Es war alles zur Abreise bereit. Ein ganzer Berg Koffer und Taschen hatte seinen Weg in den großen Bus gefunden, und sie waren sogar früher mit der Packerei fertig geworden, als gedacht. Paddy hatte immer wieder suchend den kleinen Feldweg entlang geschaut, aber von Leo und den Montoyas war weit und breit nichts zu sehen gewesen. Irgendwann hatte er sich seine Gitarre geschnappt, war hinterm Haus verschwunden und hatte angefangen zu spielen. Irgendwie konnte er dem so vertrauten Instrument heute nur traurige Klänge entlocken...
Leo würde bestimmt noch kommen um sie zu verabschieden, aber er konnte diese Warterei kaum noch aushalten! Und wenn sie endlich hier war, was sollte er ihr dann sagen?! 'Leo, ich hab mich in dich verliebt?!' Damit sie gleich ganz Reiß aus nehmen konnte?! Nein, nein, das würde er schön für sich behalten... Er ließ seine Finger über die Saiten gleiten und fing schließlich an, leise vor sich hin zu summen...
I just don't seem to find the right words,
but keeping it all inside of me -
i can only admit it truly hurts
are we too proud to clearly see?
But the damage is done, say
and i'm feeling all alone
will there ever be a way
through this maze of desperation?
I don't want to lose the connection
between the two of us
always too much interuption
really hope to receive a buzz – sometime...
But the damage is done, say
and i'm feeling all alone
will i ever find a way
through this maze of desperation?
„Hey Paddy, steh auf, wir wollen fahren!" Barby stand auf einmal vor ihm. Was?! Sie wollten schon fahren? Aber Leo war noch nicht da! Paddy warf seiner Schwester einen verzweifelten Blick zu.
„Ja, aber -" er wusste nicht was er sagen sollte.
„Wir fahren bei den Montoyas vorbei. Liegt sowieso auf dem Weg..." Barby konnte wieder mal seine Gedanken lesen. Also blieb ihm nichts anderes übrig als die Gitarre zu schnappen und seiner Schwester zu folgen.
Als sie jedoch zum Bus kamen – sein Herz machte einen kleinen Sprung – war die Abschiedszeremonie schon in vollem Gange. Leo, Salva und Martina waren doch noch rechtzeitig gekommen.
Nach und nach stiegen alle in den Bus ein, bis nur noch Paddy und Leo draußen standen.
„Wir warten schon mal bei den Pferden", meinte Salva da augenzwinkernd.
Eine Weile standen sie nebeneinander, keine traute sich, den ersten Satz zu sprechen oder den anderen auch nur anzuschauen. Leo hielt ihren Blick stur gerade aus auf den Bus geheftet, der zur Abfahrt bereit in der Einfahrt stand. Erst jetzt fiel ihr der große „Kelly Family"- Schriftzug auf, der einen beträchtlichen Teil der Seitenwand zierte.
„Warum habt ihr eigentlich so einen riesigen Namensaufkleber auf eurem Bus?" Leontina schaute Paddy nun doch fragend an. Ach herrjeh – jetzt kam das auch noch. Paddy wurde etwas warm. Wie hatte er nur denken können, es würde ihr nicht auffallen?! Aber einen Versuch würde er noch wagen.
„Ach so, ich hab dir doch erzählt, dass wir manchmal so kleine Auftritte haben, das ist Werbung..." Paddy zuckte die Schultern, hoffentlich reichte ihr diese Erklärung...
Leontina wunderte sich nur einen kleinen Moment. Wollte sie ihren Namen in Übergröße auf ihrem Auto kleben haben?? Naja, das war jetzt eigentlich auch egal...
Sie schaute Paddy unsicher an.
„Ich glaub' die anderen warten auf dich..."
„Ja... kommst du uns mal besuchen?" Paddy schaute ihr nun direkt in die Augen. Hätte er die vergangen Tage nicht die abenteuerlichsten Dinge mit ihr erlebt, er würde dieses Mädchen für die Unschuld in Person halten. So wie sie ihn gerade anschaute. Zumindest so lange, bis sich dieses verdächtige Funkeln in ihre Augen schlich, jedes Mal, wenn sie eine neue verrückte Idee im Sinn hatte...
„Wenn ich kann..." Leontina wollte nicht zu viel versprechen. Bisher hatte es ja noch nie wirklich funktioniert. Und ehrlich war sie schon immer gewesen, beinahe ungesund ehrlich... Sie versuchte an Paddys Miene abzulesen, was wohl in ihm vorging. Sein ernster Blick setzte ihr ganz schön zu, dabei wollte sie ihn viel lieber lachend in Erinnerung behalten...
„Patricia hat mir eure Nummer gegeben, in Köln... ich kann auf jeden Fall anrufen." Sie schaute Paddy mit einem kleinen Hoffnungsschimmer im Gesicht an.
Wie sie da so vor ihm stand, ihre Augen glitzerten ihn schon wieder in dieser unglaublichen Farbe an – es war alles so unwirklich. Würde er wirklich gleich in den Bus steigen und wegfahren?? Und sie blieb einfach hier?!
Leontina fühlte sich schrecklich. Genau diese Momente waren es gewesen, die sie zu ihrem Entschluss vor noch nicht allzu langer Zeit gebracht hatten. Und wie schnell hatte sie ihn gebrochen? Und was war nun dabei herausgekommen?! Sie spürte schon wieder ganz deutlich, wie sich ein kleiner Teil aus ihrem Innersten sich schmerzhaft von ihr löste – Paddy würde diesen Teil mitnehmen, ohne davon auch nur etwas zu ahnen.
Sie streckte die Hand in ihre Hosentasche und fühlte Patricia's Zettel mit der Telefonnummer. Aber vielleicht würde es dieses Mal wirklich anders werden? Und auf einmal wusste Leontina was zu tun war. Nein, sie wusste es nicht – sie spürte es. Auf einmal fühlte sie sich ganz klar und ruhig.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte ihre Hand auf Paddys Arm – er schaute sie mit großer Verwunderung an – und gab ihm ein kleines Küsschen auf die Wange. Sie kam gerade so hin. Und es fühlte sich tatsächlich schöner an, als sie gedacht hätte.
„Du wirst mir fehlen, Paddy."
Sie hatte ihn geküsst!! Zwar nur auf die Wange, aber immerhin! Sein Gesicht kitzelte immer noch an der Stelle. Paddy fühlte sich auf einmal wieder so leicht, rot wurde er vermutlich auch schon wieder, aber es war ihm egal. Leo schaute ihn etwas verlegen an, auch sie hatte eine leichte Röte im Gesicht – wie süß das bei ihr aussah...
Er hätte sie jetzt ewig einfach nur anschauen können, aber dafür war ja bedauerlicherweise keine Zeit mehr. Paddy legte einen Arm von unten um Leo's Rücken herum, den anderen von oben über ihre Schultern und zog sie einfach in eine vorsichtige Umarmung.
„Du wirst mir auch fehlen, Leo." Er küsste sie ganz leise auf die Haare über ihrem Ohr, direkt neben ihrer Schläfe und lies sie dann langsam wieder los.
Später fragte er sich, wie er diesen Moment überhaupt ausgehalten hatte – wie konnte man sich so glücklich und erleichtert und gleichzeitig so furchtbar traurig fühlen??
Aus dem Bus hinter ihnen hupte es.
„Also, Paddy, mach's gut. Vielleicht bis bald..." Leo versuchte ein Lächeln, was nicht so ganz gelang. Aber immerhin hielt sie die Tränen, die hinter ihren Augen brannten, halbwegs erfolgreich zurück.
„Ja. Schade, dass wir schon gehen müssen. Meld dich wirklich bald..." Er schaute Leo ein letztes Mal genau an. Obwohl er diesen Blick so oder so nie würde vergessen können.
Auf der Schwelle zum Bus drehte er sich noch einmal um – Leo hob die Hand und winkte ihm zu. Paddy ignorierte den stechenden Schmerz in seiner Brust und stieg ein. Der Motor knatterte und langsam rollte ihr Gefährt auf dem holprigen Pfad in Richtung Zukunft davon.
***
Leontina wischte sich über die Augen. Vor Paddy und seinen Geschwistern hatte sie die Tränen gerade noch so zurück halten können – dafür flossen sie nun umso mehr... Sie war froh, dass Chocolate hier war und sie langsam mit ihr hinter Salva und Martina her reiten konnte. Sie griff unter Chocolates Mähne und fühlte die Wärme und das weiche, geschmeidige Fell darunter. Ihr Blick ging ins Leere. Und vor ihrem inneren Auge schwebten unzählige Bilder und Gesichter hin und her, bis sie glaubte, in diesem Nebel aus Erinnerungen versinken zu müssen...
****ENDE TEIL 1*****
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Growing up oder: lost and found
RomanceSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
