Gerade als alle auf Leo's nächste Frage warteten, fing Chocolate auf einmal an leise zu wiehern und schüttelte mehrmals ihren Kopf. Leo merkte gleich, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie schaute auf's Meer. Da war nichts Ungewöhnliches zu sehen, aber als sie den Kopf nach hinten drehte, war ihr klar, warum Chocolate so unruhig wurde: in südlicher Richtung war der Himmel schwarz. Und nicht nur der Himmel – eine riesige schwarze Wand kam aus einiger Entfernung auf sie zu. Leo kannte die spanischen Gewitter. An einem schwülen Tag wie heute, zu dieser Jahreszeit, kam das häufig vor. Sie schätzte ihre trockene Zeit auf höchstens noch 15 Minuten, eher weniger. Nass würden sie in jedem Fall werden...
Da kam auch schon Joey angelaufen: „Leute, Beeilung, da braut sich was zusammen! Hopp Hopp, alles zusammen packen und los geht's!" Innerhalb von Sekunden war das Chaos perfekt. Leontina verzichtete als Einzige darauf, sich anzuziehen und stopfte statt dessen Kleider und Handtuch in ihren Rucksack. Aus dessen Tiefen fischte sie auch eine Art dünne Plane und spannte sie darüber. Sie absolvierte diese Handgriffe ohne nachzudenken, das Programm bei Gewitter im Freien mit Pferd war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Oft genug waren sie und ihr Vater schon überrascht worden. Innerhalb kürzester Zeit saß sie startklar auf Chocolate, während die anderen noch umher wuselten.
So langsam aber sicher waren dann - irgendwann – doch alle bereit, nur Paddy nestelte noch an seinen Schuhen herum. Da hatte er jetzt die Quittung dafür, dass er seine Schnürsenkel nie aufmachte beim Ausziehen: jetzt kam er barfuß nicht rein und der Knoten war hartnäckig...
„Mensch Paddy, wie lange dauert das denn?!" Joey stand schon ungeduldig neben seinem Fahrrad.
„Fahrt halt schon los, ich komm ja gleich!" Paddy schaute genervt nach oben. Das brauchte er nicht zweimal zu sagen, seine Geschwister düsten schon, so schnell sie konnten, davon. Als Paddy schließlich von seinen Schuhen aufblickte, stand Leo auf Chocolate immer noch da und schaute ihn amüsiert an.
„Jaja, sag jetzt nichts... also auf geht's!" Sie beeilten sich den Strand zu verlassen. Gerade als sie die Dünen hinter sich gelassen hatten, schaute Paddy zu Leo hoch und rief ihr zu: „Danke, dass du gewartet hast!"
„Kein Problem, nass werden wir so oder so." Und so war es dann auch. Keine 100 Meter weiter, fing es schon an zu tröpfeln. Vielleicht würde es ja noch eine Weile so halten...
Gerade als der sandige Pfad wieder breiter wurde, hörte Leo auf einmal Paddy hinter sich rufen. Sie hielt an und drehte sich um. Warum war er denn abgestiegen?! Sie wendete Chocolate und trabte die paar Meter zurück.
„Shit! Ich hab' nen Platten. Grade jetzt! Was mach ich denn jetzt?!" Paddy schlug mit der Hand auf seinen Sattel.
„Naja, schieben, würd ich sagen..." Leo zuckte die Schultern.
„Na toll! So ein Mist!" Paddy schob sein Rad mißmutig los. Nun kamen sie natürlich viel langsamer voran, und nach einer Weile meinte Paddy: „Leo, du kannst ruhig vor reiten, es reicht ja, wenn einer klitschnass wird..."
„Quatsch, ich kann dich doch hier nicht alleine lassen. Klatschnass werden wir eh gleich." Sie zeigte zum Himmel. Der war mittlerweile nicht mehr nur schwarz, sondern nahm mehr und mehr auch noch eine unheimliche, gelbe Färbung an. Paddy schaute Leo amüsiert an. SIE konnte IHN nicht alleine lassen? Er war über zwei Jahre älter – wenn dann wäre es wohl eher umgekehrt! Er konnte ja nicht ahnen, dass er zehn Minuten später tatsächlich heil froh sein würde, nicht alleine hier draußen zu sein – zwei Jahre älter hin oder her...
Mittlerweile hatte auch der Himmel seine Schleusen vollständig geöffnet, die schweren Regentropfen prasselten nur so auf sie herunter. Leo behielt Recht, innerhalb kürzester Zeit waren sie klatschnass... Auch der Wind wurde immer stärker, und gerade als Paddy sich fragte, wie es auf einmal so viel regnen konnte, krachte über ihnen der erste ohrenbetäubende Donner. Ein paar Sekunden später war es kurzzeitig taghell – der ganze Himmel war von einem Monstrum von Blitz durchzogen. Chocolate gab ein helles, langezogenes Wiehern von sich.
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Growing up oder: lost and found
RomansaSpanien 1994. Zwei Familien, zwei Geschichten. Beide sind Reisende aber aus unterschiedlichen Gründen. Beiden fehlt etwas, doch was sie finden, macht es nicht gerade leichter... Als wäre es Schicksal, kreuzen sich ihre Wege nicht nur einmal. Eine Ge...
