Emila zog die Fäden in Jaz Arm am nächsten Tag. Er hielt still, die Lippen leicht zusammengekniffen aber ansonsten ohne das Gesicht zu verziehen. Falrey fragte sich in beunruhigender Vorahnung, ob das hiess, dass es wirklich nicht allzu wehtat, oder ob Jaz sich einfach mal wieder nichts anmerken liess.
Er selbst blieb weiterhin zuhause, versuchte sich mit Lesen abzulenken, aber spätestens nach dem er einen Teil der Bücher zum zweiten Mal durch hatte, war ihm so langweilig, dass er sich fragte, ob er Emila begleiten sollte, um nicht zu versauern. Er hasste es dazu verdammt zu sein, untätig herumzusitzen.
Schliesslich ging er spazieren. Die Wunde zehrte immer noch an seiner Energie, er musste manchmal eine Pause einlegen und vermied jede unbedachte Bewegung. Gleichzeitig war er kribbelig, sein Blick glitt wie von selbst immer wieder zu den Dachkanten hoch, als wäre sein Körper bis oben voller Anspannung, weil er seit Tagen nichts von all dem tun konnte, wozu er eigentlich in der Lage gewesen wäre. Falrey verstand Jaz Angewohnheit, sich nicht am Emilas Anweisungen zu halten. Es war nur das Wissen aus Miras Unterricht darüber was alles schief laufen konnte, dass er echt gut davon gekommen war damit, dass der Stich nicht tiefer gegangen war, dass sich die Wunde nicht entzündet hatte, dass sie ohne Komplikationen zu verheilen schien, dass es ihm viel beschissener gehen würde, wenn er sein Glück so herausforderte, dass irgendetwas passierte, das ihn davon abhielt, den Schmerz für einen Moment in Kauf zu nehmen, um einfach wieder mal zu rennen.
Das, und dass er, wenn die Wunde wieder aufriss, viel länger geschwächt sein würde – falls er sich überhaupt wieder ganz erholte. Das konnte er sich nicht leisten. Man überlegte nicht in Niramuns Schatten, wenn man nicht voll da war, und Jaz würde seine Hilfe brauchen, früher oder später, auch wenn er es nicht zugeben mochte.
Auf dem Rückweg liess er sich Zeit, suchte verzweifelt nach irgendeiner Idee, womit er sich beschäftigen konnte, wenn er wieder zuhause war. Was hatte er eigentlich früher in den Wäldern getan an all den langen Abenden, die er nur zusammen mit Mama im Haus verbracht hatte? Ihm fiel etwas ein, er hielt Ausschau und entdeckte schliesslich eine Tischlerwerkstatt.
Während er eintrat, fragte er sich noch, ob er hier auch gewesen war, als er eine Anstellung gesucht hatte, und tatsächlich erkannte er den Handwerksmeister, der an einem kleinen Möbel arbeitete, wieder als einen der Typen, die ihn damals kaum zur Kenntnis genommen hatten. Auch diesmal dauerte es eine Weile, bis er bemerkt wurde, schlicht weil er den Typen nicht ansprach, sondern nur dastand und wartete, aber als der Mann schliesslich von seiner Arbeit aufblickte und beinahe zusammenzuckte, war der Blick in seinen Augen ein ganz anderer als in Falreys Erinnerung.
Falrey unterdrückte ein schiefes Grinsen, kaufte ihm einen kleinen Stapel an Restholz ab und machte sich damit auf den Heimweg. Er wurde den Verdacht nicht los, dass er diesmal vielleicht sogar eingestellt worden wäre. Nicht als Tischlergeselle – diese Bürger waren ein überhebliches Pack – aber zumindest als Handlanger. Obwohl er im Moment nicht mal wirklich arbeitsfähig war. Jetzt, wo es keine Rolle mehr spielt. Jetzt, wo er es nicht mehr brauchte, weil er eh schon mit anderthalb Beinen in einer anderen Welt stand. Idioten.
Er kehrte nach Hause zurück, holte sein altes Arbeitsmesser aus dem Rucksack und setzte sich in die Küche, um zu schnitzen.
In dieser Nacht hörte er Jaz nach Hause kommen. Er hatte das Gefühl, dass es bereits gegen Morgen zuging, auch wenn von der Dämmerung noch nichts zu sehen war, als er seine Schritte auf der Treppe hörte, schwer und unregelmässig, als würde er taumeln. Im Türrahmen blieb er stehen. Es war kurz nach Neumond, kaum Licht fiel in den Raum, aber die Haltung von Jaz Schemen sagte Falrey, dass er sturzbetrunken war. Das Metall des Flachmanns schimmerte leicht in der Dunkelheit, als er ihn hob, um einen Schluck zu trinken, dann liess er sich mit der Stirn gegen den Türrahmen kippen.
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Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasyEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
