Kapitel 42

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Auch wenn die Kerzenständer elektronisch waren, so bildete ich mir ein, dass es wirklich Feuer war, was auf den künstlichen Kerzenspitzen tanze. Ein so gefährliches und zeitgleich schönes Licht sollte man nicht auf wackeligen Ständern tun. Allgemein war der Raum für Feuer ungeeignet. Er wackelte im allgemeinen ganz schön, als würde der Boden immer wieder Wellen schlagen. Mir war schwindlig und nach der dritten Nacht ohne Schlaf, setzten nun richtige Halluzinationen ein. Ich bekam sie nicht einmal wirklich mit, verfiel nicht in Panik, denn so wie sie kamen, gingen sie und sobald sie weg wahren, schienen sie ersetzt wurden zu sein. Gegessen habe ich im Knien. Ich hatte mich nicht auf die Beine gewagt und nach Michaels Erlaubnis durfte ich unten bleiben, was am Abend zuvor noch anders ausgesehen hatte. Doch es waren schon einige Stunden seit dem vergangen. Als ich dachte, ich könnte trotz des komischen Geräuschs schlafen, wurde dieses durch ein anderes ersetzt, wodurch ich weiterhin wach blieb. Ich wusste nicht welch Frequenz angesprochen wurde, doch solange diese da war, würde man mein Gehirn immer weiter dazu bringen wach zu bleiben. Mittlerweile hatte ich sogar Angst für ein paar Sekunden meine Augen zu schließen.

War es schon so spät? Schon Abendbrotzeit? Ich hatte kein Zeitgefühl. Doch es fühlte sich nicht so an, als wäre ein Tag wieder vorbei. Ich sah zu Michael hoch, setzte mich ordentlich hin und wartete. Die Kette schien mich zum Kippen zu bringen. Schlafmangel fühlte sich einfach Schrecklich an. Ich brauchte einfach mal Ruhe. Wenn auch nur für zehn Minuten, nur zehn Minuten die Augen schließen, bitte...

Sobald der Teller leer war, wollte ich wieder in meine Ecke kriechen, doch der Mann hielt mich am Halsband an Ort und Stelle. Ich kniete also weiter vor ihn. Er deutete mir an, so zu bleiben, was ich auch tat. Er kam mit einen Kanister Wasser und zwei großen Schüsseln wieder. Er fing an meine Haare zu waschen. Ich genoss diese kurze Zeit. Es fühlte sich gut an, mal nicht alleine zu sein. Seine Gelassenheit beruhigte mein aufgewühltes Innere und die sanften Berührungen waren wie Salbei für die Seele. Eine gute Abwechslung, zu seiner sonst so groben Art.

Ich zuckte erschrocken zurück, was ihn inne halten ließ.

"Spinne." Ich deutete auf sein Bein. 

Doch da war keine. Das Licht spielte meinen Kopf nur etwas vor.

"Lass sie ruhig da sein." Spielte der Mann mit.

Meine Augen fanden seine. Seine eigentlichen grauen Augen wirkten in diesen Licht nur schwarz. Zögernd sah ich auf die Spinne, die an seinem Bein hochkletterte und nickte. Als der Föhn angeschaltet wurde, hielt ich mir die Ohren zu. Es war viel lauter, als ich in Erinnerung hatte. Michael ließ mich meine Ohren bedecken, kämmte zum Schluss meine trockenen Haare durch und reichte mir eine Zahnbürste. Beim Zähneputzen hatte ich das Gefühl, dass mein Kopf dröhnte, doch das Gefühl der Frische im Mund machte es einfach wieder wett. Alles zusammen dauerte eine halbe Stunde und wurde mit Deo beendet. Als Michael die Schüsseln nahm, rechnete ich damit, wieder allein sein zu müssen. 

Dementsprechend sah man mir die Enttäuschung an. Ich wollte nicht alleine sein. Diese Einsamkeit zerfraß mich. Aber ich korrigierte ihn nicht. Immerhin war er derjenige, der das Sagen hatte. Er ging nicht. Er kam wieder, mit einer faltbaren Matratze. Das erste mal, seit einer gefühlten Ewigkeit, wurde mir die Kette abgemacht und ich wurde an das andere ende des Raums verband. 

