Am nächsten Morgen wurde ich von Michael geweckt. Er packte seinen Koffer. Am liebsten würde ich liegen bleiben, doch diese Möglichkeit bleib mir nicht, als er merkte, dass ich wach war.
"Mach dich im Bad fertig, wir fahren in einer Stunde." Die Uhr auf den Nachttisch verriet mir, dass es gerade einmal sechs Uhr morgens war.
Trotzdem warf ich meine Beine über die Bettkante, meine Augen schienen noch zu geklebt, als könnte ich sie nicht lange offen halten. Ich stand auf, ging ins Bad und wusch mir sofort mein Gesicht. Fünfzehn Minuten später war ich fertig und packte das ganze Kosmetikzeug in die kleinere Tasche die hier stand. Ich brachte sie Michael, doch mein Blick lag auf den gemachten Bett, wo Kleidung lag. War die für mich? Zögernd nahm ich die Sachen in die Hand und sah sie mir an.
"Ich hab eher auf gut Glück bestellt, kann dich ja nicht nackt draußen rumlaufen lassen." Er deutete mir an, sie anzuziehen, was ich auch tat.
Die Jogginghose war etwas zu weit und der Hoddie hing an mir wie ein Sack, aber ich hatte auch abgenommen. Wer weiß, ob mir die Sachen jemals richtig passen werden. Als ich fertig war, schloss Michael den Koffer und wir gingen nach unten. Zum Frühstück gab es nur ein Milchbrötchen mit Marmelade und dann stiegen wir auch schon ins Auto. Michael schloss mich vorerst ein, da er noch etwas holte. Ich blieb sitzen, sah den Tropfen zu, wie sie an der Scheibe runterrannten. Es nieselte leicht. Laut den Wetterbericht im Radio sollten einzelne Schauer auftreten. Das Geräusch beruhigte mich. Es war ruhig, aber nicht so ruhig, dass es einsam war. Noch bevor Michael ins Auto stieg, döste ich vor mich hin und in den ersten zehn Minuten der fahrt, holte mich die Müdigkeit ein. Der Mann beschloss mich in Ruhe zu lassen und mir den Schlaf zu gönnen.
Einige Stunden später wachte ich auf. Nur der Motor war zu hören, sonst war es ruhig. Ich sah nach draußen, die Sonne schien, blendete mich leicht. Noch während sich meine Augen an das Licht gewöhnten, versuchte ich festzustellen, wo wir waren. Doch es war kein Schild weit und breit. Nur eins, welches die nächste Tankstelle ankündigte, doch der Name sagte mir nichts.
"Herr?" Ich war noch recht verschlafen, meine Augen klebten noch etwas zusammen.
"Schlaf weiter oder sei still."
Ich entschied mich für zweite. Mein Blick ging nach draußen, die Wolken hatten sich gelichtet, es war windig und somit schienen die dunklen Schafspelze ein Wettrennen zu führen. Ich dachte kurz daran, wie Noah und ich im der Grundschule auf den Hof gelegen haben und versucht hatten zu erkennen, was der andere in den Wolken sah. Einige hatten uns ausgelacht, weil sie dachten wir wären ein Liebespaar. Natürlich taten Kinder das. Ai Ai Ai was sehe ich da, ein verliebtes Ehepaar. Oft hatten wir uns das anhören dürfen. Es war in den Alter, wo man behauptete, dass das andere Geschlecht ekelig sei.
Aus atmen, den Gedanken daran verschwinden lassen. Das war früher, also im nichts. Ich sah zu den Mann rüber, der konzentriert auf die Straße sah. Seine Mimik war wie immer, undurchschaubar. Seine dunklen Haare waren gut gestylt und seine Augen schienen fast silbern aus diesen Winkel. Er trug nur ein Shirt, hatte sich seinen Pullover wohl ausgezogen. Seine Armmuskeln konnte man gut erkennen Über seinen Bizeps und an ein paar stellen am Unterarm zogen sich Narben. Die Frage, woher diese kamen, schoss mir durch den Kopf, doch ich ließ sie schnell fallen und sah nach draußen.
Er war mir so fremd. Wenn ich darüber nachdachte, was ich über ihn wusste, kam ich auf seinen Namen und darauf, dass er illegale Tätigkeiten nachging. Ich hatte keine Ahnung, wer da neben mir saß. Aber wusste er es denn? Was wusste er über mich? Oder war es ihn egal. Ich sollte alles vergessen, was vor ihn war. Interessierte es ihn kein Stück, wie ich gelebt hatte? Ab der Nacht, als wir uns begegnet sind...von diesen Moment an existierte ich für ihn, wahrscheinlich sollte ich es auch so sehen. Ich erinnerte mich an den Tag zurück, an dem ich ihn gefragt hatte, ob er mich gehen lassen würde. Nie mehr...ich komme nie mehr nach Hause. Umso länger ich bei ihn bin, umso härter trifft mich die Erkenntnis. Als wäre jemand gestorben, nur dass ich es selbst war, die starb. Ich hatte das Gefühl zu sterben, wenn ich daran dachte, dass ich für immer an der Seite von diesen Hünen bleiben müsste.
"Könnten Sie mir was, über sich erzählen?" Eine Stunde war schweigend vergangen.
"Wieso sollte ich?" Hinterfragte er, den Blick dabei stumm weiter auf die Straße gerichtet.
"Ich weiß nichts über Sie."
"Ich bin dein Herr, dass ist alles, was du zu wissen brauchst."
"Ab-"
"Tz." Sofort verstummte ich.
Ich hatte schon lang nicht mehr, seine Nerven so beansprucht, dass ihn dieser Ton entwichen ist. Doch ich wusste genau, was es hieß. Still sah ich ihn an, dann aus den Fenster. Meine Brust schmerzte und die Frage kam auf, ob ich jemals wieder wirkliches Glück empfinden würde. Ich war mir sicher, die Antwort zu kennen. Es trieb mir Tränen in die Augen, die ich versuchte zu unterdrücken. Was sind 18 Jahre schon, wenn ich vierzig oder mehr in Gefangenschaft leben werde. Ich hatte Angst mein altes Leben wirklich zu vergessen. Doch wie lange würde man sich an Gesichter, Stimmen und schöne Ereignisse erinnern können? Dieses Leben war so lieblos, voller Schmerzen und Tränen. Es war wirklich nur eine Frage der Zeit, bis mein Kopf sich ausschalten würde und ich alles einfach hinnehmen würde. Ich tat es jetzt schon und mit jeden Tag ein bisschen mehr.
Erschrocken zuckte ich zusammen, als eine Hand sich auf meinen Oberschenkel legte. Ich sah zu Michael, der mir aber keinen Blick gönnte. Schon fast sanft fuhr sein Daumen über meinen gesunden Oberschenkel, fast schon, als wüsste er, dass mich meine Gedanken von innen heraus zerreißen würden. Doch statt zu beruhigen, verspannte ich mich nur. Ich wagte es nicht, mich zu bewegen und ließ meine Hände weg von seiner.
Fass mich nicht so an. Berühr mich nicht so, als ob du es gut mir mir meinen würdest. Trotz meines stillen Protest, schüttelte ich ihn nicht ab. Ich wollte nicht durchdrehen, in dieser verrücken Welt, noch verrückter werden. Ich brauchte halt, einen Anker...außer ihn, hatte ich niemanden in diesen Leben, der mir das Gefühl von Sicherheit geben würde. Zeitgleich gab es auch niemand anderen, der mich so sehr an den Rand des Wahnsinns trieb.
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No escape
RandomNeugier war eine Eigenschaft, die man bei Intelligenten Menschen wieder finden konnte. Ein Zeichen für Intelligenz. Doch meine Neugier hat mich ins Verderben gezogen. Aber war es wirklich Neugier? Ich konnte mich noch an meine zitternden Beine und a...
