Falrey lag auf einem Dach, den Bauch gegen den kalten Stein gepresst, unsichtbar im Schatten eines höheren Gebäudes, und behielt den Schemen im Blick, der sich ein Dach weiter undeutlich gegen eine Reihe von Schornsteinen abhob. Obwohl der Mann umgekehrt genauso freie Sicht hatte, hatte er ihn nach wie vor nicht entdeckt. Falrey wusste, dass er jemand war, der von Leuten manchmal sogar dann übersehen wurde, wenn er ihnen am hellen Tag gegenüberstand, aber der Typ war immerhin ein Wachposten, der die umliegenden Dächer im Auge behalten sollte, dennoch hatte er nichts bemerkt, während Falrey über die rückwärtige Dachkante gekrochen war und sich langsam vorgeschoben hatte, immer nahe an der Wand. Es war faszinierend, was Lichtverhältnisse ausmachen konnten.
Falrey seinerseits hatte von seinem jetzigen Platz aus einen guten Ausblick auf das Dach mit der Wache, aber auch über die Gasse unter ihnen und den zweiten Mann, der im Schein einer Laterne neben dem Eingang des Hauses gegenüber lehnte. Einer auf dem Dach, einer vor dem Eingang, wie Jaz gesagt hatte, und Falrey hatte das Gefühl, dass das hier vermutlich der einzige Puppenspieler Niramuns war, der seine Leute mit Grips aufgestellt hatte, nämlich so, dass sie einander sehen konnte, sodass es zumindest auf den ersten Blick unmöglich schien, einen davon auszuschalten, ohne dass es der andere merkte und Alarm schlug.
Dafür waren sie nur zu zweit. Zwei Wachen, zwei Jäger, die auf sie angesetzt waren. Und gemessen daran, dass es sich bei letzteren um Jaz und Kreon handelte, zweifelte Falrey keinen Moment daran, dass der Angriff schnell und völlig unbemerkt über die Bühne gehen würde. Ihm fiel auf, dass er Kreon noch gar nie in Aktion gesehen hatte, und obwohl es vielleicht unangebracht war, musste er zugeben, dass er neugierig darauf war, ob er wirklich so gut war, wie die Leute behaupteten.
Falrey wartete. Es war weit nach Mitternacht und die meisten Fackeln waren längst erloschen, dennoch war er hell wach. Die letzten Nächte über hatte er Kohle geschleppt, aber obwohl Jaz Pliss gegenüber offiziell gesagt hatte, dass Falrey bei dem Auftrag nicht dabei sein würde, hatte er keine Einwände erhoben, als Falrey angeboten hatte, wache zu halten.
„Nur eine Bedingung", hatte er gesagt. „Du bleibst wirklich draussen."
„Warum?", hatte Falrey misstrauisch gefragt. „Bringst du wieder Kinder um?"
„Ich rechne nicht damit", hatte Jaz geantwortet und Falrey war klar gewesen, dass die unausgesprochene Ergänzung darauf lautete: Aber vielleicht auch schon. „Aber wenn du auf fremden Boden bist und sich jemand von hinten an dich anschleicht, dann steckst du ihm besser ein Messer zwischen die Rippen bevor du nachsiehst, wer es ist. Und wenn ichs nicht mach, dann Kreon."
Das war ein berechtigtes Argument. Falrey war nicht einmal ganz klar, ob Kreon überhaupt wusste, dass er hier war, Jaz hatte nichts darüber gesagt und sich alleine aufgemacht, um ihn zu treffen, nachdem er Falrey gezeigt hatte, wo er sich am besten positionieren konnte.
Zeit verstrich und Falrey fragte sich, wie lange er noch warten würde, als er eine flüchtige Bewegung wahrnahm, auf dem Dach hinter dem Wachposten. Als er hinsah, konnte er überhaupt nichts ausmachen, und hätte er es nicht besser gewusst, hätte er geglaubt, dass er sich getäuscht hatte. Dann erneut eine Bewegung, langsam, fliessend, sodass sie keine Aufmerksamkeit auf sich zog, flach dem Dach entlang. Falrey erkannte Jaz Schleichmuster und beobachtete, wie er sich vorschob, Handbreit um Handbreit, so weit es ging im Sichtschutz der Schornsteine.
Es fehlten ihm keine zwei Schritte mehr, als schliesslich auch der Wachposten etwas bemerkte und herumfuhr. Ihm blieb keine Zeit aufzuspringen, denn Jaz schnellte vor wie eine gespannte Feder, mit der Dolchspitze zuvorderst. Die Wucht des Aufpralls trug sie bis an die Dachkante und Falreys Blick fuhr hinunter zum Posten am Eingang. Der Mann hatte definitiv bemerkt, was passiert war, aber falls er etwas hatte rufen wollen, war es jetzt zu spät dafür, denn ihm ragte das Heft eines Wurfmessers aus der Kehle. Erstickte Laute von sich gebend taumelte er in Richtung der Tür, kam jedoch keinen halben Schritt weit, bis Kreon, der völlig aus dem Nichts aufgetaucht schien, ihn erreicht hatte. Er riss den Mann am Haarschopf zu sich, durchtrennte ihm mit einem Schnitt den Kehlkopf und stiess ihm die Klinge von unten her in den Schädel. Die Bewegung war kaum mehr als ein Zucken, fast zu schnell, um sie wahrzunehmen, aber Kreons Dolch war danach blutrot und der Wächter ging zu Boden, ohne einen weiteren Laut von sich zu geben, als hätte man ihm sämtliche Sehnen gekappt. Falrey schauderte. Gut, Kreon wusste definitiv, was er tat.
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Niramun III - Mit Faust und Klinge
FantasiEmila wird bald zu Bodir ziehen. Jaz sucht nach Umairat, obwohl ihm jeder mit Verstand davon abrät. Seniah träumt von einem besseren Leben. Falrey versucht irgendwo zwischen Hochöfen, Lilith's und Puppenspielern er selbst zu bleiben. Aber was bedeut...
