Kapitel 8

64 6 0
                                        

Der Polizeioberkommissar Hubert Ulbert stand kurz vor seiner Pensionierung. Er freute sich auf den Ruhestand und dachte an die schönen Reisen, die er mit seiner Frau unternehmen würde.

„Endlich habe ich meine Ruhe vor dem Stress,“ dachte er und blätterte über der Akte, die auf seinem Tisch lag.

Leider wurde sein letzter Monat vor der Pensionierung durch drei Morde getrübt, mittlerweile gingen er und seine Kollegen von einem Zusammenhang aus. Immerhin waren alle drei jungen Männer im gleichen Alter gewesen, zwei von ihnen waren Freunde. Keiner von ihnen war bestohlen worden.
„Sie sind, laut Gerichtsmediziner, eindeutig an einem plötzlichen Herzversagen gestorben. Aber irgend etwas stimmt da doch nicht. Warum sterben so junge Leute, die keinerlei Drogen im Körper hatten, an Herzversagen? Das ist so....unwahrscheinlich!“, grübelte der Polizist.

Der Polizeibeamte sah sich eine Auflistung an. „Hier in der Stadt sind, vor allem in der Nähe der St. Andreas Kirche, seit Jahrzehnten Menschen gestorben! Die ältesten Aufzeichnungen darüber gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück! Vielleicht geht das Ganze sogar schon länger und vor einem Jahr war diese verwirrte junge Frau hier und murmelte etwas von einer Statue, die über der Kirche steht, und die Leute umbringt. Damals haben wir sie ausgelacht, aber irgendwie....glaube ich fast schon, dass was dran ist. Eine Weile sind auch an der hiesigen Gesamtschule Schüler verstorben. Auch da standen damals Statuen auf dem Schulhof. Als nach einer Weihnachtsfeier ein junger Mann zu Tode kam, war ich schließlich da. Die waren ziemlich lebensecht und unheimlich.“

„Herr Ulbert, Sie haben doch schon Feierabend!“, sagte ein jüngerer Kollege und betrat das Büro.

Der Oberkommissar lächelte. „Ja, ich gehe gleich nach Hause! Es ist ja schon spät! Eigentlich wollte ich schon vor drei Stunden Feierabend machen. Aber diese Akte hier war so....spannend!“

Der Kollege blickte den Beamten überrascht an und deutete auf die nun geschlossene Akte. „Lotta Hügel, gestorben am 24.Mai 1978. Das liegt doch schon dreißig Jahre zurück! Das war lange vor meiner Zeit!“

Oberkommissar Ulbert lachte. „Ja, das glaube ich dir gerne. Da gingst du noch in den Kindergarten und hattest gerade gelernt, aufs Töpfchen zu gehen. Aber ich erinnere mich noch an den Fall. Ein junges Mädchen wurde tot vor der St. Andreas Kirche gefunden. Sie starb angeblich an Herzversagen.“

„Angeblich?“, erkundigte sich der Kollege mit hochgezogenen Augenbrauen und der Ältere zuckte die Achseln.
„Es hat sich wohl wirklich um Herzversagen gehandelt, auch wenn man weder Drogen noch Alkohol oder sonst was bei dem armen Mädchen gefunden hat. Aber ihr Vater, ein Arzt, hat ganz schön Druck gemacht. Er war der festen Überzeugung, dass es sich um Mord handeln würde. Schließlich wurde die Akte abgeschlossen, da es keine Hinweise auf ein Verbrechen gab!“

Der Kollege schüttelte den Kopf und lachte schließlich.„Und warum kramst du die alte Akte wieder aus dem Keller? Nostalgische Erinnerungen an einen deiner spektakulärsten Fälle? Ich dachte immer, das wäre der Bankraub von 1984, als du diese beiden Kerle festgenommen hast, die....“

Der ältere Polizeibeamte unterbrach den jungen Kollegen. „Also schöne Erinnerungen verbinde ich wohl kaum damit. Aber es hat ja noch weitere Tote, die angeblich an Herzversagen starben, vor dieser Kirche gegeben. Ich hab mir die mal aufgelistet. Der älteste uns bekannte Fall geht ins Jahr 1874 zurück. Damals starb Friedrich Riegel, 23 Jahre alt. Keine Anzeichen von Gewalt, nach den damaligen Möglichkeiten ging man auch da von Herzversagen aus. Einer der damaligen, nun schon längst verstorbenen Kollegen, hatte einen interessanten Vermerk hinterlassen.