"Rühr dich nicht vom Fleck, verstanden Sayo?"

"Ja, mein Herr."

Was sollte das denn? Er holte eine Decke und zwei Kissen, breitete sie auf der Matratze aus. Ich würde doch sowieso kein Auge zubekommen... Er hing die Ketten nach oben, sodass ich nicht dran kommen würde, danach verstaute er alles was auf den Sideboard war und schloss die Schränke zu, den Schlüssel dafür legte er außerhalb des Raums hin. Ich beobachtete ihn währenddessen, als er wieder drin war, schloss er die Tür zu. Verwirrt sah ich zu ihn hoch, sah auf seine Hände, auf irgendwas, was mir sagte, was er erwartete.

Als es kam, kroch ich zu ihn und blieb zu seinen Füßen sitzen. Trotzdem sah ich zu ihn hoch. Zufrieden legte der Mann seine Hand auf meinen Kopf und fuhr durch das frisch gewaschene Haar. Erschöpft lehnte ich mich an ihn, merkte nicht einmal, dass ich es tat. Doch in diesen Moment war er meine Stütze, eine andere besaß ich nicht. 

Etwas war ungewöhnlich, wieder ging mein Blick nach oben, als der Mann sich seinen Pullover auszog und ihn auf das Sideboard legte. Mit einer Hand hielt er mich aufrecht und mit der anderen zog er sich seine Jogginghose und Socken aus. Beide landeten beim Pullover. Er nur in Boxershort, ich nackt.  Wobei ich vergessen hatte, dass ich nackt war. 

"So, ab ins Bett." Er zog mich hinter sich auf die Matratze. 

Skeptisch sah ich ihn an, wehrte mich aber nicht. Es war nicht super weich, aber hundert mal besser als das kalte Laminat. Ich spürte förmlich, wie mein Herz langsamer schlug und wollte es aufhalten.

"Nicht schlafen." Wehrte ich mich, als Michael die Decke über uns legte.

"Wieso nicht?" Der ältere zog mich an sich ran.

"D...das geht nicht. Da ist immer dieses Geräusch." 

Mein ganzer Leib fing an zu Zittern, so als würd ich frieren. Doch ich konnte einfach nicht. So sehr ich es wollte, doch ich konnte meine Augen nicht zu machen. Michael beugte sich über mich drüber, stützte sich dabei mit dem linken Arm auf der anderen Seite von mir ab.

"Och Sayo, solange ich da bin, wird dir niemand etwas tun, erst recht kein Geräusch." Er wusste genau, wovon ich sprach, doch er tat so, als wäre es nicht der fall. Er behandelte mich, als wäre ich ein kleines Kind, dass Angst vor einen Gewitter hatte.

"Versprochen?" Wem wunderte es denn? Mein Gehirn ließ ja nicht einmal richtige Gedankengänge zu .

"Versprochen, kleine Sayo." 

Er sah auf mich runter, ich zu ihn hoch. Wenige Sekunden hielten wir so inne, bis ich nickte und er sich wieder neben mich fallen ließ. Um seine beschützerische Rolle zu verstärken, breitete er die Arme aus, in welche ich huschte. Sein Körper war trainiert, groß und warm. Ich hingegen war klein, dünn und kalt. Es waren die perfekten Voraussetzungen um zu zeigen, dass er alleine vom Äußeren mir kräftemäßig weit überlegen war. Aber es war nichts, was ich nicht schon wusste. ich verkroch meine Kopf in seiner Brust, über welchen er einen Arm legte, der andere diente mir mehr oder weniger als Kissen. 

Beruhigend strich er mir durchs Haar und auch wenn ich immer wieder von alleine aufschreckte, wenn ich merkte, dass ich drohte zu schlafen, hielt es nicht lange. Ich konnte förmlich spüren, wie mein Körper nach und nach erschlaffte und wie ich in eine lang ersehnte Dunkelheit versank.

No escapeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt