Abend hatte er lange mit seiner Frau gesprochen, und er hoffte einfach, dass er richtig lag, mit seiner Einschätzung was in ihr vorging, warum sie sich auf einmal so abkapselte. Letztes Jahr waren keine zwei Stunden nach ihrer Ankunft vergangen, und Leo hatte schon drei Kinder aus dem Dorf ins Haus geschleppt. Es war eine Freude gewesen zu sehen, wie schnell sie sich hier wohlgefühlt und Freundschaften geschlossen hatte. Salvatore und Martina hatten tagsüber nicht viel von Leo zu sehen bekommen. Nur damals, bei der Abreise, hatte Salvatore diese dunkle Wolke um Leo herum wahrgenommen, die nun schon die ganze Zeit über ihr schwebte.

Leontina schaute ihn mit ihren großen, meergrünen Augen skeptisch an. Salva wusste nie, ob ihre Augen nun eher grün oder eher blau waren, es war einfach nicht auszumachen. Als hätte Neptun, der Meeresgott einen Klecks aus seinem Farbvorrat für die vielen Nuancen, die das Meer zu bieten hatte, in Leo's Augen getröpfelt. Einen kurzen Moment musste er an Leo's Mutter denken...
Salvatore schüttelte kurz den Kopf, um sich wieder auf sein Vorhaben zu konzentrieren.

"Ich kenne dich und deinen Vater ja nun schon eine Weile. Ich weiß, wie viel ihr unterwegs seid, und dass es bestimmt nicht leicht ist, sich immer wieder auf neue Orte und neue Menschen einzulassen."
Leontina saß ganz still da. Vielleicht war er ja auf der richtigen Spur...
"Seit du nun bei uns bist, habe ich das Gefühl, dass dich etwas sehr bedrückt..." Leo sagte immer noch nichts.
"Leo, kann es sein, dass du Angst hast vor dem Abschied, der irgendwann kommen wird?"
Salva hielt für einen Moment die Luft an, würde sie ihm vertrauen? Er hörte wie Leontina tief einatmete.

"Weißt du, Salva, es ist einfach schon zu oft passiert. Ich glaube, ich kann das nicht noch einmal aushalten." Sie schaute zu ihm hoch, als wäre er ihr Retter in der Not.
"Manchmal, da wache ich morgens auf - und ich hab ein Bild von jemandem im Kopf .... von jemandem, den ich mal sehr mochte .... " Salva merkte, dass es ihr schwer fiel, darüber zu sprechen. Er streckte ihr seine Hand hin. Leontina legte ihre Hand in seine und suchte nach den richtigen Worten. Jetzt war sie genau an der Stelle in ihrem Inneren angekommen, die immer und immer wieder so weh tat.
"Ich kann genau die Augen vor mir sehen, und das Lächeln ... --"
"Und dann - dann -- ..." Tränen stiegen Leo in die Augen.
"Dann kann ich mich einfach nicht mehr an den Namen erinnern, oder an den Ort, wo wir uns getroffen haben." Leo schluckte.
Salvatore setzte sich neben sie auf den Koppelzaun und schaute sie verständnisvoll an.
"Als wäre es nur ein Geist." Leo zog die Schultern hoch, so als wäre ihr kalt.
Salva merkte, dass sie noch etwas sagen wollte, aber eine ganze Weile herrschte Stille. Schließlich hörte er ihre leise Stimme neben sich, er konnte sie kaum hören. Tränen standen immer noch in ihren Augen:
"Aber das Schlimmste ist, dass ich die Erinnerung verliere, wie sie ausgesehen haben. Ich hab eine Kette mit Anhängern, --"
" - mit Namen drauf, wir haben immer gesagt, wir sehen uns mal wieder - -"
"und sie verblassen einfach. Die Gesichter verschwinden irgendwie..." Leo schniefte laut und wischte sich die Tränen aus den Augen.
"Es ist einfach zu kompliziert. Wir sind ständig woanders, die anderen ziehen auch um, die Nummern stimmen nicht mehr und Papa ist auch immer so beschäftigt. Ich hab's ja manchmal versucht... Salva, warum muss es so schwierig sein?"
Ihr großer Freund nahm sie in den Arm.

"Leo, es wird einfacher werden. Du bist ja kein kleines Kind mehr, morgen wirst du 14. Die Dinge werden sich ändern."
"Wirklich?" Sie schaute ihn hoffnungsvoll an.
"Natürlich. Alles ändert sich. Das ist das Leben. Nimm diese Familie hier zum Beispiel. Sie sind noch zwei Wochen hier, dann fahren sie zurück nach Deutschland. Ihr seid auch oft in Deutschland, die meiste Zeit sogar. Und du bist nicht mehr so klein, dass du nicht mit dem Zug jemanden besuchen könntest." Salva sah, wie sich der Ausdruck auf Leo's Gesicht veränderte. Sie schien über seine Worte nachzudenken.
"So hab ich das noch nie betrachtet." Es hörte sich zumindest ganz einfach an. Schließlich breitete sich ein Lächeln über ihrem Gesicht aus.
"Salva, du hast Recht!" Sie hüpfte vom Zaun herunter. "Danke!"
Leontina humpelte zwar immer noch ein bisschen, aber sie lief nun doch deutlich beschwingter zum Haus zurück, als sie es die ganzen letzten Tage getan hatte.

***

Am Abend saß sie - die Beine angezogen - auf der breiten Fensterbank in ihrem Zimmer und schaute durch das offene Fenster nach draußen. Die Sonne war schon längst verschwunden, irgendwo in der Dunkelheit konnte man eine Eule rufen hören.
Heute war sie zum letzten Mal 13 Jahre alt. Sie dachte an das vergangene Jahr und wunderte sich, ob in ihrem neuen Lebensjahr vielleicht wirklich einiges anders werden würde. Sie dachte an die Situation beim Abschied der Familie Kelly vor ein paar Tagen, als Paddy einfach ihre Hand nicht losgelassen hatte und musste leise lachen. Wohl wirklich etwas verträumt, der Gute. Vielleicht hatte sie ja tatsächlich noch die Gelegenheit, ihn und seine Geschwister besser kennen zu lernen, vielleicht - vielleicht könnten sie sogar Freunde werden...

Und an diesem Abend fasste Leontina einen Entschluss. Eine Chance würde sie der ganzen Sache noch geben - nur für den Fall, dass Salva Recht hätte...
Dieses eine Mal noch würde sie sich einlassen auf neue Situationen und Menschen, ohne sicher sein zu können, ob sie sie wirklich jemals wiedersehen würde.
Sie wünschte sich so sehr, dass Salva Recht haben könnte - aber wenn nicht, dann ... Leo schüttelte den Kopf. Darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn es soweit wäre. Was sie wirklich nicht hoffen wollte.

Und mit einem Gefühl voller Spannung was sie erwarten würde, krabbelte sie in ihr Bett und schlief augenblicklich ein.

Growing up oder: lost and foundWo Geschichten leben. Entdecke jetzt