Hubert Ulbert zog einen Zettel hervor. Dieser war bereits ziemlich vergilbt und jemand hatte mit altertümlicher Schrift etwas hinauf gekritzelt. „An manche Dinge sollte man nicht rühren....“

„Wer weiß schon, was er damit gemeint hat. Gehört der in die Uralt-Akte da vorne? Ich wusste gar nicht, dass wir so alte Sachen noch aufbewahren! Ich glaube, wir müssen im Keller mal aufräumen!“, lachte der Kollege und verließ kopfschüttelnd das Büro. „Wird Zeit, dass er in Rente geht....“

Hubert Ulbert erhob sich seufzend und brachte die Akten ins Archiv des Polizeireviers zurück. 
„Irgend etwas ist hier unheimlich! Diese Statue, von der die junge Frau gefaselt hat, wurde im letzten Jahr zerstört. Sie tauchte auch in der Akte Lotta Hügel auf. Ihr Vater war drei Jahre später noch einmal auf dem Revier und meinte, dass sie etwas mit dem Tod seiner Tochter zu tun hätte. Das weiß ich sogar noch, denn an dem Tag habe ich mein Büro renoviert! Dr. Hügel hat in seiner Wut, weil niemand ihm zuhören wollte, einen meiner Farbeimer umgekippt und mich gefragt, ob ich nichts besseres zu tun hätte, als mein Büro zu streichen. Ich solle lieber diese Statue, die seine Tochter auf dem Gewissen habe, verhaften!“

Mit einem Grinsen dachte Oberkommissar Ulbert: „Aber das Büro hatte es wirklich nötig und wir legen hier schon mal selbst Hand an. Und das letzte was wir da brauchen konnten, war ein Verrückter. Jetzt frage ich mich, ob er wirklich verrückt war. Stimmte mit dieser Statue wirklich etwas nicht? Meine Oma hat mich als Kind immer gewarnt, bei Nacht dort vorbei zu gehen. Jetzt ist sie weg, aber es gibt wieder Tote, die angeblich an Herzversagen sterben. Nur findet man sie nicht mehr unbedingt an der Kirche und sie werden vorher schwer misshandelt. Wer hat das nur getan? Der Täter muss sehr kräftig sein und geht mit äußerster Gewalt vor.....

Der Oberkommissar verließ das Polizeirevier und beschloss spontan, an der Kirche vorbei zu gehen......



Am nächsten Morgen standen mehrere Beamte sichtlich erschüttert vor ihrem toten Kollegen Hubert Ulbert, der doch in einem Monat hatte in Rente gehen wollen.

„Der arme Hubert! Was hatte er denn mitten in der Nacht hier zu suchen? Das ist doch ein Umweg, wenn er nach Hause geht! Und warum hat er nicht sein Auto genommen? Das steht noch immer auf unserem Parkplatz!“, sagte sein Kollege, mit dem er am Vortag noch gesprochen hatte. „Er hat sich für diese Morde interessiert, und hat sich auch mit älteren Fällen beschäftigt, bei denen es hier Tote gab!“

„Vielleicht hat er sich zu sehr dafür interessiert?“, ließ sich nun ein anderer Kollege vernehmen. „Meine Opa war hier schon Polizist, der hat schon vor fünfzig Jahren gesagt, dass man, wenn man hier Tote findet, nicht zu sehr daran rühren sollte!“

„Aber das hier ist Hubert! Das können wir doch nicht auf sich beruhen lassen,“ wandte eine junge Kollegin ein. „Der Kollege von der Spurensicherung meinte gerade, dass man ihm beide Arme gebrochen hat und er hatte viele Prellungen.....genau wie bei den drei Toten. Wir müssen diesen Kerl, der das macht, endlich schnappen! Und was möchte der ältere Herr dort drüben? Ich gehe mal zu ihm hin, er starrt schon die ganze Zeit hier hinüber“

Einer ihrer Kollegen wollte die Frage beantworten, doch die Beamtin hatte sich bereits auf den Weg gemacht.


Die junge Polizistin eilte auf einen älteren Herrn zu und grüßte ihn kurz. „Sie stehen schon die ganze Zeit hier.“
„Das machen die anderen Leute auch! Sehen Sie nicht die Gaffer da drüben?“, fragte der Mann unfreundlich.

Die Beamtin nickte. „Ja, die sehe ich auch. Mein Kollege kümmert sich schon um sie. Aber Sie.....“

„Ich bin der, der Sie angerufen hat! Ich habe den Toten heute Morgen gefunden! Ich gehe immer hier vorbei! Tut mir leid um den armen Mann!“, sagte der Mann nun ein wenig freundlicher und die Beamtin nickte unglücklich. „Ja, es ist wirklich schrecklich!“

Sie kehrte zu ihren Kollegen zurück und sah nicht, dass der Mann den Kopf schüttelte. „Ihr werdet gar nichts gegen den Mörder ausrichten können! Niemand kann das! Es wird schlimmer und schlimmer werden!“

Dämonische Statuen - Teil IIWo Geschichten leben. Entdecke jetzt