Kapitel 16

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Meine Hände zitterten, mein Atem ging nervös und mein Herz schien lauter zu schlagen als sonst. Ich hatte mich ausgezogen und sah an mir runter. Schon jetzt bildeten sich Blutergüsse an meinen Oberkörper, sogar meine Oberschenkel verfärben sich leicht Violett. Ich legte die Sachen ins Fensterbrett, legte die dünne Decke um meinen Körper und versuchte ruhig zu bleiben. Der Versuch, mir die bevorstehende Strafe auszureden, scheiterte kläglich. Ich hatte nicht gehört, wurde gesehen, dass ich dann mitgespielt habe würde es nicht abdämmen, schließlich hatte ich die beiden in Gefahr gebracht enttarnt zu werden.

Es passierte nichts. Niemand kam und trotzdem saß ich ängstlich da. Gut eine halbe Stunde verging und mein Zittern ließ nach, mein Herz beruhigte sich, doch die Unsicherheit blieb. Ich sagte nichts, tat nichts wagte es einfach nicht aufzustehen. Bis mich mit einen Schlag was traf. Ich zog die Sachen wieder an, draußen hörte ich die Kerle sich unterhalten. Sie waren noch mit den Nachbarn beschäftigt. Ich wusste nicht, wie lange, doch wenn ich leise war...

Meine Beine führten mich nicht nach unten. Durch die Haustür wäre es zu offensichtlich. Was sagte Skulduggery? Er war ein Charakter aus meiner Lieblingsbuchreihe. 'Türen sind für Menschen ohne Fantasie.'
Nur leider besaß ich keine Magie, die meinen Sprung abfedern könnten, doch es war die einzige Möglichkeit. Michaels Schlafzimmer nahm fast die ganze gegenüberliegende Seite ein. Vielleicht lag das auch am begehbaren Kleiderschrank. Da er nicht abgeschlossen hatte, war es leicht, ins Zimmer zu kommen. Doch dann? Wollte ich wirklich springen? Das ging doch nicht. Wenn ich mir was verstauche, hab ich schlussendlich auch nichts gekonnt. Trotzdem ging ich zum Fenster, öffnete es und es ließ sich auch breit öffnen. Ich sah mich um, irgendwas langes. Irgendwas, was ich am Bett festmachen kann. Aus einer Kiste rakte etwas. Ich öffnete sie und fand sie voll mit Seilen. Das ist creepy.

Ich nahm eins heraus, es war absolut lang und legte es doppelt. Darüber nachzudenken, wozu man sowas brauchte, wollte und konnte ich in den Moment gar nicht. Wie viele Knoten ich an der Metallschlaufe am Bett gemacht hatte wusste ich nicht. Auch hier versuchte ich so wenig wie möglich darüber nachzudenken wieso hinterm Kopfende für so eine Schlaufe Platz war. Ich warf das Seil aus den Fenster, es reichte hoffentlich so, dass ich sicher Landen konnte. Jedoch überlegte ich es mir anders, ich nahm ein weiteres Seil, fädelte es durch das andere durch und machte einen Knoten am Ende. Nun reichte es bis zum Boden. Ich atmete aus, meine Hände zitterten. Noch hatte ich niemanden gehört, der ins Haus gekommen war. Ich zog kräftig am Seil, das Bett bewegte sich keinen Millimeter und kletterte dann aus den Fenster.

Meine Hand verkrampfte sich um das Seil, doch ich schaffte es irgendwie sicher auf den Boden zu landen. Ich blieb in der Hocke, nichts war zu hören. Die ausgetrocknete Wiese, die Ausfahrt, die Straße. Ich war draußen. Zitternd richtete ich mich auf, doch als ich einen Schritt gehen wollte, schoss etwas durch meinen Körper. Der Stromschlag war hart und ließ mich auf die Knie sinken. Scheiße. Wo kam das denn her? Meine Finger legten sich um meinen Hals und in den Moment, wo ich begriff, öffnete sich die Haustür. Michael lief auf mich zu. Als ich einen Schritt zurückging, durchzog mich wieder ein Stromschlag. Ein ekelhaftes Pochen war an meinen Kopf und mir wurde schwindlig. Der Mann packte mich am Arm und zerrte mich wieder ins Haus. Ich versuchte mich zu wehren, doch es klappte nicht. Egal wie sehr ich nach ihn trat oder schlug, ich wurde einfach zum Haus gezerrt. Ich wollte gerade schreien, da legte er seine Hand um meinen Mund, überwand die letzten Schritte bis zur Tür und schloss diese hinter mir.

"Dumme Göre. Als ob du wirklich dachtest, dass das funktioniert!" Zischte er und zerrte mich Richtung Kellertür.

Meine Augen weiteten sich und ich versuchte mich immer mehr gegen ihn zu stemmen. Da unten hatte ich keine Chance. Wenn ich unten war, gab es keinen Weg. Michael riss die Tür auf und stieß mich die Treppe runter. Kein Schrei entwich mir, die erste Stufe hatte die Luft aus meiner Lunge gedrückt. Hustend, nach Luft ächzend lag ich am Treppenende, wärend er entspannt mir hinterherkam. Die Tür nach oben, zur Freiheit verschlossen. Mein Kopf brummte, wärend meine Glieder einfach nur schmerzten.

"Sayo, Sayo, Sayo, du reitet dich nur immer mehr in die Scheiße rein."

"Lia." Krächzte ich und richtete mich auf.

"Mein Name ist Lia."

"Und du hörst scheinbar auch nicht auf." Als er bei mir war, flog mein Kopf und damit auch mein ganzer Körper zur Seite.

Tränen liefen stumm über meine Wange, wärend er mich durch den Keller schliff und ich den mir bekannten Raum sah.

"Fass mich nicht an! Lass mich in Ruhe!" Schrie ich, als er versuchte mir die Kleidung auszuziehen.

Es knallte und dann landete mein Kopf am Waschbeckenrand. Alles drehte sich. Nein. Ich musste wach bleiben. Schwarze Punkte tanzten vor meinen innneren Auge. Ich wollte wach bleiben, mich wehren. Nicht nutzlos zusehen, wie er mich auszog und den Raum verließ. Ich wollte mich wehren, sodass ich nie wieder hören musste, wie er die Schlüssel im Schloss drehte. Doch das alles passierte nichts. Alles drehte sich und ich hatte Angst vom Boden zu fallen, auf den ich lag. Es war wie in einen Rausch. Doch dieser endete bald und die Kälte fing mich wieder ein.

Ich bin Lia, ich bin 18 Jahre alt. Ich bin ein normales Mädchen, habe mein Abi gemacht und ab Oktober würde meine Ausbildung beginnen und ich in meine eigene Wohnung ziehen. Ich bin ein freier Mensch. Ich kann mich frei bewegen, essen und trinken wann und was ich will.

Das war ich. Nur nicht hier.

Hier war ich Sayo, immernoch 18 Jahre alt, eine Sklavin, dessen Entscheidungen alleine der Herr, Michael, fällen würde. Ich sollte hier was willenloses sein, dass auf die Worte eines Fremden hört.

Doch das war nicht ich. Ich war ich und ich würde das immer beibehalten. Niemals würde ich seinen Wunsch annehmen, seinen Befehl. Ich würde stark bleiben, stark bleiben und diese Hölle aus Dunkelheit und Kälte verlassen.

Hoffe ich zumindest.

No escapeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt