Die Fahrt verlief wie die Hinfahrt, ohne weitere Ereignissen. Es war meistens still, es lief kein Radio, die nacht im Auto verlief ohne Probleme und auch die Grenzen durchquerten wir ohne eine einzige Kontrolle. Ich konnte sehen, wie das Schicksal, meine Gefangenshaft bei Michael nur befürwortete. ICh sollte mich nicht dagegen wehren. Wenn es einen Gott gab, dann hatte er diesen Weg für mich gewählt und meinen Schutzengel schon vor Monaten ins Grab geschickt. Aber war das wirklich so schlimm? Es hätte mich anders treffen können. Was wenn Simon mich in dieser Sommernacht gefunden hätte? Wäre ich dann überhaupt noch? Ich wusste, dass der eigentliche Plan war mich zu töten, doch wer weiß, ob der Blondhaarige nicht auf die gleiche Idee gekommen wäre, wie mein Herr. Ob ich dann in seinen Diensten wäre? Hätte er mich schon verkauft oder darauf vorbereitet? Das Leben konnte sich so schnell ändern, nur eine einzige Begegnung reichte aus und alles war aus den Fugen, außerhalb der eigenen Kontrolle. Eine einzelne Entscheidung konnte das Leben komplett verändern und irgendwie war die Erkenntniss erschreckend. Ich hab es erlebt, am eigenen Leib konnte ich spüren, wie schnell alles anders war und hier saß ich, neben meinen Peiniger, mit Narben auf den Körper, die ich sonst so nie in meinen Leben wohl erhalten hätte. Ich konnte Stunden darüber nachdenken, denn es war das einzige, was ich mir wirklich traute. Andere Dinge, Erinnerungen, Aufgaben, die ich sonst nie bewältigt hatte, das Leben meiner wichtigsten Leute, die sorge, die sie vielleicht in sich trugen, sie waren alle egal, alle Vergangen und ich würde sie nicht wieder sehen. Ich hoffte es nicht einmal, denn wer würde seine Tochter, seine Freundin in diesen Zustand wieder sehen wollen?
"Darf ich sterben?" Bevor ich überhaupt darüber nachdachte, entkamen mir die Worte.
"Irgendwann stirbt jeder einmal." Er sah mich an. Ich spürte seinen Blick auf mir, wärend ich die Gegend erkannte, in der wir waren. Nicht mehr lange und wir wären wieder bei ihn zu Hause.
"Ich weiß. Ich meine auch nicht wirklich sterben."
Er sah wieder auf die Straße. Ich sah ihn aus den AUgenwinkel heraus an. Knapp drei Monate. Es fühlte sich an, als wäre ich eine Ewigkeit bei ihn. Die Bäume waren bunt, als ich in Freiheit war, war Hochsommer, doch nun siegte die Kälte wieder über die Außentemparatur. Der Nebel schien den ganzen Tag über nicht verschwinden zu wollen und wurde jetzt in der Dämmerung immer stärker. Die Nebenstreifen zogen über die Felder, fast surreal, wenn man den Anblick sah.
"Darf ich mir etwas von Ihnen wünschen, Herr?"
"Ich bring dich nicht um." Konterte er.
"Auch nicht für meine Vergangenheit? Ich möchte nicht, dass sich andere Menschen weiter Hoffnung machen. Würden sie mich für sie sterben lassen?" Wollte ich wissen.
Ein amüsiertes Lachen verließ seine Lippen. Verwirrt richtete ich mein Gesicht zu ihn. Der Mann schüttelte leicht lächelnd den Kopf.
"Du denkst doch nicht, dass ich nicht schon selbst auf die Idee gekommen bin oder? Wenn es dein Wunsch ist, deinen Tod vorzutäuschen, kommst du mehr als einen Monat zu spät. Es sucht schon lange keiner mehr nach dir oder hofft, dass du wieder auftauchst. Offiziell gilst du seit den 10. August als tod aufgefunden."
Ich wusste nicht wieso, aber ich musste lächeln. Der Gedanke, dass er schon so etwas getan hat und ich ihn dafür eigentlich hassen müsste...Ich tat es einfach nicht. Es...war belustigend, dass er meinen Wunsch schon erfüllt hatte. Ich lachte, doch zeitgleich tat alle sin mir weh. Ich spürte die Tränen in meinen Wangen aufsteigen, doch wieso sollte ich jetzt weinen? Ich hätte ihn spätestens jetzt darum gebeten.
"Sayo?" Sein Blick lag auf mir.
Etwas wie Verwirrung konnte man ihn ablesen. Doch war es nicht logisch. Wer lachte schon, wenn man erfuhr, dass alle einen für Tod hielten?
"Dann hab ich mir umsonst Sorgen darum gemacht." Ich wischte meine Tränen weg, doch sie hörten nicht auf zu fließen.
Sein Blick lag in den folgenden Metern immer wieder prüfend auf mir, so als wollte er wissne, ob wirklich alles in Ordnung wäre. Doch alles war perfekt. Was sollte auch falsch sein? Es lief alles nach seinen Plan, so wie immer, wenn es mich betraf. Ich musste mir um nichts wirklich mehr sorgen machen. Gott. Ich glaube ich verliere den Verstand. Mein Kopf schien nicht mehr mit mir mitspielen zu wollen. Als wäre er mit allen überfordert. Ich schloss die Augen, atmete tief ein und aus, wollte das durcheinander in mir ruhig werden lassen. als würde ich ein aufgewühltes Meer in einen stillen See verwandeln wollen. Es klappte nicht, doch etwas konnte ich die Wellen beruhigen. Zumindest schlugen sie nicht mehr gegeneinander, sondern gingen alle in eine Richtung. In die richtige, die so viele wohl als Falsch betiteln würden.
Wenn meine Familie mich jetzt so sehen könnte, wie würde sie wohl über mich denken? Ach was rede ich da. Wenn sie nicht mehr trauern, sollten sie wohl keinen Gedanken mehr an mir verschwenden. Wie traurig. So schnell konnte man verschwinden, aus den Leben der anderen ausradiert werden. In meinen Inneren trauerte ich. Nicht um den Verlust meiner selbst, sondern um das Leid, welches ich meinen Liebsten wahrscheinlich zugefügt hatte.
Ich hasste die Kälte. Sie erinnerte mich an das Leid, welches ich in den unterirdischen Räumen erlebt hatte. Schnell hüpfte ich aus den Auto und ins innere des Hauses, hinter mir mein Herr, der die Tür abschloss. Er stellte die Tasche im Flur ab und sah mich an. Noch immer prüfend.
"Komm mal her." Er wank mich wieder an sich ran. Ich tippelte also zu ihn, ließ zu, dass er mein Gesicht in seine Hände nehmen konnte, ließ zu, dass er meine kalten Wangen wärmte, während ich zu ihn hoch sah.
Seine Augen, dieses bekannte und doch fremde grau, waren ruhig, als würde nichts passieren. Unwillkürlich merkte ich, wie sich meien Muskeln entspannten. Ruhig erwiederte ich den Blick. Das Blau, welches ich von meinen Vater hatte, traf auf sein Grau. Das Meer, überdeckt von grauen Wolken, ruhig lag die See, doch das Wetter kündigte Sturm an. Doch nicht jetzt. Irgendwann könnte es ohne jegliche Vorwarnung passieren.
"Wie geht es dir." Wollte er wissen.
"Gut Herr."
"Gut sieht anders aus. Jede Antwort ist besser als gut. Verdammt Sayo, ich hab deinen Tod vorgetäuscht, halte dich als Sklavin und bring dich alles aufzugeben. Dir geht es alles, nur nicht gut und wenn ich mich nach deinen OWhlergehen informieren will, dann hast du gefälligst ehrlich zu antworten, hast du das verstanden!?" Er war wütend.
Ich sah an ihn vorbei, sah in die Leere, sammelte meine Worte, doch ich fand nichts, was meinen Kopf in den Moment wirklich beschreiben könnten. Ich fand keine Worte, die mich wirklich erklärten. Deshalb...
"Ich hab das Gefühl meinen Verstand zu verlieren."
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No escape
RandomNeugier war eine Eigenschaft, die man bei Intelligenten Menschen wieder finden konnte. Ein Zeichen für Intelligenz. Doch meine Neugier hat mich ins Verderben gezogen. Aber war es wirklich Neugier? Ich konnte mich noch an meine zitternden Beine und a...
