Kapitel 27 - Schicksal

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Als er schliesslich in der dunkelsten Morgenstunde nach Hause kam, war er müde genug, um sich nur noch auf seine Matratze fallen zu lassen. Er schlief mässig, träumte Mist und als er irgendwann nach dem Mittag wirklich wach wurde, war Jaz bereits ausser Haus.

Mit einer Schüssel Breireste von Emilas Frühstück setzte er sich an den Küchentisch und ass, dann suchte er einen Schleifstein und machte sich daran, sein Stiefelmesser zu schärfen. Das eigene, das Jaz ihm vor mehr als einem Jahr gekauft hatte, nicht das, das er irgendeiner armen Sau bei Asren abgenommen hatte. Wenn er schon ein Messer im Gesicht hatte, dann wenigstens nicht eines, das einem Mann gehört hatte, an dessen Tod er letzten Endes irgendwie mitschuldig gewesen war. Er dachte an Miras Kerze, nahm sich vor, sie bei nächster Gelegenheit zu fragen, was genau die Mittel waren, mit denen man sich rachsüchtige Geister vom Hals hielt. Vielleicht konnte er es brauchen. Jaz bestimmt.

Als die Klinge so scharf war, wie er sie hinbekam, holte er den Flachmann, polierte die Oberfläche, rieb sein Gesicht mit Seifenschaum ein, wie Bodir es erklärt hatte, versuchte sich zu rasieren. Wenn er ehrlich war, hatte er immer noch keine Ahnung, was er da tat. Du hättest Djora fragen können, dämmerte ihm. Djora musste sich rasiert haben, Falrey hatte ihn nie mit Bartstoppeln gesehen und er war älter. Älter gewesen, korrigierte er.

Er biss reflexartig die Kiefer zusammen und brachte es prompt fertig, sich zu schneiden. Fluchend drückte er die Finger auf die Stelle, um den Schmerz zu unterdrücken und die Blutung zu stoppen, aber es gelang ihm erst nach einer ganzen Weile. Djora, du verdammter Idiot, dachte er mit einem verdächtigen Brennen in den Augen. Warum?

Es war eine leere Frage. Er wusste, warum. Vielleicht besser als irgendjemand sonst. Das Seifenwasser brannte im Schnitt, aber er ignorierte es, machte weiter.

Er war zu früh im Liliths, stieg die Treppe hoch und klopfte an Ezalis Tür. Sie öffnete ihm in Unterwäsche. „Besser?", fragte er.

Ezali musterte ihn kritisch, dann seufzte sie und winkte ihn herein. „Setz dich."

Aus einer Schublade ihrer Kommode zog sie ein winziges Klappmesserchen. „Keine Sorge, ich habe es gründlich geputzt", meinte sie grinsend, während sie damit vor ihn trat und sein Kinn hob. Er schloss schicksalsergeben die Augen und liess sie machen.

Ihr Griff war wesentlich sanfter als der von Jaz und Falrey hätte gelogen, hätte er behauptet, dass es nicht ziemlich angenehm war, mal von jemandem berührt zu werden, ohne dass es blaue Flecken hinterlassen würde. Schmerzlich wurde ihm bewusst, wie sehr er auch diesen Teil der Zeit mit Nemi vermisste. Die Umarmungen. Die warme Haut ihrer Wangen unter seinen Fingern. Das Gefühl, eine andere Hand zu halten, sanft, vorsichtig. Das warme Kribbeln der Berührungen. Er konnte schon verstehen, warum Djora es bei Samalja versucht hatte. Auch wenn es dumm gewesen war. Und jetzt war er tot. Würde nie wieder etwas spüren. Für Agush und Alkohol. Du verdammter Idiot! Falrey hätte ihm am liebsten eine gescheuert, hasste sich gleichzeitig selbst dafür. Am liebsten wäre er aufgestanden und davon gelaufen. Das war alles so falsch. Ihn mochten sie. Und Djora, der es so viel dringender gebraucht hätte...

Er grub die Finger in die Seiten des Stuhls, zwang sich still zu halten, bis Ezali zurücktrat, um das Rasiermesser auszuspülen und es wieder in der Schublade zu verstauen. „Besser", meinte sie.

Falrey stand auf. „Ich schätze, ich brauche irgendwann einen Spiegel", murmelte er, gefolgt von einem deutlicheren: „Danke."

Als er bereits an der Zimmertür war, hielt er noch einmal inne. Er zögerte, dann fragte er: „Geht jemand von euch an die Beerdigung morgen?"

Ezali schüttelte den Kopf. „Denke nicht, dass wir dahin passen würden. Die meisten müssen eh arbeiten."

Falrey nickte nur. Gegen Vitar kam Jelerik, teilte ihm mit, dass er jemanden gefunden hatte und wo der Trauerzug beginnen würde. Falrey wusste nicht, ob er gehen sollte. Er passte doch genauso wenig zwischen die Mitglieder von Djoras Familie wie Ezali. Aber vielleicht war gerade das ein Grund zu gehen. Um zu zeigen, dass es zumindest jemanden gab, den Djoras Tod interessierte, der nicht durch Verwandtschaft dazu verpflichtet war. Er wusste auch nicht, was das noch bringen sollte, aber hatte das Gefühl, es Djora schuldig zu sein. Wenigstens das. Das Schuldgefühl sass hässlich in seiner Kehle, liess sich kaum hinunterschlucken.

Niramun III - Mit Faust und KlingeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt