Entnervt steckte Paddy auf Jimmys Zeichen hin seine Gitarre nochmal ein und spielte ein paar Akkorde. So langsam musste es doch mal gut sein mit dem Soundcheck, warum dauerte das denn heute so lange?? Er warf einen kurzen Blick zur Seite – wo war eigentlich sein kleiner Bruder schon wieder hin verschwunden? Angelo schaffte es doch immer wieder, sich heimlich aus dem Staub zu machen...
Da fing er Johnnys Blick auf, der beide Daumen nach oben zeigte – Halleluja – na endlich! Paddy legte die Gitarre ab und blickte sich um. Mittlerweile waren kaum noch Leute vor der Bühne, es war ja dank ihrem Plakat offensichtlich, dass es erst in knapp drei Stunden losgehen würde... Jimmy und Johnny waren noch dabei, Kabel und andere Dinge, die später stören könnten, am Boden fest zu kleben, sonst war weit und breit niemand zu sehen. Und jetzt? Noch drei Stunden bis zum Konzert. Vielleicht hatte ja irgendwer was gekocht, sein Magen hing ihm nämlich schon bis zu den Knien...
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Angelo schaute sich verwirrt um. Er war in einem unbemerkten Moment hinten von der Bühne gestiegen und hatte sich dann auf den Weg zu Leontina bei der Straßenlaterne gemacht. Allerdings nicht auf direktem Wege, das wäre ja viel zu auffällig gewesen, da hätten seine Brüder ihn vermutlich gleich wieder zurückgepfiffen, sondern einmal außen rings um den Marktplatz herum. Er hatte seine Kapuze hochgezogen und die Sonnenbrille im Gesicht – sicher war sicher – auch wenn sie meistens erst nach den Konzerten oder kurz vorher angesprochen wurden, er konnte es nun nicht gebrauchen aufgehalten zu werden.
Da stand er nun also bei der Straßenlaterne neben Leo's Fahrrad. Ja, nur neben ihrem Fahrrad – von Leo selbst war weit und breit keine Spur mehr. Wo war sie denn hin verschwunden? Er schaute auf die Bühne zu seinen Brüdern, die schienen auch endlich fertig zu sein, Paddy legte grade die Gitarre weg. Aber von Leo war nichts zu sehen...
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Leontina hatte mal wieder eine spontane Idee gehabt. Deshalb stand sie nun auch an der Rückseite des Kelly-Busses und schaute auf die Absperrung, die rings um den Bus bis zur Bühne hin aufgebaut war. Vermutlich, dass da nicht jeder reinschaute oder hinlief. Irgendwie verständlich, dachte Leontina bei sich, aber sie musste da jetzt trotzdem rein, immerhin wollte sie ein paar Leute überraschen. Die Gitter waren nicht hoch, es waren die gleichen, die manchmal um kleinere Baustellen herum aufgebaut wurden. Sie schaute sich kurz nach allen Seiten um – außer ihr war niemand hier hinten – stützte sich auf der oberen Stange mit beiden Händen ab und drückte sich hoch. Im nächsten Augenblick war sie auch schon auf der anderen Seite der Absperrung. Kinderspiel.
Eigentlich hatte sie sich auf die Stufen beim Einstieg setzen und einfach warten wollen, bis jemand der Kellys auftauchte, aber gerade als sie den vorderen Teil des Busses erreichte, kam ihr noch eine ganz andere Idee in den Sinn...
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Paddy lief eilig das kleine Stück Weg zum Bus zurück, er hatte einen Riesenhunger, hoffentlich wartete dort schon das Mittagessen...
Als er allerdings beim Bus ankam, wurde er enttäuscht – irgendwie waren alle ausgeflogen. Leckerer Essensduft? Fehlanzeige... Seufzend überflog er den Küchenbereich, eine halb volle Schüssel von Seans Frühstücksbrei stand da noch herum, sehr lecker. Auf der Spüle türmte sich noch das Geschirr vom Morgen, da müsste er jetzt erst mal abwaschen und Platz schaffen bevor er sich überhaupt ans Kochen machen könnte. Etwas genervt atmete Paddy einmal tief aus und bückte sich dann, um die unteren Schränke genauer zu untersuchen. Meistens gabs da doch irgendwelche Knabbersachen oder zumindest 'ne Packung Knäckebrot. Wenn er Glück hatte wäre sogar noch irgendwo Butter zu finden. Im Moment wäre ihm beinahe alles recht gewesen...
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Leontina lugte unter dem Bus hervor, sie lag hinter dem Vorderrad und konnte sehen, wie Paddy gerade in den Bus gestiegen war. Dann wäre er also der erste Überraschungskandidat. Wenn alles so klappte wie sie sich das vorstellte. Sie schmunzelte in sich hinein und konnte es kaum abwarten, gleich sein Gesicht zu sehen. Ganz schön spannend war das, ob sie es unentdeckt in den Bus schaffen würde? Leo merkte, wie ihre Hände schon leicht schwitzig wurden, als sie unter dem Bus hervorschaute. Weit und breit niemand zu sehen. Hoffentlich erwischte sie auch den richtigen Moment... Und dann müsste Paddy mit irgendetwas beschäftigt sein, damit er sie nicht gleich bemerkte... Also dann...
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Growing up oder: lost and found
RomanceSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
